Maison & Objet 2019: Best-of Interior 

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Text: Norman Kietzmann

Von Köln zieht die Designkarawane weiter nach Paris. Auf der Einrichtungsmesse Maison & Objet und der parallel in den Showrooms von Saint-Germain stattfindenden Textilshow Déco Off werden keine schwergewichtigen Fakten verhandelt. Es geht um Accessoires, Oberflächen, Farben und Muster: eben das, was die Atmosphäre eines Raumes bestimmt. Die wichtigsten Zutaten: Humor, Glamour und die Fähigkeit zur Hypnose. 

Dekoration ist ein heikles Wort. Was Franzosen als feine Lebensart interpretieren, nehmen Deutsche als eine wüste Form der Beleidigung auf. Dekorateure bestücken Schaufenster und keine Wohnungen, denken teutonische Gestalter sofort. Doch Déco steht im Französischen für Wohnen. Und so ist dem Schmückenden und Opulenten natürlich die Hintertür geöffnet, ach was, es gehört zum Design ganz einfach mit dazu. Und so gleicht die Pariser Einrichtungsmesse Maison & Objet einem riesengroßen Potpourri, in dem sich die Dinge vermischen. Etablierte Designhersteller stehen Stand an Stand mit jungen Marken und eben auch solchen, die für stilistischen Artenreichtum sorgen.

Rhythmus und Dynamik
Eine wichtige Rolle spielt an der Seine natürlich das Art déco – sozusagen die französische Gegenantwort auf die Bauhaus-Moderne. ENOstudio aus Paris zeigt die Wandleuchte Galon von Guillaume Delvigne, die als mattschwarzer, verchromter oder messingfarbener Stahlbügel in den Raum ragt. Die Lichtquelle ist von schwarzen Fransen verborgen, die aus dem Bügel heraus nach unten hängen und an wehende Abendkleider in den Jazzclubs der Zwanzigerjahre erinnern. 

Exotisches Feeling bringt die spanische Marke Houtique durch eine Kooperation mit dem Designbüro Masquespacio ein. Aus der 2017 noch als Prototyp gezeigten Fransen-Leuchte Wink ist nun eine ganze Kollektion gewachsen, die den Sessel Mambo, den Pouf Chachachà sowie einen gleichnamigen Barhocker umfasst. Auch sie werden durch Fransen in bunten Farben geschmückt, die unweigerlich gute Laune machen und für Rhythmus und Dynamik in den heimischen vier Wänden sorgen. Oder wie es der Hersteller sagt: „There’s no sorrow, there’s no sadness, there’s no decay.“ Die rosarote Brille wird zur Einrichtungsstrategie.

Bezug Stripes Mosaic von Missoni Home. Foto: Missoni Home

Weich wie Knete
Humorvoll geht es am Stand von Seletti weiter. Mit der Street Lamp haben Studio Job den Archetyp einer gusseisernen Gaslaterne aus dem 19. Jahrhundert aufgegriffen und in Anlehnung an Achille Castiglionis berühmte Arco-Leuchte zur Seite gebogen – fast so als wäre der metallene Fuß unter großer Hitzeeinwirkung so weich wie Knete geworden und hätte einfach nachgegeben. Hinzugekommen ist eine kabellose, kompakte Tischversion der Leuchte, die vor allem auf klassischen Pariser Bistrot-Tischen und ihren gusseisernen Gestellen eine perfekte Figur abgibt. Im Gegensatz zum gebogenen XXL-Format bleibt die Mini-Leuchte standhaft wie eine Eins. 

Auferstanden aus Müll 
Postmoderne und Ökobewusstsein bringt Tom Dixon unter einem Hut. Das eigens entwickelte Material Swirl zeigt stark strukturierte Oberflächen und wird für die Fertigung von Accessoires wie Kerzenständern oder Buchstützen verwendet. Bei der Herstellung werden pulverige Abfälle aus der Marmorindustrie mit Harz und Pigmenten zu Blöcken verarbeitet, die sich mit der Säge oder an der Drehbank bearbeiten lassen. Welch spannende Wirkung damit erzielt werden kann, zeigt der Kerzenständer aus drei versetzt angeordneten Quadern mit unterschiedlichen Strukturen, die von einem aufrecht stehenden Zylinder mit Kerzenfassung gekrönt werden.  

Mini statt Maxi
Ein weiterer auffälliger Trend dieser Maison & Objet sind kompakte Dimensionen. In Größe schwelgen kann schließlich jeder. Auf kleiner Fläche zu reüssieren, verlangt besonderes Fingerspitzengefühl. La Chance präsentiert die kleine Kommode Bump 2, die mit galvanisierten, schimmernden Fronten und Füßen aus Stahl sowie einer marmornen Ablage aufwartet. In die beiden Türen sind halbkugelförmige Mulden eingelassen, hinter denen sich der Öffnungsmechanismus verbirgt. Die beiden tschechischen Designer Jan Plechac und Henry Wielgus ließen sich hierbei von den auffälligen Siebzigerjahre-Paneelen inspirieren, mit denen die Metro-Stationen von Prag verkleidet sind. 

Winzig wie ein Küken ist die Leuchte Mina von Lexon mit 8,3 Zentimetern Höhe und sieben Zentimetern Durchmesser. Der Entwurf von Andrea Quaglio und Manuela Simonelli ist transportabel, wird per USB-Anschluss aufgeladen und spendet sechs Stunden lang Licht. Das Schrumpfen der Proportionen öffnet ganz neue Anwendungsmöglichkeiten. Schließlich kann die Leuchte dort platziert werden, wo „normalgroße“ Exemplare niemals hin passen würden. Auch verleiten die handlichen Maße umso mehr dazu, die Leuchte tatsächlich zu berühren und nicht die meiste Zeit an einem Ort zu belassen.

Präsentation Progetto Tessuti von Dimorestudio. Foto: Tadzio

Renaissance trifft Memphis 
Der Mailänder Teppichhersteller cc-Tapis war bereits auf der Kölner Möbelmesse imm cologne präsent, jedoch sind in Paris noch zusätzliche Modelle vorgestellt worden. Mit räumlicher Tiefe spielen die vier Teppiche aus der Kollektion Cinquecento von Studio Klass. Als Vorlage dienten Gemälde der Renaissance-Maler Domenico Venezia, Giovanni Bellini und Ludovico Mazzolino, deren Bildaufbau in geometrische Grundkörper übersetzt wurde. Beim Prozess der Abstrahierung sind die dargestellten Personen verschwunden, während die Perspektiven der architektonischen Umgebung übrig blieben. Auch hier wirft das Neue einen Anker in die Vergangenheit – und serviert die scheinbar der Ewigkeit enthobenen Formen mit postmodernem Augenzwinkern.

Zeitliche Stoffe
Wer nicht ganz so weit durch die Zeit reisen mag, kann auch in der jüngeren Historie einen Zwischenstopp einlegen. Das Mailänder Designerduo Dimorestudio lässt mit der Textilollektion Push It die späten Sechziger- bis frühen Siebzigerjahre mit geometrischen Dreiecksmustern aufleben. Bei Missoni Home erinnert der Bezug Stripes Mosaic auf den ersten Blick an Patchwork. In Wirklichkeit handelt es sich um einen durchgehenden Stoff, der in unregelmäßig versetzte Farbfelder mit Streifen unterteilt ist. Worum es hierbei geht, erklärt das italienische Modehaus so: „Mit hypnotischer Stimmung und starkem Magnetismus werden großzügige Räume erhellt.“ Klingt nach einer fesselnden Wohlfühlstrategie, bei der ganz gewiss keine Langeweile zu befürchten ist.

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