Alles eingepackt: von der ICFF 2009 in New York

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Text: Hannah Bauhoff und Katharina Horstmann


Erfahrene Messebesucher sind bestens gerüstet: Mit Regenschirm geht es im Januar zur „imm cologne“ an den Rhein, eingehüllt in eine dicke Daunenjacke im Februar zur Stockholmer „ Furniture Fair“ und mit Blasenpflaster im April zum Ausstellermarathon des Mailänder „Salone del Mobile“. Doch im Mai, wenn die „International Contemporary Furniture Fair“ (ICFF) nach New York lockt, ist der Koffer bei Reiseantritt leer. Denn parallel zu dieser Möbelmesse finden jedes Jahr die sogenannten „Sample Sales“ statt, bei dem alle Modebewussten Schnäppchen jagen – um dann später in einer der Ausstellungen der ICFF zu verschnaufen. Dieser Besichtigungsrhythmus irritiert Erstbesucher, hat aber für geübte ICFF-Reisende seinen besonderen Reiz. Und das nicht nur, weil sie mit einem Koffer voll neuer Garderobe, sondern auch mit einer Menge unerwarteter Eindrücke und Inspirationen rund um das Thema Design nach Hause fahren.


Die Stimmung – so der Eindruck bei Betreten der Halle des Jacob K. Javits Centers in Manhattan – war gelassen, aber positiv. Zwar waren auf der 21. ICFF aufgrund der Wirtschaftskrise fünfzig Aussteller weniger als letztes Jahr vertreten, aber dennoch präsentierten insgesamt 552 Unternehmen aus 34 Ländern – davon 121 zum ersten Mal – ihre Möbel. Die Designmesse, in nur einer Halle des riesigen Messeareals untergebracht, überrascht – zumindest, wenn man hauptsächlich amerikanische Hersteller erwartet hatte. Denn egal wohin man sich drehte, das Auge erblickte immer wieder bekannte europäische Hersteller wie beispielsweise Axor. Die Messestände nahmen sich jedoch im Vergleich zu den Präsentationsflächen in Europa mit neun Quadratmetern geradezu winzig aus.

Die rund einhundert über die Stadt verteilten Veranstaltungen versprachen weitere Abwechslung vom gewohnten Messeprogramm: da gab es beispielsweise die Installation „Imaginaires" der italienischen Designschule Fabrica in dem vom Architekturbüro SANAA entworfenen New Museum oder die Retrospektive von Frank Lloyd Wright im Guggenheim Museum oder „NY Local", eine Ausstellung mit Arbeiten von etablierten und aufstrebenden New Yorker Designern im Meatpacking District. Designhungrige hatten einige Kilometer zurückzulegen, vor allem wenn sie auch die zahlreichen Showrooms der Hersteller in SoHo, Tribeca und Midtown besichtigen wollten.

Querschnitt durch das Design verschiedener Länder

Obwohl das viertägige New Yorker Design-Event aus Mangel an Neuheiten nicht mit den gigantischen Möbelmessen in Mailand oder Köln zu vergleichen ist, zählt die ICFF inzwischen zu den wichtigsten Messen der Branche. Der Grund dafür ist ihr Einfluss auf den gesamten nordamerikanischen Markt. Nach dem Motto „Dabei sein ist alles" kamen daher knapp die Hälfte aller Aussteller aus dem europäischen Ausland. Marketingstrategisch geschickt als Landesschau zusammengeschlossen, warb eine Auswahl an italienischen Firmen unter dem Titel „I Saloni WorldWide" für die Mailänder Möbeldesign-Branche. Spanien verfolgte eine ähnliche Taktik und zeigte unter dem Titel „From Spain" Möbel und Leuchten von der iberischen Halbinsel. Der Rat für Formgebung war zum ersten Mal auf der ICFF und präsentierte deutsche Gestaltungskompetenz – mit Erfolg, denn die vom Rat kuratierte Produktpräsentation „Design Deutschland 09" gewann den Preis für den besten Messestand. Gleich neben den riesigen Ausstellungsboxen nutzten Unternehmen wie Brühl, KFF oder Mono die reservierte Fläche für eine größere Ausstellung ihrer Produkt-Highlights – und ernteten eine durchweg positive Resonanz.

Japan hatte gleich eine ganze Halle für sich reserviert, die kurzerhand „JAPAN by DESIGN“ betitelt wurde und definitiv ein Höhepunkt der ICFF war. Auf dieser „Messe in der Messe“ gab es neben einem Querschnitt von japanischen Produkten, Druckerzeugnissen und Buchbindetechniken auch Schriftzeichen und Animationen zu bestaunen. Dieser Überblick über das zeitgenössische japanische Design mit seiner minimalistischen Gestaltung und seinem gekonnten Umgang und Einsatz von Materialien fasziniert – so beispielsweise der transparente Regenschirm „Sinaru Wagasa“ aus Bambus oder der Tee-Dosierer „Talkayama“.

Die Objekte und Leuchten von US-amerikanischen und kanadischen Firmen wie Bocci, Molo oder dem Gewinner des ICFF Designpreises Misewell erinnerten an europäisches Entwürfe und waren eher langweilig, jedoch schön anzusehen. Auffällig war, dass eine Vielzahl von Materialien zur Oberflächenveredelung ausgestellt wurden – ein Thema, das in Nordamerika eine besondere Rolle spielt. Da war es nur konsequent, dass die Materialbibliothek „Materials Matter“ rund 1200 Materialien und Produktionstechniken darstellte.

