Farah Ebrahimi und Philipp Mainzer

39

Text: Jasmin Jouhar

Von Londons East End ins Frankfurter Ostend: Philipp Mainzer ist zugleich Geschäftsführer des Möbellabels e15, Designer und führt mittlerweile auch ein Architekturbüro unter seinem Namen. Der Weg vom Studentenprojekt zur internationalen Marke führte über Vollholz und Edelstahl, über Sperrholz und Kupfer. Businesspläne, Backenzähne und Bauchgefühle: Ein Gespräch, das mit Mainzer auf Deutsch beginnt und mit seiner Frau und e15-Artdirektorin Farah Ebrahimi auf Englisch endet.

Nächste Woche zur Mailänder Möbelmesse stellen Sie eine Produktfamilie von David Chipperfield vor. Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Es gibt eine lange Beziehung zum Büro in Berlin, ich habe mit einem der Partner in London studiert. Den Tisch hatte David Chipperfield als Einzelstück für das Projekt Fayland entworfen. Wir waren begeistert von dem Entwurf und haben uns sehr gefreut, dass er an e15 als Produzenten gedacht hat. Die Proportionen und die Konstruktion des Tischs haben wir gemeinsam angepasst und daraus die Bank und den Hocker entwickelt. Ich selbst bin ein bisschen neidisch, dass der Entwurf nicht von mir ist, weil mir so schlichte Entwürfe eigentlich gut liegen.

Wie passt die Familie in das Portfolio von e15?
Durch die Materialität und durch die schlichte Konstruktion, die zur Schau gestellt werden. Gerade den Hocker finde ich perfekt, in seiner Einfachheit – das ist auf den Punkt.

Vor 20 Jahren haben Sie e15 in London mit Florian Asche gegründet. Gab es in all den Jahren irgendwann den Punkt, an dem Sie dachten: Jetzt geht es nicht mehr weiter?
Ja, das gab’s. Mittlerweile planen wir voraus, aber wir machen immer noch manches, was wirtschaftlich nicht so sinnvoll ist – meistens, um die Marke voranzubringen. Am Anfang gab es nicht einmal einen Businessplan. Und auch kein Investment. Wir haben als Studenten in London vier Tische entworfen, haben sie aufeinander gestapelt, fotografiert, ein Logo entwickelt, ein Faltblatt gemacht und versucht, sie zu verkaufen. Einfach, weil wir daran geglaubt haben. Das war reines Bauchgefühl. In dieser Zeit bestimmte ein unterkühlter Minimalismus das Möbeldesign. Wir kamen mit Möbeln, die zwar auch minimal waren, aber eine große Wärme ausstrahlten. Damit haben wir einen Nerv getroffen. Und wenn du weiter machst und ziemlich schnell wächst, dann kommst du an Grenzen, da wird es wirtschaftlich schwierig. Aber wir haben überlebt. Wir sind guter Dinge, weil wir ohne große Investments dahin gekommen sind, wo wir heute stehen.

Aber Sie machen nicht nur Möbel …
Bei uns war von Anfang an der Bereich Planung Teil des Geschäfts, lange Zeit unter dem Label e15. Es gibt kaum ein Unternehmen, das solch eine Bandbreite als Gesamtpaket anbietet wie wir: vom Produkt über die Innenarchitektur bis hin zur Architektur. Mich nur um Möbel, Finanzen und die Logistik zu kümmern, würde mir nicht reichen. Enorm spannend finde ich auch, die Marke aufzubauen, die Architektur der Marke.

Und was macht am meisten Arbeit?
Alles. Es sind ganz unterschiedliche Prozesse. Architektur ist sehr intensiv und umfangreich, man muss sich ständig abstimmen und ein Projekt dauert meistens sehr lange. Beim Produkt ist es am Anfang intensiv, später geht es um die Vermarktung und um wirtschaftliche und logistische Themen. Ein Produkt ist viel schneller in der Umsetzung. Es ist schön, wenn du es nach einem Jahr auf der Messe siehst, wie die Leute darauf reagieren. Aber gerade diese Unterschiede finde ich reizvoll.

Neue e15-Kollektion: Fayland von David Chipperfield
2

Mit zwanzig Jahren wird man langsam erwachsen, hat Pubertät und Teeniejahre überstanden, vor zwei Jahren seid ihr mit eurem Standort sesshaft geworden. Wie fühlt sich das an?
Das fühlt sich gut an. Es war für Farah und für mich, eigentlich für alle, ein tolles Erlebnis, als wir vor zwei Jahren hier eingezogen sind. Hier haben wir das erste Mal einen Showroom und das Lager an einem Standort vereint. Jetzt bekommen auch die Mitarbeiter mit, was jede Woche verladen wird, das sind drei bis vier LKWs, die da rausgehen. Das macht uns stolz. Wir können den Leuten jetzt auch viel besser erklären, was wir tun – deswegen haben wir gerne Gäste hier.

