Euroluce 2011: LED is More

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Text: Katharina Horstmann


Leuchten, deren Körper zurücktritt, um Licht und Raum in den Vordergrund zu rücken. Leuchtdioden, die die Form einer klassischen Glühbirne annehmen. Oder Leuchtröhren, die wie Trapeze dekorativ von der Decke hängen. Die Lichtausstellungen auf und um die diesjährige Euroluce, die vom 12. bis zum 17. April 2011 parallel zum Salone del Mobile in Mailand stattgefunden haben, zeigen, dass die Lichtindustrie alles ist, nur nicht einseitig.
 
 
Ein weißer Tunnel: An seiner Decke verläuft eine lange weiße Lichtlinie. Sie wird in einem schmalen Bach reflektiert, der wiederum zu einer weiteren Lichtlinie wird. Der Tunnel führt auf einen alten, etwas verfallenen Innenhof, in dem ein großes Wasserbecken steht. Auf seiner Oberfläche erscheinen konstante Wellen, die am Tag durch das Sonnenlicht und in der Nacht durch LED-Leuchten geschaffen werden. Hinter dem Becken befindet sich ein altes Gebäude mit einem großen Saal. Der Innenraum ist dunkel, fast schwarz, wären da nicht die zahllosen schwebenden Lichtpartikel. Sie bilden aus zahlreichen von der Decke fließenden Wassertropfen eine Art Vorhang und schaffen eine besondere, fast poetische Stimmung, fern des bunten Treibens der Mailänder Möbelmesse. Worum es geht? Um eine Ausstellung von Toshiba mit dem Titel Luce Tempo Luogo – zu Deutsch: Licht Zeit Ort.
 
Poetik des Lichts
 
Das japanische Unternehmen hatte neben der Euroluce auf dem Messegelände in Rho den Fuori Salone gewählt, um seine neuesten Produkte zu zeigen. In einem alten Gebäude aus dem letzten Jahrhundert in der Via Savona demonstrierte Toshiba auf künstlerische Weise, wie Licht eingesetzt werden kann und veranschaulichte, dass Licht mehr vermag, als einen Raum zu beleuchten; und dass neue Technologien mehr können als lediglich Energie zu sparen – ein Thema, das auf der Messe vielfach, jedoch ganz unterschiedlich aufgegriffen wurde. Der italienische Leuchtenhersteller Flos etwa brillierte auf seinem Messestand unter andern mit dem Lüster 2620 LED von Ron Gilad. Der israelische Designer hat 2620 winzige Leuchtdioden in scheinbar zufällig geformte Lichtringe eingebettet. Sie sind jedoch so positioniert, dass das Objekt sich zu bewegen scheint.
 
Lichtinstallationen
 
Wie schon Toshiba wählte auch Flos neben seinem Messeauftritt die Innenstadt für eine Lichtinstallation. In Zusammenarbeit mit dem Automobilhersteller BMW und dem Designer Paul Cocksedge präsentierte er im firmeneigenen Showroom in Corso Monforte die Installation Sestosenso – zu Deutsch: sechster Sinn. Ausgangspunkt war das neue 6er-Coupé, das als erster BMW serienmäßig mit LED-Scheinwerfern ausgestattet ist. Der junge Brite hat eine handgefertigte limitierte Edition von 66 roten und weißen konischen Leuchten gestaltet. Deren Lichtquelle ist – ähnlich wie bei den Scheinwerfern des Automobils – im transparenten Gehäuse verborgen. Wer sich unter eines der glockenförmigen Objekte stellte, die in einem extra für die Installation geschaffenen weißen Raum tief von der Decke hingen, konnte auf der weißen Wand Autos an sich vorbeifahren sehen.
 
Wohnliche Leuchtdioden
 
Auch das österreichische Unternehmen Swarovski war wieder in Mailand präsent. Zwar nicht wie gewohnt mit dem Swarovski Crystal Palace in der Stadt – das Ausstellungsprojekt wird im Juni zum ersten Mal in Basel auf der Messe Design/ Miami Basel präsentiert –, dafür aber mit diversen Kollektionen auf der Euroluce. Zu den Highlights gehörten hier die Swarovski Lighting Centerpieces mit dem Lüster ReveaLED des New Yorker Architekten Andre Kikoski. Dieser ist charakterisiert durch die Einfachheit seiner geometrischen Form. Sie umfasst einen wahlweise schwarzen, weißen oder silbernen Rahmen, in dessen Innenseite ein Ring aus Kristallen und Leuchtdioden sitzt.

Die französische Designerin Matali Crasset dagegen wählte eine etwas andere Herangehensweise, um die Wohnlichkeit der neuen Technologien zur Schau zu stellen. Ihre für den italienischen Möbel- und Leuchtenhersteller Danese entworfene Pendelleuchte Court Circuit besteht aus fünf abgerundeten Leiterplatten, die einen archetypischen Lampenschirm bilden, der in alle Richtungen strahlt. Neu war auch das Hängeleuchtensystem Match des spanischen Herstellers Vibia. Dank einer Online-Software, die den zu beleuchtenden Raum definiert, werden individuelle Lösungen erstellt, die auf die jeweiligen Bedürfnisse des Nutzers eingehen. Und auch bei Zumtobel standen LED-Technologien im Vordergrund. Zu den Highlights gehörte das Lichtsystem Light Fields von Sottsass Associati, für die auf dem Messestand eigens eine Bürosituation simuliert wurde. Die Serie umfasst eine An- und Einbauleuchte, eine Pendel- und Stehleuchte sowie ein clusterähnliches Lichtfeld. Dank LED als Lichtquelle und deren neuartige Mikropyramiden-Strukturoptik erzielt sie eine blendenfreie und gleichmäßige Lichtwirkung, die besonders angenehm für die Arbeit an Bildschirmarbeitsplätzen ist.
 
