Jan Kath

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Text: Jasmin Jouhar

Der Erfolg der Teppichmarke Jan Kath verdankt sich keineswegs ausschließlich Jan Kath selbst, dem 43jährigen Kopf, Designer, Kommunikator und Macher der Marke. Seine Familie, Bruder David und Mutter Ruth, beide ebenfalls Geschäftsführer, und Vater Martin, ein ehemaliger Teppichhändler, ist die sichere Bank im Hintergrund. Family Affairs hieß denn auch passenderweise die Hausmesse, zu der das Unternehmen im Januar das erste Mal in die Bochumer Zentrale geladen hatte. Wir saßen mit Jan Kath in der Kantine und sprachen über sein fotografisches Gedächtnis, Handschlaggeschäfte und die vierte Teppich-Generation.

Herr Kath, lassen Sie uns über die neue Kollektion handgeknüpfter Teppiche reden. Welche Themen haben Sie bei der Entwicklung beschäftigt?
Grundsätzlich wollen wir nicht über einen bestimmten Stil oder eine Kollektion definiert werden. Denn wir wollen als Designunternehmen nicht in eine Schublade gesteckt werden. Das hat ganz klar auch ökonomische Gründe. So können wir sichergehen, dass wir unsere Mitarbeiter auch noch in zehn Jahren beschäftigen können. Existierende Kollektionen, die gut funktionieren, erfahren einmal im Jahr ein Update. Und darauf habe ich mich in diesem Jahr hauptsächlich konzentriert, etwa bei Artwork oder Erased Heritage, einem unserer Standbeine. Im Zusammenspiel mit meinem Geschäftspartner und Freund Kyle Clarkson habe ich außerdem die Kollektion Grey Gardens neu entwickelt: Das Thema ist ein Anwesen in den Hamptons bei New York, das lange Zeit nicht gepflegt wurde und das sich die Natur wieder zurückgeholt hat – auf einem der teuersten Streifen Land, die man in Nordamerika so bewohnen kann. Das hat uns inspiriert.

Wie lange arbeiten Sie an einer Kollektion?
Unterschiedlich. Ich gehe mit den Ideen schwanger. Zum Beispiel die Billboard-Kollektion: Die habe ich lange im Kopf gehabt. Ich arbeite seit mehreren Jahren auch in Thailand, dort gibt es diese riesigen Werbetafeln an der Straße, die mir gleich aufgefallen sind. Aber erst im vergangenen Jahr habe ich die Idee umgesetzt. Die Kollektionen entstehen tatsächlich in meinem Kopf. Ich habe ein fotografisches Gedächtnis und kann die Motive im Detail fertig sehen. Ich muss sie dann nur noch herauslassen – das mache ich entweder selbst oder ein Grafikbüro.

Der Showroom in der Bochumer Zentrale
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Das Unternehmen heißt nicht nur nach Ihnen, Sie machen auch alles selbst, oder? Es sind Ihre Ideen, Ihre Designs, Sie besuchen regelmäßig die Produktionsstätten in Nepal, Indien oder Marokko…
Ich bin kein professioneller Manager, da muss ich noch viel lernen. Aber als Kontrollfreak will ich wissen, wie die Produktion funktioniert. Gleichzeitig macht es mir aber auch Spaß, im Marketing unterwegs zu sein. Und ich möchte mit den wichtigen Kunden sprechen. Ich weiß nicht, wie lange das so noch gut geht. Und ob das gesund ist, weiß ich auch nicht.

Was unterscheidet einen Jan-Kath-Teppich von der Konkurrenz?
Wir machen keine Kompromisse bei der Qualität. Von der Aufbereitung der Rohmaterialien über die Farbstoffe, die wir benutzen, bis hin zu den Knüpfern. Fair Trade ist uns wichtig.

Um wie viel Prozent ist ein Jan-Kath-Teppich teurer, weil Sie auf umweltverträgliche Produktion oder Fair Trade Wert legen?
Das habe ich nie ausgerechnet, aber ich schätze zwischen sechs und zehn Prozent. Man kann aber die Produkte der Teppichindustrie oftmals gar nicht direkt miteinander vergleichen. Weil jeder das Rohmaterial anders aufbereitet, in einer anderen Stadt oder einem anderen Land arbeitet, wo die wirtschaftlichen Voraussetzungen andere sind. Für mich ist es wichtig, die hochwertigsten und besten Materialien einzusetzen, die wir kriegen können. Ich habe keine Budgetschere im Kopf, wenn ich etwas entwerfe oder ein Konzept entwickle. Wir wundern uns dann manchmal auch, wie teuer das wird. Aber wir haben es geschafft, den Markt für unsere Produkte zu finden. Er ist sehr klein und sehr international: Wir haben hier Gäste aus China, aus dem arabischen Raum, aus Russland.

Bei Fair Trade und Nachhaltigkeit, gibt es da noch Spielraum nach oben?
Auf jeden Fall. Das ist ein ganz langer Prozess. In Kathmandu zum Beispiel haben wir rund 2.000 Leute, die für uns arbeiten. Da kann man nur Schritt für Schritt vorgehen. Noch nicht alle Werkstätten sind bei dem Standard angekommen, den wir uns vor einigen Jahren selbst gesetzt haben. Es ist auch eine Mentalitätsfrage der Menschen vor Ort. Sie wissen oft gar nicht, dass sie in schlechtem Licht arbeiten, und dass man Toilette und Trinkwasser nicht nebeneinander haben sollte. Der nächste Schritt wird eine PR-Kampagne sein, die wir in Nepal starten. Wir wollen jungen Menschen zeigen, dass man stolz darauf sein kann, Teppichknüpfer zu sein. Den Job als respektable Arbeit etablieren. Die Menschen kommen vom Dorf in die Stadt, sind oft ungebildet und arbeiten dann bei uns. Jemand, der in der Stadt aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, würde sich niemals an einen Knüpfstuhl setzen. Erst wenn daraus eine Arbeit wird, die vergleichbar ist mit einem anderen, angesehenen Handwerk, hat die Industrie eine Zukunft.

