Jean-Marie Massaud

36
Text: Norman Kietzmann, 28.04.2015

Jean-Marie Massaud ist ein quirliger Freigeist. Anstatt sich von seinen Kunden ständig auf die Finger schauen zu lassen, entwickelt er seine Möbel, Objekte und Fahrzeuge mit viel Eigenregie. Sein Studio in Paris sieht er derzeit nur noch selten. Stattdessen lebt und arbeitet er mit seiner Familie in den Bergen unweit von Nizza. Ein Gespräch über geerdete Möbel, entschleunigtes Arbeiten und warum er die Architektur an den Nagel hing.

Monsieur Massaud, Sie entwerfen seit zwei Dekaden für das Who-is-who der Möbelbranche. Was macht ein Design in Ihren Augen zeitgenössisch?
Ich glaube, dass die Dinge in unserem Zuhause mit unserem Verhalten korrespondieren müssen. Das Wohnzimmer ist eine Landschaft geworden. Nicht im wortwörtlichen Sinne mit Bergen und Seen. Doch etwas, das sich der stereotypen Betrachtung einzelner Produktkategorien entzieht und den Benutzern mehr Freiheit lässt. Dieser Prozess geschieht durch die Reduktion der Mittel, wobei Haptik und Komfort eine wichtige Rolle spielen. Mutation und Mixtur sind die beiden Schlüsselworte, auf die es heute ankommt.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Ein reines Kunststoffmöbel hat es schwer, einen Zugang zu unserer heutigen Sensibilität zu finden. Doch ein Sitzmöbel, bei dem zum Beispiel eine Kunststoffschale mit einem Sockel aus unlackiertem Holz kombiniert wird, trifft diesen Nerv. Genau das meine ich mit Mutation und Mixtur. Auf diese Weise treffen nicht nur Technologie und Handwerk zusammen. Auch auf formaler Ebene entsteht ein harmonischer Ausdruck. Das ist wie mit einer Betonwand, die ein filigranes Möbel braucht, um nicht zu brutal zu wirken. Hier zeigt sich auch der Unterschied zwischen Architektur und Design: Wenn ein Gebäude erst einmal steht, muss man damit leben. Im Design haben die Kunden dagegen immer die Möglichkeit, nein zu sagen. Es gibt kein Diktat. Darum müssen Möbel eine gewisse Sensibilität bewahren.

Slim Chair + Rock Table für MDF Italia 
5
Sie selbst haben sich in den vergangenen Jahren vor allem mit Ihren organisch-fließenden Entwürfen einen Namen gemacht. Mit Ihrem Sitzprogramm Steeve, das Sie soeben zur Mailänder Möbelmesse 2015 für Arper vorgestellt haben, sind Sie in die umgekehrte Richtung gegangen. Warum?
Als ich 2006 den Sessel Aston für Arper entwarf, hatte ich ein skulpturales Möbel für James Bond im Sinn. Lustigerweise ist der Sessel dann auch gleich als Ausstattung im nächsten James-Bond-Film verwendet worden. Doch diesmal wollte ich genau den umgekehrten Weg einschlagen und habe ein Design gemacht, das eigentlich gar kein Design ist: ein No-Design, das keine wirkliche Form besitzt.

Nun ja, aber dennoch ist der Entwurf physisch greifbar geworden.
Sicher, die Parameter mussten bestimmt werden: die richtige Höhe, die richtige Tiefe, der richtige Komfort. Bei weichen, runden Formen eine hohe Qualität zu erzielen, ist sehr kompliziert und teuer. Genau das wollte ich vermeiden. Darum habe ich ein System entwickelt, um die Stoff- oder Lederbezüge ohne Nähte in rechteckige Paneele einzustecken. Die Paneele funktionieren wie ein Umschlag, der die Polster umschließt. Von außen kann das Sofa mit Stoff, Holz oder Leder bezogen werden, während für die Polster weitere Variationen zur Verfügung stehen. Das Produkt findet seine Identität nicht nur durch die Form, sondern durch die Auswahl und Kombination der einzelnen Materialien, deren Vokabular ganz klar auf den Geschmack der Architekten abgestimmt ist. 

Die für den Contract-Bereich konzipierten Sessel und Sofas können so an unterschiedliche Umgebungen angepasst werden. 
Ganz genau. Darum heißt das System auch Steeve. Wenn ich mir als Referenz einen charismatischen Mann vorstelle, dann ist es Steve McQueen. Er spielt im Film Die Thomas Crown Affäre einen elegant gekleideten Banker und macht in einer späteren Szene in einem schlichten Blouson eine gute Figur. In allen Filmen ist er natürlich und trotzdem sehr gut gekleidet. Dieses Sitzprogramm sollte genauso sein wie er: Es wirkt weder gekünstelt noch selbstverliebt, auch wenn alles durchdacht und fein abgestimmt ist. Das No-Design gibt dem Auftritt Eleganz und erlaubt Flexibilität bei der Auswahl der Materialien und Oberflächen. 