LED-Birnen
 
Ein Unternehmen, das sich in diesem Jahr zum ersten Mal auf den Leuchtenmarkt wagte, ist Alessi. In Kollaboration mit der Firma Foreverlamp präsentierte es Alessilux, eine Kollektion, die die Grenze zwischen klassischem Leuchtmittel und alternativer LED-Technologie aufzuheben versucht. So werden Leuchtdioden hier in Form von unterschiedlich geformten Glühbirnen präsentiert. Einen ähnlichen Gedanken hatte auch Davide Groppi mit der Leuchte LED is More, die eine Hommage an Mies van der Rohe ist. Für das Produkt überarbeitete der Designer das Symbol des Lichts – die Glühbirne – und bestückte diese mit einer 1,2-Watt-LED-Leuchte, die angenehm diffuses Licht für den Wohnraum spendet.
 
Lichtspiele
 
Natürlich gab es auch auf der Euroluce klassischere Designvorschläge. So stellte der italienische Hersteller Pallucco die Leuchtenserie Cielo – zu Deutsch: Himmel – vom japanischen Designer Kazuhiro Yamanaka vor. Diese wird von einem trapezförmigen Lampenschirm dominiert, der eine Energie sparende Halogenlampe birgt. Er besteht aus einer linsenförmigen Kunststofffolie, die einen holografischen Effekt schafft: Der Wellencharakter des Lichts wird genutzt, um eine anschauliche Darstellung – den Himmel mit seinen vorbeiziehenden Wolken – zu erzielen, die über die Möglichkeiten der klassischen Fotografie hinausgeht.
 
Sylvain Willenz präsentierte die Hängeleuchte Ray, die er für das belgische Unternehmen Tamawa entworfen hat. Sie wird von Kugeln aus Bakelit dominiert, einem duroplastischen, hitzestabilen Kunststoff, der auf Phenolharz basiert. Die Kugeln kombiniert der belgische Designer spielerisch mit modernen Röhrenlampen. Ebenfalls spielerisch und humorvoll ging es bei Nemo zu. Der italienische Hersteller zeigte unter anderen die Leuchte Mr. Light. Der Entwurf des spanischen Designers Javier Mariscal zeichnet sich durch eine zeichentrickähnliche Gestalt aus schwarzem Metall aus, die mit ihrem beweglichen Schirm „Hallo“ zu winken scheint. Ebenfalls dekorativ humorvoll ist die Leuchte Johnny B. Butterfly von Ingo Maurer. Sie besteht aus einer Glühbirne mit weißem Blendring aus Teflon, auf der wie vom Licht angezogene handgefertigte Insektenmodelle sitzen.
 
Re-Editionen & Traditionen
 
Die dänische Firma &Tradition stellte im Superstudio eine Re-Edition der Leuchtenserie Bellevue von Arne Jacobsen aus dem Jahr 1929 vor. Es war Jacobsens erster Leuchtenentwurf, für den er Rohrstab verwendete. Ein ebenfalls dänischer Klassiker ist die Hängeleuchte Semi aus den späten Sechzigern, den das Unternehmen Gubi neu editierte. Der Entwurf von Torsten Thorup und Claus Bonderup ist charakterisiert von einem kreisförmigen, emaillierten Metallschirm, der auf Viertelkreisen basiert und in diversen Farben erhältlich ist. Die Wiener Leuchtenmanufaktur Kalmar wiederum ging einen Schritt weiter und ließ von zeitgenössischen Designern klassische Leuchtenentwürfe aus dem Österreich des frühen 20. Jahrhunderts neu interpretierten. Unter anderem stellte sie die Leuchtenserie Billy vor, eine Kombination aus fein lackiertem Metall sowie einer schlichten Holzkonstruktion, die eine frische Mischung aus Funktionalität und spielerischer Attitüde darstellt.

Tradition und Gegenwart miteinander zu verbinden, ist auch dem Kristallhersteller Baccarat nicht fremd. Das französische Traditionshaus stellte neben neuen Produkten von Philippe Starck und Marcel Wanders die Leuchtenserie Candy Lights von Jaime Hayón vor. Wie schon der erste Entwurf für Baccarat, die Vasenkollektion Recontre, verbindet der spanische Designer auch bei den Tischleuchten die klassischen Merkmale des Unternehmens mit der für ihn typischen Formensprache.
 
Zurücktretendes Design
 
Überraschend war die neue Kollektion des finnischen Herstellers Artek. Neben seinen Leuchtenklassikern präsentierte er White Light, eine zeitgenössische Serie, die eine Schreibtisch-, Tisch-, Decken- und Bodenleuchte umfasst. Wie der Name erahnen lässt, steht hier das Licht im Vordergrund, das Produkt tritt mit seinem Körper zurück und bildet den perfekten Rahmen für eben dieses. Diese Kollektion ist eine erfrischende Alternative zu den dekorativen Leuchten und ihre oftmals schon überfüllten Umgebungen: Sie ist weder laut noch überfordert sie den Raum, in dem sie sich befindet.


Alle Beiträge zum Salone del Mobile 2011 im Designlines-Special.


Unsere Partner auf der Euroluce:

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