100 – eine Hommage an Kaj Franck

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Text: Claudia Simone Hoff


In Helsinki gibt es sie in fast jedem Café, im Restaurant, am Flughafen und in anderen öffentlichen Gebäuden: Tassen, Teller und Schalen eines Speiseservices namens Teema. 1952 von Kaj Franck (1911-1989) entworfen, zeichnet es sich aus durch klare geometrische Formen, verzichtet auf jegliche Ornamentik und ist ein gutes Beispiel für die Designphilosophie des finnischen Gestalters. In diesem Jahr wäre Kaj Franck 100 Jahre alt geworden – Grund genug sich auf seine gestalterischen Spuren zu begeben.


„Wir sind auf einem guten Weg, die Küche in eine begeisternde Speisezubereitungswerkstatt zu verwandeln. Aber diese Revolution in der Küche hat das Geschirr bisher kaum berührt. Gibt es nichts, was wir gegen diese Armee an vergoldeten Tellern tun können? Nun ja, zerbrechen!“ So radikal war Kaj Franck – und zwar bereits 1949.

Finnisches Design im Fokus

Vier Jahre später war es dann soweit: Das formal stark reduzierte Service Kilta, das erst später in Teema umbenannt wurde, ging bei Arabia in Produktion. Heute kaum noch vorstellbar, war das Service zu seiner Entstehungszeit eine gestalterische Sensation: Teema, das seit 1981 unter diesem Namen vom finnischen Hersteller Iittala produziert wird, besteht aus nur wenigen Teilen, nimmt also Abschied vom bis daher in den guten Stuben vorherrschenden Komplettservice mit opulentem Dekor.

Die einzelnen Teile sind untereinander kombinierbar und können damit unterschiedlichen Funktionen zugeführt werden. Teema passt in seiner Schlichtheit und der Verwendung geometrischer Grundformen wie Rechteck, Kreis und Dreieck gut zu anderen Porzellanservices und ist vielseitig einsetzbar: egal ob zuhause beim Familienfrühstück oder abends zum eleganten Tête-à-Tête. Als einzig mögliche Dekoration hatte Kaj Franck die Farbe zugelassen – diese wechselt je nach Jahrzehnt und Mode. Teema ist aber nicht nur schön anzusehen, sondern ganz und gar praktisch im Gebrauch: strapazierfähig, wasserfest und leicht zu reinigen.

Die fünfziger Jahre, in denen Teema entstanden ist, bedeuteten den Durchbruch des finnischen Designs ganz allgemein. Gestalter wie Tapio Wirkkala, Alvar Aalto und auch Kaj Franck waren die Protagonisten einer neuen Gestaltungsauffassung. Sie stellen ihre Produkte auf der Mailänder Triennale aus, gewannen zahlreiche Designpreise und erschafften sich internationales Renommee.

Radikale Gestaltung

Kaj Franck hatte sein Studium des Möbeldesigns an der Kunstgewerbeschule in Helsinki 1932 beendet und arbeitete zunächst als Illustrator, Schaufensterdekorateur und Textilgestalter. Seine Karriere als Gestalter von Tableware aus Porzellan und Glas begann beim finnischen Hersteller Arabia in Helsinki, wo er von 1945 bis 1973 als Chefdesigner tätig war. 1950 wurde Kaj Franck außerdem künstlerischer Leiter der Glasfabrik Nuutajärvi, wo auch andere Gestalter wie Oiva Toikka und Heikki Orvola tätig waren.

Kaj Franck gestalterische Vorbilder sind auch am deutschen Bauhaus zu suchen, denn „radikal und sozial“ wollte der finnische Gestalter sein und Alltagsgeschirr für jeden schaffen – unabhängig von der Einkommensschicht und der steifen Tischetikette. Deshalb lässt sich Teema durchaus als „Anti-Service“ bezeichnen. Kaj Franck war zudem Verfechter des „anonymen“ Designs – ein Design, bei dem nicht der Name des Gestalters im Vordergrund steht, sondern einzig und allein das Zusammenspiel von Form, Funktion und Material. Kein Wunder, dass es gerade ein Finne war, der zu diesem Ergebnis kam, ist Finnland doch ein Land, in dem Gebrauchsgegenstände aufgrund der wirtschaftlichen und natürlichen Gegebenheiten schon immer funktional und materiell effizient hergestellt wurden.

