Pierre Paulin: Wiederentdeckt

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Text: Norman Kietzmann, 18.11.2015

Partner: Ligne Roset

Pierre Paulin war dem Zeitgeist dicht auf der Spur. Er entwarf Möbel für junge Familien ebenso wie repräsentative Salons für Präsidenten. Weil viele seiner Entwürfe nur in Kleinserie oder als Einzelstücke gefertigt wurden, schien die Erinnerung an ihn zu schwinden. Doch eine wachsende Zahl an Reeditionen haucht seinen Arbeiten nicht nur neues Leben ein. Es bringt sie auch dorthin – wo sie Pierre Paulin schon zu Lebzeiten gerne gesehen hätte: in die Serie.

Junge Männer leben manchmal auf gefährlichem Fuß. Kaum anders ging es dem französischen Designer Pierre Paulin (1927-2009). Schon früh wollte er Bildhauer werden – genau wie sein Großonkel Freddy Stoll. Beflügelt wurde der Wunsch von seinem Onkel Georges Paulin. Der war Zahnarzt und ging – wenn es die Zeit zuließ – seiner eigentlichen Leidenschaft nach: dem Automobil. Für Peugeot gestaltete er in den zwanziger und dreißiger Jahren zahlreiche Karosserien und erfand 1934 sogar das faltbare Cabriodach.

Unfreiwillige Wendung
Für den jungen Pierre Paulin aber begann die Laufbahn zunächst mit einem Reinfall. Nachdem er sein Abitur vermasselt hatte, absolvierte er eine Steinmetzlehre im Burgund und anschließend eine Töpferausbildung in Vallauris. In dem beschaulichen Küstenort bei Cannes unterhielt auch Pablo Picasso sein Keramikatelier. Paulin traf ihn regelmäßig und wurde von ihm in seinen künstlerischen Ambitionen ermutigt. Doch dann kam alles ganz anders: Eines Abends ließ sich Paulin in einem schweren Faustkampf verwickeln, bei dem er seinen rechten Arm so stark verletzte, dass er die Bildhauerei aufgeben musste. Zurück in Paris, versuchte er den Rückschlag zu überwinden und ließ sich an der École Camondo zum Raumgestalter ausbilden – wo er 1950 seinen Abschluss machte. 

Pumpkin, 1971 / Reedition von Ligne Roset, 2008
Kompaktes Wohnen
Die Welt des Wohnens war zu diesem Zeitpunkt im Umbruch. Die Knappheit von Wohnraum und die prekäre, finanzielle Lage vieler Franzosen erforderten eine andere Möbelsprache als in der Vergangenheit. Pierre Paulin reagierte darauf mit einer Kollektion, die er „Das Heim von heute“ taufte und 1953 auf der Haushaltswarenmesse Salon des Arts Ménagers im Pariser Grand Palais vorstellte. Flexibilität, Kompaktheit und Leichtigkeit waren die Kriterien für seine Entwürfe, die er als ideale Ausstattung für die Wohnung einer jungen Familie konzipierte. Anstatt darauf zu warten, bis er einen Hersteller mit seinen Ideen überzeugen konnte, preschte der 25-Jährige selbst nach vorne und ließ alle Möbel in Eigenregie von einem Tischlermeister anfertigen.

Flexibler Umgang
Für Aufsehen sorgte vor allem das filigrane Daybed, das mehrere Typologien als Hybrid verband. Der Aufbau ist verblüffend einfach: Auf einer hölzernen Bank ruhen ein breites Sitzkissen sowie zwei kleinere Rückenkissen. Die Breite der Bank ist so gewählt, dass die beiden Rückenkissen genau neben das Sitzpolster gelegt werden können und das kompakte Sitzmöbel in eine elegante Liege für den Tag oder die Nacht verwandeln. Eine funktionale Doppelrolle spielt auch der Secrétaire Mural, der als kubisches Aufbewahrungsmöbel an die Wand gehangen wird und über eine aufklappbare Schreiboberfläche verfügt.

Sprung in die Gegenwart
Wie aktuell diese Entwürfe noch heute sind, zeigt ihre im Januar vorgestellte Wiederauflage bei Ligne Roset. Mit dem Daybed, dem Secrétaire Mural sowie dem Bestelltisch Lupo und dem Stuhl TV sind insgesamt vier Entwürfe aus Paulins Debütkollektion nach über 60 Jahren in Serie erhältlich. Trotz positiver Kritiken und zahlreicher Veröffentlichungen sind diese Arbeiten zu ihrer Entstehungszeit nur als Kleinserie über eine Pariser Galerie vertrieben worden – und gelten heute als heiß begehrte Sammlerstücke. Paulin war dieser Umstand eher ein Dorn im Auge: „Mein Traum ist die Serienfertigung von Möbeln,“ pflegte er stets zu sagen – wohl wissend, dass nur wenige seiner Entwürfe diesen Status zu Lebzeiten erreichten.