Ihr fühlt euch erwachsen?
Na ja (zögert). Der Fokus liegt immer noch auf der Gestaltung und auf der Qualität. Wenn man jetzt wirklich richtig erwachsen wäre, dann würde man das wahrscheinlich mehr von der wirtschaftlichen Seite betrachten. Dann würde man viele Sachen nicht machen, die wir trotzdem machen. Aber das wollen wir uns erhalten, weil es enorm wichtig ist für die Qualität der Marke und der Produkte.

Was würdet ihr anders machen, wenn ihr wirklich erwachsen denken würdet?
Wir würden Produkte schneller wieder rausschmeißen, wenn sie sich nicht gleich verkaufen. Weniger Produkte machen und uns wahrscheinlich nicht an so ein komplexes Thema wie Leuchten heranwagen.

Lassen Sie uns über die jungen Klassiker von e15 sprechen. Da gibt es den Tisch Bigfoot, euer erstes Produkt und immer noch der Bestseller. Aber auch den Hocker Backenzahn von 1996, der ursprünglich ja aus der Idee entstand, die Reste aus der Tischproduktion zu verwerten.
Der Backenzahn ist wahrscheinlich bekannter als die Marke. Es ist nicht schlecht, sowas im Portfolio zu haben. Die Form entstand, weil wir die vier Reststücke jeweils drei Mal angeschrägt haben, damit er etwas Eleganz und Leichtigkeit bekommt. Er ermöglicht uns, den kompletten Baum zu verwerten. Das Kernholz ist eigentlich ein Abfallprodukt in der herkömmlichen Möbelfertigung. Wir verarbeiten es für die Beine des Bigfoot, und die kürzeren Teile kommen beim Backenzahn zum Einsatz.

Die Habibi-Beistelltische haben sich auch zu jungen Klassikern entwickelt. Was stand hinter diesem Entwurf?
Farah kommt aus dem Iran. Ich schätze die Kultur sehr, und aus dieser Inspiration haben wir eine Reihe von Produkten entwickelt, etwa die Sofas Shiraz oder Kashan. Im Mittleren Osten ist das Beisammensein wichtig, man sitzt oft auf dem Boden oder auf niedrigen Plattformen und trinkt Tee. Der Tee wird auf Tabletts serviert. Ursprünglich bestand Habibi nur aus dem Tablett, das auf das Sofa gelegt werden sollte. Später kam das Gestell dazu, in verschiedenen Höhen. Habibi ist eine moderne Interpretation dieser klassischen Teetabletts, denn man muss nicht immer alles neu erfinden. In anderen Kulturen gibt es ganz andere Produktkategorien, die kann man übertragen.

Was hat es mit den Materialien der Tische auf sich?
Die orientalischen Teetische sind oft aus Metall. Kupfer oder Messing sind ganz gängige Materialien. Bei e15 geht es oft darum, dass das Produkt an sich aus einem Material ist. Die verschiedenen Produkte lassen sich so gut zu Collagen kombinieren, man kann mit mehreren Materialien spielen und zugleich das einzelne Material betonen. Mit dem Kupfertrend der letzten Zeit wird Habibi auch wieder verstärkt nachgefragt, obwohl er schon länger auf dem Markt ist.

Treibt euch die Suche nach Trends an?
Wir versuchen, uns frei zu machen von dem, was um uns herum passiert. Deswegen haben wir damals den Bigfoot gemacht und den Backenzahn. Die Leute haben uns ausgelacht – bis auf einige wenige, die den Tisch dann sehr gut verkauft haben. Wir wollen uns frei machen von Trends und selber neue Maßstäbe setzen.

Wie macht man sich frei von dem, was um einen herum passiert?
Wir sind nicht modisch, modisch sein ist extrem gefährlich. Wenn man sich unsere Produkte isoliert anschaut, ohne Inszenierung, dann sind sie eher generisch. Wir strahlen eine Modernität dadurch aus, wie wir uns zeigen, die Produkte präsentieren. Aber das Produkt an sich ist langlebig. Wir versuchen, gute und nachhaltige Produkte anzubieten.
Philipp Mainzer betreibt auch ein eigenes Architekturbüro.
9

Mit e15 bringt man auch starke Persönlichkeiten in Verbindung, ich denke etwa an Stefan Diez.
Unsere Zusammenarbeit mit Designern kommt nicht aus einer Marktrecherche, nach dem Motto: Wir brauchen das Produkt und fragen den Designer, weil der für die Vermarktung interessant ist. Am Anfang steht meistens eine Freundschaft oder eine besondere Begegnung. Bei Stefan ging es um das Thema Stühle: Wir hatten zwar welche im Programm, aber keine gut verkäuflichen. Stefan ist meiner Meinung nach einer der besten Produkt- und Möbeldesigner. Er schaut auch über den Tellerrand hinaus, was viele nicht können. Er guckt sich die Kollektion an, den Markt, die Marke, die Fertigungsmöglichkeiten. Sein Entwurf für Houdini war ganz anders, als wir es erwartet hatten. Das erste Mal Sperrholz bei e15. Er hat viel mit seinem Hintergrund als Tischler zu tun. Es war eine der emotionalsten Zusammenarbeiten, extrem intensiv und spannend.

