An die Basis

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Text: Markus Hieke

Wer in der Bodenbelagsbranche keine Gefühle zeigt, wird es zukünftig schwer haben. Denn gefragt ist nicht mehr nur, was praktikabel, langlebig und zurückhaltend erscheint. Neben Nachhaltigkeit und Handwerk sind vor allem ausgewählte Farben, Kombinationsmöglichkeiten und taktile Beschaffenheit wichtig. Ein Blick auf ausgewählte Neuheiten von ganz unten.

Bei aller Liebe zu schönen Möbeln, Textilien und Accessoires, die zusammen mit Habseligkeiten, Büchern und Bildern Räume sinnlich gestalten: Dass der Boden unter den Füßen ein bedeutendes Detail ist, wichtiger als wir mitunter glauben, erleben wir oft erst, wenn irgendetwas damit nicht stimmt. Wir fühlen kalte Füße, Härte, Glätte, hören knarzendes Parkett, Schall und Schritte unserer Nachbarn oder sehen Verunreinigung und Abnutzungserscheinungen. Wir empfinden manche Böden als praktisch, manche als harmonisch. Selten aber betonen wir, dass uns ein Untergrund besonders gut gefällt. Beim Besuch eines alten Schlosses vielleicht, das von einem prächtigen Intarsienparkett geschmückt ist. Oder beim Anblick eines kostbaren Perserteppichs.

Boden-Moden
Dabei unterliegen auch Bodenbeläge gewissen Moden, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Nach dem Zweiten Weltkrieg waren infolge von Materialknappheit zunächst Linoleum-, später PVC-Beläge verbreitet. Mit der Erfindung der synthetischen Faser zur Mitte des 20. Jahrhunderts erhielt der Wand-zu-Wand-Teppich Einzug in deutsche Wohnzimmer. Und in den Siebzigern konnten Teppiche nicht flauschig und bunt genug sein. Erst Anfang der Achtziger setzte Parkett sich wieder stärker durch. Das Nonplusultra der neunziger Jahre sollte das Laminat sein, während indes der Teppich ein Zimmer nach dem anderen verließ. Mittlerweile sind etliche Alternativen hinzugekommen, die sich allein mit Aspekten wie Praktikabilität, Preis-Leistungs-Verhältnis und Allergikerfreundlichkeit nicht mehr verkaufen lassen. Was heute zählt, sind Werte wie Nachhaltigkeit, Natürlichkeit und Emotionalität. Das war jüngst sehr deutlich bei der Bodenbelagsmesse Domotex 2016 in Hannover zu sehen.

Pine Garden Collection von Rug Star
Textiles Comeback
Textile und elastische Bodenbeläge stehen dabei auf einer Augenhöhe mit Hartböden wie Parkett, Dielen oder Laminat. Teppichboden sei sogar wieder im Kommen, wie es mehrfach auf der Messe hieß. Außerdem wächst die Beliebheit handgeknüpfter Teppiche mit klassischen und zeitgenössischen Motiven. Das dürfte besonders Interieurdesigner freuen, die nun endlich wieder mehr kombinieren dürfen. Nun, da gewisse Regeln wie das Teppich-No-Go und das Altbaudielen-Must-have außer Kraft gesetzt scheinen, darf man sich auf spielerische Bodenkreationen einstellen. Die entsprechende Auswahl für wilde Muster liefert unter anderem der französische Hersteller Balsan gleich mit. Neben einer stolzen Farbpalette bietet das traditionsreiche Unternehmen beispielsweise die Teppichfliesen der Linie Infini Colours mit vielfältig kombinierbaren Strukturen.

