Ab in die Mitte!

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Text: Tanja Pabelick

Kaum ein Wort fällt im Zusammenhang mit zeitgenössischer Bürokultur so oft wie dieses: Mittelzone. Die Vokabel ist zur Schublade für nahezu alles geworden, das nicht Metallgestelle, schweres Leder oder Marmorplatten besitzt und sich frei im Raum und damit auch ins Zentrum schieben lässt. Es ist der Exitus des Executive, stattdessen werden die Büros von hierarchiefreien Verkrümel-Orten erobert. Die Orgatec 2014 zeigte gemiedene Randzonen, dichte Ficus-Wälder und eine goldene Mitte, die nicht ohne Fluchträume auskommt.

Die Revolution des digitalen Zeitalters hat die Arbeitszellen vernichtet. Sie hat die Wände niedergerissen und Grenzen zwischen den Schreibtischen aufgelöst. Die neuen Desktops sind weite, offene Flächen. Gegliedert werden sie durch ein paar Akustikpaneele oder frei stellbare Grenzmarkierungen in Gestalt von vertikalen Notizblockhaltern, raumgreifenden Stifteboxen und 30-Zoll-Monitoren. Glaubt man den Ausstellern der diesjährigen Orgatec, sitzt dort aber sowieso kaum jemand mehr dauerhaft. Arbeitsplätze gehören keinem mehr allein. Es braucht aber auch niemand morgens sorgenvoll ein Handtuch aufzufalten. In Zeiten dynamischer Platzwechsel sucht der Mitarbeiter sich nach dem Lunch einfach einen neuen Ort, arbeitet in der Cafeteria weiter oder zieht in die Lounge. Dort gibt es diese schicken zeitgenössischen Areale, die unter Mittelzone zusammengefasst werden, dort verorten viele die Zukunft der Arbeitswelt.

Auf der Insel
Die Mittelzone hat die Kollegen von Demarkationslinien befreit – und sogleich begonnen, andere Trennmöglichkeiten aufzubauen. Da sind jetzt keine strengen Arbeitskuben orthogonal ausgerichteter Großraumbüros mehr, in denen Tisch, Stuhl und Drucker wohnen. Stattdessen Couches im Kasten, Lounge-Chairs hinter Wänden und Sofas mit extrahohen Lehnen. Sie ankern frei im Raum und tragen freundliche Farben. Damit die jahrelang unbespielten Weiten der Büro-Mitte aber nicht zu einer Fata Morgana der Heimeligkeit werden, braucht es geschützte Inseln. Und die werden von viel Schaumstoff gebildet. Vor Polsterstühle schieben sich mobile Trennwände, grafisch interpretierte Filz-Pflanzen oder durchaus dekorative Fächer, wie die auf einem Betonfuß stehenden Pincettes von True Design. Die Mittelzone ist ein Ort für temporäre Privatheit zwischen sicht- und schallschluckenden Stoffpaneelen.

Im Wald
Neben der Sichtbarkeit ist das große Problem der Mitte auch die Akustik. Informationen übertragen sich rasant durch den störungsfreien Luftraum. Einige Hersteller, wie etwa Cascando, bauen deshalb statt trennender Paneele ganz archaisch einen kleinen Wald in die Mittelzone. Problem gelöst! Hinter dem Buschwerk der rollenden Rombo-Pflanzkästen ist man kaum zu sehen, und das Blätterdickicht schluckt jede Unterhaltung. Etwas subtiler sind da die Akustikplatten des österreichischen Unternehmens Organoid. Aus Wildblumenwiesen, Lavendelfeldern und Pfefferminzstängeln machen sie Dekorbeschichtungen, die nicht nur akustisch beruhigen, sondern auch beruhigend duften. Die Natur spielt ohne Frage eine Hauptrolle in der Mittelzone – und erinnert damit an Bankgruppen auf einem lauschigen Marktplatz.

Im Dorf
„Machen Sie ihr Büro zum Dorf!“, sagt dazu auch der Hersteller Ophelis. Ganz nebenbei macht er damit auf ein von der Vorstadt adaptiertes Thema, die neue Transparenz, aufmerksam. Wo zu viel Offenheit herrscht, sind Jägerzäune, Buchsbaumhecken und bellende Hunde nicht mehr weit. Im Büro freilich lebt man die Schutzmaßnahmen vor Zudringlichkeit subtiler aus. Und trotzdem: Was ist denn falsch an den Rändern und Wänden, den Grenzen und Mauern, an die man sich drücken und hinter denen man sich ducken kann? Die Mitte ist der Präsentierteller, auf dem nur ungern sitzen möchte, wer sich gerade ein Brötchen reinschiebt oder eine Runde Angry Birds spielt. Non-territoriale Büros können sich schnell anfühlen wie das Arbeiten auf dem Flughafen. Und dann kommt Sehnsucht auf. Nach traditionellen Randzonen mit der Art von Ruhe, die allein aus Abgeschiedenheit entsteht.

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