Schön dagegen

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Text: Tim Berge

Am Ufer des Krampnitzsees, südwestlich von Berlin, ist ein kleines architektonisches Wunder entstanden. Architekt Arno Brandlhuber hat mit Antivilla weit mehr als nur ein schön anzuschauendes Wochenendhaus geschaffen. Es ist endlich mal wieder eine gebaute Position, die zeigt, dass die Baukultur in diesem Lande noch am Leben ist. Und auch vor der Türkommunikation nicht Halt macht! 

Die Geschichte des Gebäudes mit direktem Seezugang hätte kurz nach der Wende zu Ende sein können: Die ehemalige Trikotagenfabrik wurde nach dem Fall der Mauer von der Treuhand übernommen, abgewickelt und sollte einigen Neubauten weichen. Doch dann kaufte Arno Brandlhuber das Haus und entwickelte mit seinen Partnern Markus Emde und Thomas Schneider ein architektonisches Konzept, das ganz alte und damit neue Wege geht.  

Gestaltung mit dem Vorschlaghammer 
Die Architekten von Brandlhuber+ behandelten den Altbau aus frühen DDR-Jahren mit einer Mischung aus chirurgischer Präzision und handwerklicher Brachialität. Es sollten so wenige Eingriffe wie möglich gemacht werden. Doch einige von ihnen, wie bei den neu hinzugefügten Fensteröffnungen, wurden mit dem Vorschlaghammer und der dazugehörigen Ungenauigkeit durchgeführt. Dazu lud Arno Brandlhuber Freunde und Bekannte zu einer Party ein: Jeder durfte mal zum Schlagwerkzeug greifen und die Wände bearbeiten. Nach der gründlichen Entkernung und Entfernung von Altlasten standen dem Bauherren zwei Etagen mit insgesamt 500 Quadratmetern Fläche zur freien Verfügung. Die neu geschaffenen, großflächig verglasten Ausblicke öffnen nun das introvertierte Haus nach außen und bieten eine grandiose Aussicht auf den wenige Meter entfernten See.

Robin Hood im deutschen Architekturwald
Das Innere gliederten die Planer in unterschiedliche Temperaturzonen, die durch Vorhangschichten voneinander getrennt sind. Das Wärmezentrum bildet ein Ofen, der Badezimmer und Sauna beheizt. Von hier aus nimmt das Temperaturgefälle über den Wohn- und Schlafbereich bis hin zum Treppenhaus langsam, aber stetig ab. Die Schichten werden durch dünne Gaze und transparentes PVC getrennt, wie man es aus Schlachthäusern kennt. Hier kommt das „Anti“ der Villa so richtig in Fahrt: Brandlhuber hat mit dem Umbau des Fabrikgebäudes tatsächlich neue Denkansätze in der „energetischen Sanierung“ geschaffen und bleibt damit seiner Rolle als Robin Hood des deutschen Architekturwaldes treu. 

Antitürkommunikation
Dass das neue Denken nicht bei den raumgreifenden Maßnahmen endet, sondern auch in der Türkommunikation fortgesetzt wird, liegt an Planungspartnern wie Siedle. Das Unternehmen nahm sich der Idee Brandlhubers an und übertrug sie auf seine Technik: Die Grundlage bildet das Produkt Siedle Steel. Der Künstler Timo Klöppel nahm einen Silikonabdruck der Fassade, der den Aluminiumwerken Villingen als Negativ für die Gussform diente. Aus dem Rohling fertigte die Siedle-Manufaktur eine Türstation, die kaum vom Rest der Fassade zu unterscheiden ist. Das wird sich in den kommenden Jahren ändern: Das unbehandelte Aluminium wird oxidieren und verwittern. Ein fast schon architekturphilosophischer Ansatz, der dem neu hinzugefügten Element einerseits eine besondere Rolle zuweist, als Neuling, andererseits auch Vergänglichkeit und damit die Geschichte des Hauses symbolisiert.

Und es geht weiter: Die Kamera der Türkommunikation ist leicht nach hinten versetzt, wodurch das Sichtfeld durch die unebenen Kanten des Gehäuses begrenzt wird. Eine digitale Miniatur der markanten Fensterdurchbrüche. Und auf den Klingeltasten finden sich Namen wie „Stofflager“ und „Verwaltung“: Eine Reminiszenz an die Vergangenheit des Hauses als VEB Obertrikotagen. Abgerundet wird das Kommunikationskonzept durch die mobile Sprechstelle Siedle Scope und die Siedle App, die den Türruf auch über große Distanzen möglich macht. So wird die mobile Schwelle des Wochenenddomizils bis ans Seeufer gelegt, wo der Hausherr und seine Gäste auf iPhone oder iPad sehen können, wer vor der Tür steht.

Die intelligente Aneignung des Bestands, der einzigartige Umgang mit Materialität und die außergewöhnliche Zusammenarbeit des Planers mit einem Unternehmen wie Siedle machen aus der Antivilla eine gebaute, architekturpolitische Geste, die sich aber auch nicht zu ernst nimmt. Eine wunderbare Geschichte über Mensch, Architektur und Technik, die unbedingt weitererzählt werden sollte. 

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