Also zeigt sich das Zeitgenössische in der Abwesenheit von Form?
Das mag sein. Für mich wirkt dieses No-Design im Moment jedenfalls genau richtig. Wenn die Formen eine Erfahrung erzeugen, die darüber hinausgeht, kann es schnell krampfhaft wirken. Ich habe den Eindruck, dass die qualitativen und zeitlosen Dinge eine große Berechtigung in dieser Zeit haben, die viel Wert auf Sicherheit legt. Natürlich braucht es von Zeit zu Zeit mehr Fantasie. Das ist wie in einer Symphonie, wo ein Instrument aus einer harmonischen Struktur ausbricht. Wenn es alle tun würden, entstünde ein heilloser Lärm. Darum schlägt zurzeit die Stunde der Basics, was nicht schlimm ist. Denn auch sie werden immer raffinierter und komfortabler. 

Im mexikanischen Guadalajara haben Sie 2009 ein Stadion für 50.000 Besucher realisiert, das von einer großen Rasenfläche umschlossen wird und so als Park funktioniert. Andere Projekte wie das von Ihnen vorgeschlagene Luftschiff  Manned Cloud sind dagegen Fantasie geblieben. Warum haben Sie inzwischen die Architektur ad acta gelegt?
Weil sich in meinem Leben viel verändert hat. Ich bin Vater geworden und wohne nun in Saint-Paul-de-Vence bei Nizza. Das Meer ist vier Kilometer entfernt, die Berge sind um uns herum. Die Kinder wachsen dort viel besser auf als mitten in der Stadt. Mein Büro habe ich aber weiterhin in Paris behalten. Einmal im Monat fahre ich für zwei Tage vorbei. Die übrige Zeit arbeite ich in Südfrankreich oder fahre direkt zu meinen Kunden nach Italien. Um Architektur in der Größenordnung des Stadions umzusetzen, verlangt es mehr Team-Management und mehr Reisen. Doch genau das wollte ich nicht, weil ich ausgewogener leben wollte. Darum konzentriere ich mich nun auf das Design.
Me.We für Toyota
6
Für Aufmerksamkeit haben Sie 2013 mit dem Konzept-Fahrzeug Me.We für Toyota gesorgt, das dank Karosserieteilen aus Polypropylen-Schaum gerade einmal 750 Kilogramm auf die Waage bringt. Was hatten Sie dabei im Sinn?
Sehen Sie: Eine glänzende Karosserie sieht auf den Pariser Straßen schon nach einer Woche vollkommen zerkratzt aus. Man muss den Transport ganz anders betrachten und ihn leichter, einfacher und flexibler machen. Der Entwurf war eine kleine Revolution für das Unternehmen, weil wir alles verändert haben: das wirtschaftliche Modell, das industrielle Modell sowie die gesamte Qualität der sinnlichen Erfahrung. Toyota hat die Gewinnmargen seiner Fahrzeuge fast auf Null gefahren, sodass nur noch mit Krediten und Wartungsarbeiten Geld verdient wird. Bei meinem Auto gibt es keine Wartung, weil alles sehr robust und dennoch sehr leicht konstruiert ist. Es geht um das Produkt, nicht um das Drumherum. Toyota hatte an dieser Evolution überhaupt kein Interesse, obwohl der Konsument daran sehr wohl ein Interesse hätte. Diesen Konflikt zu überwinden, war die Idee hinter dem Fahrzeug. 

Doch wie haben Sie es geschafft, dafür überhaupt grünes Licht zu bekommen?
Ich habe komplett auf eigene Initiative gearbeitet. Alles andere hätte keinen Sinn ergeben, um frei und flexibel bleiben zu können. Wenn ein Großkonzern wie eine Automarke auf einen zukommt, möchten sie nichts anders als eine kosmetische Aufbereitung ihrer bisherigen Identität. Es ist unmöglich, etwas Neues einzubringen, das über die gesetzten Werte hinausgeht. Schließlich bekommen es die Firmen bei jeder Abweichung sofort mit der Angst zu tun. Darum entwickle ich solche Projekte mit meinem Team und suche dann nach einem Partner, mit dem sich das umsetzen lässt. Als ich Toyota die Pläne gezeigt habe, waren sie begeistert. Hätte ich sie am Anfang erst gefragt, hätten sie sofort abgewunken. 

Woran arbeiten Sie gerade?
Im Moment entwickle ich einen Sportwagen für Toyota. Ein echter Gran Turismo, der sehr elegant und komfortabel ist. Um ans Meer oder in die Berge zu fahren, brauche ich ein kleines, leichtes, intelligentes Auto wie den Me.We. Doch für längere Autofahrten benutze ich eine richtige Limousine. Die meisten Karosserien haben heute keine Eleganz mehr. Wo ist ein Fahrzeug für den Gentleman? Und wo ist Steve McQueen? Genau das versuche ich zu beantworten. Auch möchte ich im Innenraum eine neue Erfahrung bieten. Schließlich ist es das Interieur, das ich beim Fahren erlebe und nicht die äußere Hülle. Solche Themen reizen mich im Moment sehr. Ich werde auch bald ein Buch veröffentlichen über meine Experimente zum Thema Mobilität. Wer weiß, vielleicht finde ich dann noch schneller weitere Partner (lacht). 

Vielen Dank für das Gespräch.

Alle Beiträge aus unserem großen Themenspecial Salone 2015 lesen Sie hier.

Weitere Artikel 13 - 16 von 16 Philippe Nigro: Mut zur Entschleunigung Ritva Puotila: Papiergarn ist kein lautes Material Yabu Pushelberg: Neue Maßstäbe Pauline Deltour: Rethink the Way of Thinking

Informationen aus erster Hand zu internationalen Messen, Ausstellungen und Events.