Erwan Bouroullec

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Text: Tim Berge
Foto: Tom Ziora, Ronan Bouroullec

Erwan und Ronan Bouroullec spielen seit Jahren in der Königsklasse des Designs: Ein Beleg dafür ist die bereits 15 Jahre währende, enge Zusammenarbeit mit dem Schweizer Möbelhersteller Vitra, für den das Duo das mikroarchitektonische System Workbays entwickelt hat. Anlässlich der Präsentation in der Berliner St. Agnes-Kirche trafen wir Erwan Bouroullec zu einem Gespräch über die Zukunft des Arbeitens, die Wertlosigkeit von Regeln und die Vorteile abgerundeter Ecken.

Herr Bouroullec, Sie arbeiten mir Ihrem Bruder in einer Partnerschaft: Wie sieht Ihre Rollenverteilung aus?
Wir teilen alles, bis auf unser Privatleben! (lacht) Jedes Projekt wird von uns gemeinsam bearbeitet: Das ist Qualität und Schwierigkeit zugleich. Im Designprozess, vom ersten Entwurf bis hin zur gebauten Realität, wird mit einem enormen Fokus gearbeitet, und wir versuchen immer, die Dinge auf das Wesentliche zu Reduzieren: weniger Material, weniger Form und weniger Details. Aber um auf die Aufgaben die richtigen Antworten zu finden, bedarf es vieler Diskussionen. Die Vorgaben der Industrie sind hart: Daher möchte ich manchmal gerne einer Situation entfliehen – und mein Bruder möchte das sicher auch in einigen Momenten. 

Und schaffen Sie das?
Nein, ich kann es nicht, und er kann es auch nicht. Aber das macht die Qualität unseres Designs aus: Wir müssen bei jedem Projekt unsere Uneinigkeiten lösen. Und „lösen“ bedeutet eben nicht hinzufügen, sondern reduzieren. Dadurch wird unsere Arbeit fokussierter und die Ideen dahinter klarer. Es ist schade, aber die Welt ist leider keine Wiese voller Blumen und glücklicher Tiere, sie ist komplizierter. 

Die Beschreibung Ihrer Zusammenarbeit wirkt wie ein Prototyp der Workbays, die Sie für Vitra entworfen haben: ein Ort des Fokussierens und der Konzentration.
Wir sind immer daran interessiert, Produkte zu entwerfen, die auf der einen Seite funktionale Bedürfnisse befriedigen und auf der anderen Seite eine besondere Lebenweise vorschlagen, die wir – als Designer – auch vertreten können. Die technischen Aspekte zu erfüllen, ist relativ einfach im Vergleich dazu, den Objekten etwas Kultur einzuhauchen, ihnen etwas Ehrliches zu verleihen. Ein weiterer Punkt ist, dass wir unsere Arbeit nicht als globale Lösungskonzepte betrachten, sie müssen nicht überall ihre Wirkung entfalten! 

Aber die Workbays besitzen schon etwas Universelles! 
Ja, durch ihre Formensprache besitzen sie etwas Einheitliches, und wir haben versucht, verschiedene Gemeinschaftsfunktionen in ihnen zusammenzuführen: Die Workbays sollen mehr als nur eine Wand im Raum sein. Aber am Ende sind sie einfach ein Möbelstück, das, wenn man es mit einem Auto vergleicht, eben nicht für jede Straße geschaffen ist und irgendwann aus Altersgründen wieder verschwindet! Ich mag es, wenn Produkte eine formale Aussage treffen und für eine gewisse Vielfältigkeit im Raum sorgen. 