Sie haben der Firma Ihren Namen gegeben, Sie leihen ihr Ihr Gesicht. Und Sie haben ein starkes Image: einerseits glamourös und weltläufig, aber andererseits betonen Sie Ihre Bochumer Herkunft und Ihre Bodenständigkeit. Stimmt das wirklich?
Das stimmt. Ich bin ein einfacher Typ. Ich beliefere zwar die Hautevolee, aber da möchte ich selbst nicht dazugehören. Das ist schon mal ganz lustig, ich habe kein Problem, mich auf verschiedenen Parketts zu bewegen. Ich genieße den Kontrast. Das ist aber privat nicht das Umfeld, in dem ich mich aufhalte.
Motive aus Werbekampagnen
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Wie wichtig ist die Familie? Sie sind ja bereits die dritte Generation im Teppichgeschäft…
Ich glaube, das ist unsere Stärke. Wir haben einen engen Zusammenhalt in der Familie, versuchen aber auch, unsere Mitarbeiter familiär in den Kreis mitaufzunehmen. Die Teppichindustrie ist sehr speziell – das kann man nicht lernen oder studieren. Traditionell wird das weitergegeben. Wenn man ganz oben mitspielen will, muss man das sehr früh inhalieren.

Was ist so speziell daran?
Wie die Leute miteinander umgehen, die kulturellen Besonderheiten. Bei uns zu Hause war es ganz normal, dass am Wochenenden Menschen aus dem Iran mit am Frühstückstisch saßen. Es gibt Gepflogenheiten, die andere Industrien nicht kennen. Der Handschlag beispielsweise ist immer noch etwas wert, auch wenn es um Millionenbeträge geht. Wenn man da einen Fehler macht, ist man weg vom Fenster. Es ist eine ganz kleine, internationale Community, die dieses Geschäft betreibt.

Sie haben mittlerweile mehrere eigene Läden weltweit, Sie beliefern große Modefirmen mit handgetufteten Teppichen, die damit ihre Geschäfte ausstatten. Gibt es eine Grenze des Wachstums?
Wir arbeiten jedenfalls nicht so, dass wir uns Umsatzziele setzen, die wir im Jahr erreichen wollen. Es ist eine relativ organische Entwicklung. Wir haben eine gute, gesunde Größe erreicht, jedenfalls hier in Bochum. Wir gehen nicht los und putzen Klinken, das haben wir noch nie getan. Wir waren immer in der glücklichen Position, dass wir zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren oder die richtigen Leute getroffen haben. So würde ich gerne weiterarbeiten. Ich habe heute Persönlichkeiten aus Katar hier gehabt, die den Einkauf für eine bestimmte Familie aus Doha machen. Wenn sie zu uns finden, macht mich das stolz, aber ich werde da nicht selbst aktiv. Die Zeit habe ich nicht, und ich möchte das auch nicht. Bis jetzt hat sich das alles so ergeben.

Wären Sie manchmal gerne wieder der 19-Jährige, der ziellos durch Asien reist?
Hm, nein, eigentlich nicht. Ich hätte gerne manchmal ein bisschen weniger Druck, aber den mache ich mir am Ende meistens selbst. Ich bin froh, zwanzig Jahre Lebenserfahrung mehr zu haben. Die verrückten Sachen, die ich vor zwanzig Jahren gemacht habe, muss ich nicht wiederholen. Ich versuche auch, meine Söhne zu überzeugen, nicht die gleichen Fehler zu machen wie ich. Sie können andere Fehler machen.

Wächst da die vierte Teppich-Generation heran?
Mein Sohn Sanchir studiert gerade Produktdesign. Schauen wir mal, was daraus wird. Der jüngere Sohn lebt zurzeit mit seiner Mutter in der Mongolei, er ist ein Mathegenie. Es ist ein bisschen wie bei meinem Bruder und mir. Ich kümmere mich um das Visuelle und um solche Gespräche wie dieses. Mein Bruder ist die ganz sichere Bank im Hintergrund. Er ist Ingenieur, ein sehr, sehr genauer Mensch – wir teilen uns die Arbeit ganz gut auf.

Was kommt, wenn handgeknüpfte Teppiche wieder out sind?
Das wird in meiner Lebenszeit nicht passieren. Das kann ich mir nicht vorstellen. Klar ist, wir sitzen auf einer Zeitbombe. Weil es immer weniger Menschen gibt, die das machen wollen und machen können. Zurzeit gibt es wenig Produktion und eine relativ große Nachfrage. Die Nachfrage ist zwar viel kleiner als noch vor dreißig oder vierzig Jahren, dennoch habe ich in manchen Bereichen Probleme, pünktlich zu liefern. Deswegen auch die Kampagne mit dem Versuch, das Knüpfen von Teppichen als angesehenen Job zu etablieren. Und auch entsprechend zu bezahlen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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