Stilistischer Aufbruch
Den Durchbruch erlebte Pierre Paulin 1960 mit seinem Mushroom Chair für den niederländischen Hersteller Artifort. Die Konstruktion aus einem von Schaum umhüllten Metallgestell, das von einem für Badeanzüge entwickelten Stretch-Bezug umspannt wird, sollte sich wegweisend für die sechziger Jahre erweisen. Paulin nutzte die gestalterischen Möglichkeiten dieser Sandwichstruktur und schuf eindrucksvolle, skulpturale Formen wie den Concorde Chair (1960) für den Wartebereich des gleichnamigen Überschallflugzeuges. „Alles basiert auf befreitem Stoff. Befreit von den Zwängen des Polsterers nimmt er Form an wie ein Segel im Wind“, erklärt der Franzose seinen Ansatz. Auch die Sessel Tongue (1963) und Ribbon (1965, beide für Artifort) sorgten dafür, dass der Name Paulin fortan in einer Liga mit Verner Panton, Eero Saarinen und Joe Colombo genannt wurde.

Präsidiale Möbel
Der Ritterschlag erfolgte 1970, als ihm die Gestaltung der Privatwohnung des französischen Präsidenten Georges Pompidou im Élysée-Palast anvertraut wurde. Um das denkmalgeschützte Interieur zu schützen, konstruierte Paulin aus selbsttragenden Wänden eine Abfolge von fließenden Räumen, die Frankreich in die Moderne führen sollten. Dazwischen reihten sich organisch-weiche Sofas und Sessel aus den Polsterserien Pumpkin und Élysée, die 2008 und 2012 von Ligne Roset erstmals in Serie genommen wurden. 

Es mag aus heutiger Sicht ungewöhnlich erscheinen, dass sich ein Politiker mit der gestalterischen Avantgarde seiner Zeit verbündete. Doch Paulin besaß auch das nötige Fingerspitzengefühl, um die bodennahe Sitzlandschaft der sechziger Jahre in eine bürgerlich-elegante und dennoch lässige Adaption zu übersetzen – die selbst einem Präsidenten angemessen erschien. Dieser Umstand führte ihm bald noch weitere Prestigeaufträge zu – darunter das neue Rundfunk- und Fernsehhaus in Paris, den Denon-Flügel des Louvre, das Atelier von Christian Dior oder das Büro von François Mitterrand.
Pierre Paulins Wohnung in der Rue du Faubourg Saint-Antoine, ca. 1975
Ausgewogene Gegensätze
Neben verschiedenen Privathäusern und Wohnungen richtete Paulin auch seine beiden eigenen Apartments in der Pariser Rue du Faubourg Saint-Antoine sowie in der Rue des Ursulines ein. Ursulines lautet auch der Name eines filigranen Schreibtisches, der 1961 als Damenschreibtisch CM193 vorgestellt und 2008 von Ligne Roset neu aufgelegt wurde. Der Strenge der gekreuzten Metallrohrfüße treten die weich geformten Abschlüsse entgegen, die die Tischplatte und Ablagen seitlich umklammern. Der Entwurf wirkt wie eine sinnliche Antwort auf betont kantigen Schreibtisch Tanis aus dem Jahr 1954, der für Paulin den Übergang in die Ära des Metallrohrs markierte.

Wachsendes Interesse
Trotz seiner späteren Erfolge mit runden, fließenden Formen kehrte Paulin immer wieder zur konstruktiven Einfachheit des Tanis-Tisches zurück. Leicht und filigran wirkt das Regal La Bibliothèque Fil, das 1972 als Einzelstück für die Wohnung von Pierre und Maïa Paulin in der Rue du Faubourg Saint-Antoine entstand. Die dünnen Schichtholzböden ruhen in einem Rahmen aus feinem Stahldraht, der in einem Breitenraster von 70 Zentimetern endlos addiert werden kann. Auch dieser Entwurf ist die rund zwanzig Möbel umfassende Paulin-Kollektion von Ligne Roset aufgenommen worden, die noch zu Lebzeiten ihres Entwerfers im Jahr 2008 aufgelegt worden.

Dass das Interesse an Pierre Paulin wieder wächst, zeigen auch andere Beispiele. Im vergangenen März ließ Louis-Vuitton-Designer Nicolas Ghesquière die Gäste seiner Cruise-Collection 2015 auf jenen endlos langen Schlangensofas Platz nehmen, die Paulin für den französischen Pavillon auf der Weltausstellung 1970 in Osaka entworfen hatte. Doch nicht nur Ghesquière, der seine Kindheit in den siebziger Jahren erlebte, bekennt sich als begeisterter Paulin-Sammler. Auch Modedesigner Azzedine Alaïa stattete seine neue Pariser Boutique mit den Möbeln jenes umtriebigen Gestalters aus, dem das Ausstellungshaus Centre Pompidou 2016 eine große Retrospektive widmen wird. Fortsetzung folgt.

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