Farbe bekennen
Auch bei Vorwerk hat man sich dieses Jahr verstärkt auf die Farbauswahl konzentriert. Für die Neukonzeption der Teppichkollektion Fascination erstellte der italienische Designer Giulio Ridolfo einen Katalog aus fein abgestimmten Farbkompositionen, die in enger Zusammenarbeit mit dem Atelier und den Färbetechnikern des Hauses entwickelt worden sind. Für die 17 unterschiedlichen Stoffqualitäten sind damit insgesamt 350 Farbtöne entstanden – 85 Prozent davon gänzlich neu. Auch im Bereich der abgepassten Teppiche von Vorwerk hat der Italiener mitgemischt. Für die Kollektion Selected Rugs gestaltete Giulio Ridolfo neue Bordüren. Schmal, breit, akzentuiert, dezent, mit oder ohne prägnante Ziernähte: Dem Kunden bleibt die Zusammenstellung der Details weitgehend freigestellt. Der Teppich selbst ist ungemustert und in verschiedenen Farben und Qualitäten erhältlich.

Biskuitparkett
Unter den Holzfußböden hat sich vor allem eine Kollektion positiv hervorgetan. Für die Marke Listone Giordano des italienischen Herstellers Margaritelli hat die spanische Designerin Patricia Urquiola das Fischgrätparkett überdacht. Mit Biscuit, dessen Elemente tatsächlich an Löffelbiskuits erinnern, wird das streng rechtwinkelige Zickzack am Boden aufgelöst. Die Herstellung sei extrem aufwändig, hieß es am Stand. Die Einzelelemente bestehen aus einem bis vier Streifen, die einzeln CNC-gefräst, genutet und fein nachgeschliffen werden müssen. Im Ergebnis lassen sich unendlich variable Muster erzeugen, und die gewölbte Oberfläche fühlt sich weich an. Behandelt wird das Produkt mit einer Mischung aus Lack und Öl.

Im Vinylbereich kann es durchaus noch spielerischer zugehen. Das zeigt Moduleo mit seiner Kollektion Moods, die auf 10 Grundelementen in jeweils 14 Mustern basiert. Mithilfe eines Mustertisches im Miniaturformat ermöglicht das belgische Unternehmen den Planern, alle möglichen Anordnungen auszuprobieren. Das Ergebnis ist Individualität at its best.

Lissonis Sicht
Betont gelassen gab sich bei aller Fülle an Neuheiten der italienische Allrounddesigner und Architekt Piero Lissoni, der als Special Guest der Messe zum Pressetalk eingeladen war. Als Gestalter von Produkten, Markenidentitäten und Interieurs zeigt seine Erfahrung, so Lissoni, „menschlich zu sein, ist der springende Punkt.“ Das verbinde seine Arbeiten. Dabei verzichtet er gerne auf Trends und sogenannte Innovationen, auch wenn die natürlich Motor der Welt seien. Auch das deutsche Credo „Form folgt Funktion“ ist nicht seine Sache. Vielmehr lautet seine Version „Form folgt Gefühlen“. Zudem „wird die sechste Oberfläche im Raum, der Boden, oft einfach vergessen. Aber wir sind mehr als Dekorateure von Räumen, wir sind Architekten, Produktdesigner, Grafikdesigner und so weiter.“ Weshalb Lissoni zum Beispiel auch die Arbeit mit Treppen so liebt – den Raum zwischen Boden, Wand und Decke. Und was den Teppich angeht, so lassen sich damit Räume gliedern und Inseln – wie etwa Sitzgruppen – hervorheben. „Das rührt von einer langen Tradition, die auch ich einfach weiterführe.“ Als Freund antiker handgefertigter Teppiche mag er sich über die Neuheiten der Domotex hingegen noch kein Urteil bilden. „Ein Teppich ist wie ein Buch. Er erzählt Geschichte, über die jeweilige Teppichknüpferfamilie, über kulturelles Erbe, über seine Herkunft, dort beheimatete Tiere und Pflanzen. Was ich hier auf der Messe sehe, ist inspirierend. Aber um zu bewerten, ob die handgeknüpften Arbeiten wirklich gut sind, müsste man noch einmal 250 Jahre abwarten.“

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