Balance zwischen Form, Funktion und Material

Kaj Francks Entwürfe erleben derzeit ein veritables Revival. Neu aufgelegt und auf der Frankfurter Konsumgütermesse ambiente in diesem Jahr vorgestellt, hat der 1881 gegründete Glas- und Porzellanhersteller Iittala beispielsweise die in zwei Größen erhältlichen Vorratsdosen Parnukka. Ein Jahr später als das Porzellanservice Kilta entstanden, kommen die multifunktional einsetzbaren Gefäße aus Keramik in Schwarz, Grau, Türkis und Weiß daher. Die Vorratsdosen könnten noch zum Klassiker werden im Küchenhaushalt – die Glasserie Kartio samt Trinkgläsern, Karaffen und Vasen ist es bereits.

Bisher waren die für alle Trinkgelegenheiten nutzbaren Gläser nur als Pressglas im Sortiment, nun hat sich Iittala zum runden Geburtstag des Meisters entschlossen, das Sortiment um die originale, mundgeblasene Version zu ergänzen. Und eine Bereicherung sind die feinen Gläser auf dem gedeckten Tisch allemal. Wie er auf die konische Form des Glases gekommen ist, hat der finnische Designer einmal so erklärt: „Wenn man ein perfektes Glas kreieren will, muss man mit der Hand beginnen, die das Glas hält. Man muss sich fragen, was für ein Glas diese Hand wohl gerne halten würde." Ein schöne Idee von Iittala aus Anlass der Jubiläumsedition war es auch, die von Kaj Franck gestaltete Verpackung wieder aufzulegen: Hier greifen Produkt- und Grafikdesign perfekt ineinander. Das erkannte das New Yorker Museum of Modern Art bereits im Entstehungsjahr, als es Kartio in seine ständige Sammlung aufnahm.

Rein dekorativ hingegen ist ein Entwurf Francks, der zu seinem 100. Geburtstag ebenfalls neu aufgelegt wurde: Ateenan aamu – was so viel bedeutet wie „Morgen in Athen“ – heißen die feinen hängenden Glasartefakte. Mundgeblasen können die fragilen Mobiles wie ein Vorhang vor dem Fenster hängen, über dem Tisch platziert werden oder auch mitten im Raum. Bewegen sie sich im Wind, erklingt ein leises, metallisches Geräusch.

Design versus Kunst

Kaj Franck hat in seinem langen Designerleben Hunderte von Produkten gestaltet, wobei er wenige Themen immer wieder neu variierte. Neben Produktdesign entwarf er jedoch auch kunstvolle Einzelstücke aus Glas wie Vögel, Schalen oder Vasen – so zu sehen in der groß angelegten Retrospektive seiner Werke im Designmuseum von Helsinki in diesem Sommer. Der Name Kaj Franck allerdings wird immer in einem Atemzug genannt werden mit seinen zwei markantesten Entwürfen: Teema und Kartio. An der Universität in Helsinki gibt es sie allerdings nicht mehr: die Tassen, Teller und Schalen von Teema. Warum? Studentische Langfinger haben dem Stil in der Uni-Kantine ein Ende bereitet.


Buchtipp


Päivi Jantunen: Kaj & Franck, Esineitä ja lähikivia – Design & Impression. Hämeenlinna (WSOY) 2011. Aus diesem Buch wurden auch die Abb. 2, 4, 5, 7 und 8 übernommen.

Iittala, 125 Years of Finnish Glas, Designmuseum Helsinki 2006.

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