Eine andere wichtige Figur ist Ferdinand Kramer, dessen Möbel e15 wiederaufgelegt hat.
Ja, das war auch etwas Besonderes: die Zusammenarbeit mit seiner Frau Lore Kramer und den Töchtern, in das Werk einzutauchen, das Archiv zu sichten, die Geschichten zu hören. Und dann der Versuch, dem irgendwie durch die Fertigung und Präsentation gerecht zu werden. Eine große Herausforderung.

Wie passen denn die Reeditionen in die sonstige Kollektion?
Gestalterisch passen die Produkte sehr gut in die Kollektion, obwohl der älteste Entwurf fast 100 Jahre alt ist. Sie sind reduziert, Kramer war ein Purist mit sehr sozialen Ansätzen. Das teilen wir auf jeden Fall mit unserem Gestaltungsansatz. Wir sind uns auch nahe darin, wie wir Architektur und Möbel zusammen betrachten und das als eins sehen.

e15 ist ein sehr deutsches Unternehmen: ernsthaft, nicht modisch, um Nachhaltigkeit bemüht?
Ja, das ist so. Aber das war keine bewusste Entscheidung, das kommt durch den persönlichen Hintergrund. Diese Marke ist eine sehr persönliche Sache, die auf unseren Werten und Interessen aufbaut. Meine Frau ist seit langem meine Sparringspartnerin und bringt natürlich andere Einflüsse. Aber sie teilt diese Werte auch, Iran ist in verschiedener Hinsicht sehr nah an der deutschen Mentalität. Aber warum befragen Sie nicht Farah selbst dazu?

Farah Ebrahimi kommt dazu, das Gespräch schaltet um auf Englisch, die Lautstärke steigt. Während Philipp Mainzer leise und langsam spricht, mit langen Pausen, redet seine Frau schnell und viel, mit kräftiger Stimme und viel Lachen. Sofort zieht sie die ganze Aufmerksamkeit auf sich.

Es ging darum, dass e15 eine sehr deutsche Firma ist, weil sie deutsche Werte repräsentiert.
Farah Ebrahimi: Deutsche stehen für bestimmte Werte. Im Iran sind diese Werte auch wichtig, doch die Menschen stellen das nicht heraus. Aber es gibt die Suche nach Präzision, nach Perfektion, nach Ausgeglichenheit. Ich bin ein Kind vieler Kulturen: Ich sehe mich selbst schon als Iranerin, aber ich hatte das Glück, in den Vereinigten Staaten aufzuwachsen und zu erfahren, das nichts unmöglich ist - eine sehr amerikanische Haltung. In Deutschland habe ich gelernt, was Qualität wirklich bedeutet, und dass es ein ganzes Team von Menschen dafür braucht. Ich fühle mich sehr wohl mit dem Deutschen an e15. Es ist das Bedürfnis, gut gemachte, durchdachte, perfekte Produkte herzustellen.

Was ist Ihr Beitrag dazu?
Was ich versuche, zu e15, zu den Produkten, zur täglichen Arbeit beizutragen: einen Sinn für Humor, einen Sinn für Seele, ein bisschen Verschrobenheit. Der sehr logische, mathematische Rahmen von e15 lässt vieles zu. Für Philipp müssen die Dinge sinnvoll sein und konsistent, aber es bleibt Platz für Musikalisches und Spielerisches. Das ist großartig. Und meine Rolle ist es zu spielen, auszuprobieren. Das Gespräch zu öffnen. Denn wer nicht spielt, entdeckt nichts Neues.

Vielen Dank für das Gespräch.

Alle Beiträge aus unserem großen Themenspecial Salone 2015 lesen Sie hier.

Weitere Artikel 13 - 25 von 28 Studiopepe: Rückkehr der Mystik Mut zum Limit Surreale Räume: Die Zukunft ist ein Rendering Philippe Nigro: Mut zur Entschleunigung Mirko Borsche: Die Macht der Gestaltung Elli Mosayebi: Das Performative Haus Design als politisches Werkzeug Jörg Boner: Die Typologie-Frage Ritva Puotila: Papiergarn ist kein lautes Material Jean Nouvel: Wir müssen über Identität reden Patrick Batek: Die Atmosphäre ist wichtig Kueng Caputo: Die Magie des Machens

Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.