Wir befinden uns hier gerade an der ersten Station der Vitra-Workshop-Reihe The Workbays Way – beyond office space. Dabei geht es um nicht weniger als „die Zukunft des Arbeitens“: Wie sieht die aus Ihrer Sicht aus? 
Ich glaube, die Zukunft findet heute statt! Die Workbays bieten eine effiziente Lösung für die Jetzt-Zeit, aber es gab schon früher ähnliche Objekte. Alle Funktionen, die wir mit dem Produkt anbieten, waren schon immer Teil der Architektur und sind wichtige Komponenten der Büroplanung: Arbeitsplatz, Besprechungsraum, ein Platz zum Telefonieren. All das wird ganz einfach benötigt. Nur dass wir diese Orte in einem einzigen Element zusammenfassen: Du bestellst es, baust es auf und fertig ist es! Damit stellen wir uns der Realität. Ich glaube, dass heute alles ein bisschen schneller und weniger starr abläuft als früher – und das verunsichert viele Menschen. Es gibt nicht mehr den einen Job, den man sein Leben lang macht. Und auch die Firmen kommen und verschwinden in atemberaubendem Tempo: wie Blackberry oder Facebook. 

Vitra-Workshop in Berlin
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Warum hat sich die Bürowelt in den letzten Jahren so sehr verändert?
Es gibt heutzutage eine viel größere Vermischung von Privat- und Arbeitsleben – den Hauptanteil daran haben Mobiltelefone. Sie sorgen dafür, dass du alles, was du benötigst, immer mit dir führst. Es gibt keinen Ort mehr, an dem du nicht arbeiten kannst! Und es gibt auch keinen Ort mehr, an dem du dich nicht um deine privaten Angelegenheiten kümmern kannst. Zwischen diesen Polen ein Gleichgewicht zu schaffen, sollte das Ziel sein. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Ergonomie: Sie genießt einen steigenden Stellenwert in der Möbelwelt. Und obwohl wir mit Tyde auch einen höhenverstellbaren Tisch für Vitra entwickelt haben, bin ich mittlerweile der Meinung, dass es besser wäre, den Fokus auf mehr natürliche Bewegung im Raum zu legen: Warum sollte ein Möbel deine Bewegungen anregen? Vielmehr sollten wir mit neuen Raumorganisationen, Geometrien und Gestaltungen dafür sorgen, dass die Menschen von alleine ihre Körperhaltung ändern, von einem Ort zum anderen laufen oder eine Weile im Stehen verbringen. Und damit wären wir wieder beim ersten Punkt: Wenn du einen Anruf bekommst, dass dein Kind krank ist, solltest du die Möglichkeit haben, das Gespräch an einem ruhigen Ort zu führen – und nicht unbedingt an deinem Arbeitsplatz. 

Aber finden Sie, dass das eine ausschließlich positive Entwicklung ist?
Ich bin ziemlich glücklich über die Art und Weise, wie wir in der westlichen Welt leben: Unterschiede zwischen den Menschen zählen immer weniger, jeder kann offen so leben, wie er oder sie es möchte. Und obwohl immer einige Leute sagen werden, dass es früher besser war, scheint unsere Gesellschaft mehr und mehr die Vielseitigkeit unserer Daseinsformen zu akzeptieren. Und projiziert auf die Bürowelt hat dieser Facettenreichtum auch eine Menge positiver Effekte. Was ich allerdings nicht nachvollziehen kann, sind die vielen Regelungen: In unserem Studio zählen wir nicht die Urlaubstage, oder wie viele Stunden die Angestellten pro Tag anwesend sind. Es gibt Zeiten, da muss mehr gearbeitet werden, und in den Sommerwochen oder zu Weihnachten fahren die Leute in den Urlaub. Aber für mich haben Regeln immer etwas Altertümliches: Ich erkenne darin keinen Wert für die heutige Zeit! 

Wie sehen Sie die Open-Space-Entwicklung?
In Europa wird der Open Space oft falsch umgesetzt: Es geht nur darum, viel Volumen herzustellen und dadurch zu verdichten. Warum kann man nicht ein kleines Café oder eine Bibliothek hinzufügen? Ich finde, dass eine gute Atmosphäre und wenig Hierarchie eine sehr wichtige Rolle am Arbeitsplatz spielen: Wenn man gemeinsam lachen kann, kann man auch viel besser zusammenarbeiten.

