Alle für alles auf der imm cologne 2018

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Text: Norman Kietzmann, 09.01.2018

Im Mittelpunkt der 69. imm cologne stehen flexible Allrounder, die zugleich für die Wohnung, das Büro, die Hotellerie und die Gastronomie geeignet sind. Die Retro-Anklänge der letzten Jahre werden mehr und mehr von zeitloser Klarheit ersetzt. 

Möbelmessen sind wie gut bestückte Bars. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Die Reise geht ganz klar in Richtung Omnipräsenz – und zwar gleich auf doppelte Weise. Einerseits erweitern die Hersteller ihr Portfolio: von großformatigen Schränken über Sitzmöbel, Tapeten und Teppiche bis hin zu handlichen Accessoires. Auf der anderen Seite schauen auch die Messemacher über den Tellerrand hinaus und nehmen Bäder, Büroeinrichtungen, Lichtlösungen und andere Disziplinen auf.

Ganzheitlicher Fokus
Nachdem die Möbelmesse im vergangenen Jahr von der Küchenschau LivingKitchen begleitet wurde, legt nun das Format Pure Architects den Schwerpunkt auf den Bereich Bad, wo Aussteller wie Antoniolupi, Burgbad, Laufen, Bette oder Vola die Verzahnung von Wohn- und Nassraum vor Augen führen. Auch Smart-Home-Anwendungen, technische Lichtlösungen und Schaltersysteme von Herstellern wie Gira und Jung dürfen an dieser Stelle nicht fehlen. Während das Thema Licht ebenfalls in den Pure Editions in den Hallen 2.2 und 3.2 fortgesetzt wird, wo ausgewählte Hersteller wie Vitra, Brokis, Pedrali oder Cappellini in pyramidenartigen Gitterstrukturen ihre Produkte in Szene setzen.

Drahtstuhl Alambre von Alfredo Häberli mit Tisch Akio von Mathias Seiler für Girsberger. Foto: Girsberger

Sinnlichkeit und Strenge  
Auch die Designer haben sich Ganzheitlichkeit groß auf die Fahnen geschrieben und ihre Produkte für den Wohnraum wie für Hotels, Büros, Besprechungsräume oder Restaurants kompatibel gemacht. Attribute wie privat und öffentlich, büro- und freizeitorientiert werden zugunsten einer neuen Universalität aufgehoben, die mit einer ruhigeren und zurückhaltenderen Formensprache einhergeht. Die Dinge werden strenger, ohne ins Langweilige zu verfallen, und offenbaren ihre Qualitäten erst auf den zweiten Blick. Positiver Nebeneffekt: Die allgegenwärtigen Fünfzigerjahre-Anleihen der letzten Jahre werden ausrangiert. 

Wie eine Ode an die Zeitlosigkeit wirkt das feingliedrige Regal S3 von Tecta, das der Designer Klemens Grund zunächst auf Anfrage für die Vatikanischen Museen entwarf und das nun den Weg ins Portfolio des Bauhaus-orientierten Herstellers fand. Auch Girsberger setzt auf Leichtigkeit: mit dem Drahtstuhl Alambre von Alfredo Häberli. Das Möbel funktioniert als skulpturales Einzelstück ebenso wie als Teamplayer. Gleichzeitig entzieht es sich einer fixen Zuordnung zum Wohnzimmer und kann ebenso im Essbereich oder in Besprechungs- oder Warteräumen verwendet werden. 

Weiche Moderne
Derweil gibt Philipp Mainzer mit dem für sechs bis acht Personen ausgelegten Massivholztisch Ashida sowie mit dem stapelbaren Metallstuhl Henning für e15 klaren Kanten den Vorrang. An der Schnittstelle zwischen Heimgebrauch und Contract-Markt bewegt sich der Servierwagen Grace, den Sebastian Herkner für Schönbuch entworfen hat und der mit seinen abgerundeten Ablagen und großformatigen Rädern Alvar Aaltos Servierwagen-Klassiker 901 von Artek in die Gegenwart holt. Der finnische Möbelhersteller ist ebenfalls auf der Messe präsent und zeigt wie Wohnen und Arbeiten auf lediglich 35 Quadratmetern funktioniert.

Auf die Spuren der Moderne begibt sich Sebastian Herkner gleich mehrfach: Für Thonet präsentiert er den kompakten Holzstuhl 118 mit einem Rahmen aus massiven Bugholzelementen. Parallel erweitert der Offenbacher seine Möbelkollektion von Ames um den kunstvoll geflochtenen Outdoorsessel Circo sowie den Beistelltisch Nuna – passend präsentiert auf einem Messestand, der der Casa de las Aguas der kolumbianischen Architekten Guillermo Arias und Luis Cuartas nachempfunden wurde.

Schachtisch Calvert von Ferdinand Kramer aus dem Jahr 1951, neu aufgelegt von e15. Foto: e15

Komplexe Umarmungen 
Umtriebig zeigt sich diesmal der Schweizer Polstermöbelhersteller De Sede, der gleich zwanzig Neuheiten in Köln vorstellt und dabei in bislang unbesetzte Typologien wie Teppiche oder Holztische vordringt. Den Hinguckfaktor trägt vor allem das geschwungene Daybed DS-1000 auf, das Ulrich Kössl zusammen mit dem Inhouse-Designteam gestaltet hat. Die federnde Liegefläche wird im Kopf- und Fußbereich von Metallröhren eingefasst, die wiederum von breiten Ledergurten umschlossen werden. In die Welt des Origami begibt sich das Designerduo LucidiPevere mit dem Sofa Paipai für Ligne Roset. Wie beim namensgebenden Fächer sind die Rücken- und Armlehnen durch raffinierte Faltungen verbunden und dank eines besonders weichen Schaumstoffs auch zum stundenlangen Lümmeln geeignet.
 
Glanzvolle Auftritte dürfen ebenfalls in Köln nicht fehlen. Der Möbelhersteller Piure erweitert das Schranksystem Nex um die Edition Glamour, die mit aufwendig verarbeiteten Spiegelfronten in vier Farben die Blicke auf sich zieht. Zurück zu den Wurzeln kehrt Vitra mit zwei limitierten Sondereditionen des Panton Chairs, der vor exakt 50 Jahren auf der imm cologne seine Premiere erlebte. Verspiegelte Oberflächen erschienen dem dänischen Designer damals besonders geeignet für diesen dynamisch geschwungenen Stuhl. Jedoch war eine technische Umsetzung in den späten Sechzigerjahren nicht möglich. Neben der Spiegelausführung Panton Chrom wird ebenso die Edition Panton Glow vorgestellt, die mithilfe fluoreszierender Pigmente im Dunkeln blau zu leuchten beginnt.

In der Stadt 
Was es sonst noch gibt: Die Arbeiten von Ferdinand Kramer begegnen einem nicht nur auf der Messe, wo e15 den Schachtisch Calvert neu auflegt. Parallel stellt das Label Tsatsas im Museum für Angewandte Kunst eine Handtasche vor, die Kramer 1963 für seine Frau Lore entworfen hatte. Im Ungers-Archiv öffnet derweil eine Ausstellung über Egon Eiermann, während Fien Muller und Hannes van Severen ein Schaufenster in der Buchhandlung Walter und Franz König umgestalten. New Tendency zeigen in den Räumen der Galerie Hammelehle & Ahrens die Installation Stricly Business von Mirko Borsche. Die gegenseitige Verflechtung ist am Rhein in vollem Gange.

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