Große Präsenz junger Designer

Ein weiteres Messehighlight stellten die ICFF Studios dar: eine Plattform für junge Designer, organisiert vom amerikanischen Möbelhersteller Bernhardt Design. Dort begeisterte Jang Won Yoon mit seinem Stuhl „Janus“ sowie das Northwards Design Studio mit dem Hocker „Pythagoras“. Bemerkenswert war die Präsenz junger Designer, die von der Designboom Mart – einer Verkaufsstelle junger internationaler Designer – bis hin zu zahlreichen amerikanischen Designschulen wie der Cranbrook Academy of Art oder dem Pratt Institute aus Brooklyn mit der Ausstellung „Design for a Dollar“ reichte.

Brooklyn als US-Design-Mekka

Dass Brooklyn zur neuen Kultstätte der New Yorker Designszene avanciert ist, bewiesen verschiedene Aussteller auf der Messe. Design Glut, ein Kollektiv von Kegan Fisher und Liz Kinnmark, stellten unter anderem das „Dow Jones Hanky“ vor – ein Leinentaschentuch bestickt mit einem Diagramm des fallenden Dow. Test Collective aus Brooklyn präsentierten mit „Volume“ einen Tisch mit einer aus Latten zusammengesetzten Fläche, die Langspielplatten zugleich perfekt präsentieren und lagern kann. Die Arbeiten von Design Glut und Test Collective bewegen sich zwischen dem Offensichtlichen und dem Verblüffenden, zwischen Funktion und Kommentar, zwischen Design und Kunst – ein Trend, der noch immer anhält und wohl nie „out“ sein wird.

Ebenfalls aus Brooklyn kamen Lindsey Adelman mit ihren Kronleuchtern aus der Serie „Bubble Series ", der Designer Jason Miller und der sich der Nachhaltigkeit verschriebene Möbelmacher Uhuru, der unter anderem den Tisch „Stiched Table“ präsentierte. Auch die Ausstellung „InDisposed – Talking Trash (About Design)" – ein Off-Event im West Village – ging auf das Thema Nachhaltigkeit ein. Die von den Journalisten Dan Rubinstein und Jen Renzi kuratierte Ausstellung zeigte aus primitiven Materialien hergestellte Objekte von insgesamt fünfzehn Designern und Designkollektiven, unter ihnen auch Projekte von Takeshi Miyakawa, Sitsu Studio und Paul Loebach.

Ein weiterer Höhepunkt des Rahmenprogrammes stellte die Schau „McMasterpieces" dar – eine Ausstellung von Designprojekten, die aus Produkten des McMaster-Carr-Materialkatalogs hergestellt wurden. Der international renommierte amerikanische Designer Todd Bracher – neuer Art Director des dänischen Unternehmens Georg Jensen –  ließ sich von einer Stabheuschrecke und einem Seeteufelfisch inspirieren und präsentierte die LED-Lampe „Stick“ im kürzlich eröffneten „Ace Hotel" in Midtown.

Nüchtern, jedoch alles andere als langweilig

Europäisch ging es in SoHo zu: Ob Moss, Boffi, Moroso, Droog oder Bisazza – sie alle hatten ihre Showrooms auf Hochglanz poliert und zum Cocktail eingeladen. Doch auch die Verkaufs- und Ausstellungsräume unterschieden sich deutlich von denen in Mailand oder Köln: Zum einen gab es für die geladenen Gäste aufgrund mangelnder Alkohollizenz oftmals nur Wasser statt Sekt, zum anderen war pünktlich um 21 Uhr Schluss mit der Party. Und das, obwohl sich die ICFF von Dave Arnold, dem Direktor des Culinary French Institute, speziell zur ICCF-Eröffnungsparty im Museum of Modern Art, einen Drink hatte kreieren lassen: Grapefruit Ricky, ein Gemisch aus Gin oder Vodka mit Grapefruit- und Zitronensaft.

Trotz dieser charmanten Details nahm die New York Design Week die Stadt nicht völlig ein. Die wenigen blauen Fahnen an den Fassaden der Showrooms in SoHo gingen im allgemeinen New Yorker Gewirr von Werbetafeln, Graffities und Wandbemalungen unter – kein Vergleich zum roten und orangefarbenen Fahnenmeer in Mailand oder Köln. Und auch wenn die Stimmung nüchterner war als in den Jahren zuvor – was sicherlich nicht nur am Mineralswasser lag – war es trotz nur wenigen präsentierten Neuheiten nicht langweilig. Im Gegenteil: Endlich hatte man Zeit, mit offenen Augen und Ohren eine Reise durch die verschiedenen Designdisziplinen anzutreten. So hielten es auch die angereisten Designer – Michele de Lucchi, Eero Koivisto oder Arik Levy genossen ihre Zeit in der Megametropole sichtlich: Sie spazierten vom Vitra-Showroom im Meatpacking District in den schräg gegenüber liegenden Hugo-Boss-Showroom, gestaltet von Mattheo Thun, um dann im neu eröffneten „Standard Hotel" bei einem Kaffee über das Restaurant zu beratschlagen, in das man später einkehren wollte. Design lauerte an jeder Ecke und sprang den Besucher an – und landete oft direkt im Koffer.
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