Vielleicht ist das ein Grund dafür, warum es das Büro als Ort überhaupt noch gibt?!
Ich persönlich glaube, dass wir viel zu wenig auf unseren Körper und unsere Empfindungen hören und das tierische Element zu verlieren drohen: Dagegen müssen wir ankämpfen! Ich finde es beeindruckend, wie ein Pferd den heranziehenden Sturm spürt – diese oder ähnliche Sinneswahrnehmungen besitzen wir auch. Natürlich hat das numerische Zeitalter seine guten Seiten: Wir können viele Informationen auf einmal transportieren, und geografische Grenzen spielen kaum noch eine Rolle. Aber am Ende ist der Ort „Büro“ mit seinen verstaubten Oberflächen und unaufgeräumten Schreibtischen unverzichtbar für unser Empfinden.

Wie sah denn die Entwicklung der Workbays aus?
Unser gestalterisches Ziel als Designer war es, dem Open Space ein Element hinzuzufügen, in dem man ihm entfliehen kann – eine Art Gegengewicht. Einen entscheidenden Part spielten aber die Materialstudien und die Aufgabe, große Wandflächen mit nur einem Werkstoff zu bekleiden. Mit dem Vlies konnten wir viele Dinge auf einmal gewährleisten: Es schluckt den Schall, ist formbar und hat eine gewisse Stabilität. Der Nachteil ist, dass der Stoff eine festigende Grundkonstruktion benötigt: Die bilden bei den Workbays die Einbaumöbel, die dem System seinen Halt geben. 

Die Workbays wirken im Inneren sehr gemütlich! 
Ja, wir haben versucht, sie so gemütlich wie ein Auto oder ein Boot zu machen: Für alles gibt es eine Lösung. Und das Vlies bricht das Licht angenehm: Dabei werden die Partikel auf sehr interessante Art und Weise reflektiert, das erzeugt Atmosphäre. Wir müssen uns gegen die vielen flachen und glänzenden Oberflächen wehren, die uns umgeben. In einer alten Brasserie mit ihren gebrochenen Holzoberflächen ist der Raumklang so viel besser als in den vielen neuen Restaurants, in denen die Wände einfach nur weiß gestrichen werden. 

Und warum die runden Ecken?
Kennen Sie Christopher Alexander? In seinem Buch A pattern language gibt es ein Kapitel, in dem er eine runde Stuhlanordnung im Wohnzimmer empfiehlt. So kann jeder jeden sehen. Aber, was noch viel wichtiger ist: Für Leute, die den Raum betreten und nicht Teil der Unterhaltung sein wollen, ist es viel einfacher, an den Sitzenden vorbeizugehen. Das Gleiche wünschen wir uns für die Workbays, auch wenn viele Architekten beim Zeichnen ein Problem mit den abgerundeten Formen haben werden. (lacht) Außerdem geben Form und Farbe den Objekten etwas von einer Landmark, mitten im Büro: Vielleicht wird in Zukunft jemand in einer Bibliothek zum Empfang gehen und fragen „Wo finde ich dieses spezielle Biologiebuch?“ Und die nette Dame hinterm Tresen würde antworten: „Ah, das ist hinter dem runden, blauen Ding dahinten!“

Herr Bouroullec, vielen Dank für das Gespräch.


Weitere Termine der Workbays-Tour:
– Wer die Installation sehen möchte, melde sich an bei Katharina.Mueller@vitra.com
21. Mai: Hamburg / Ree Location
2. Juli: Essen / Zeche Zollverein SANAA
9. Juli: Frankfurt / Taunus Turm
23. Juli: Stuttgart / Mercedes Benz Museum
30. Juli: München / Postgaragen

Zusätzliche Informationen unter: www.vitra.com/workbays

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