Alles im Griff

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Text: Tanja Pabelick


Vom Öffner verbogene Konservendosen, eingerissene Wurst- und Käseverpackungen und aus zerfledderten Kartons verschüttete Milch: Das, was sich an Produkt und Packung zwischen Kühlschrank und Herd tummelt, ist in Hinblick auf Ergonomie und benutzerfreundliches Design noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Einige Vertreter der Verpackungsindustrie und Hersteller von Küchenhelfern haben der mangelhaften Konzeption von Produkten allerdings den Krieg erklärt und ziehen mit neuen Lösungen in den Kampf: für bessere Handhabung, selbsterklärende Bedienung und komfortables Werkzeug. Design für alle – aber nicht ohne die Ästhetik aus dem Auge zu verlieren.


Aufschnitt wird für den Konsumenten bei der Produktion in ein praktisches und mundgerechtes Format gebracht. Käse und Wurst sind zwar Lebensmittel, aber ergonomisch durchdachte Produkte, die auf den Menschen - und sein Brot - zugeschnitten werden. Auf dem Esstisch angekommen ist dann aber oft Schluss mit Praktikabilität. Um die Scheiben aus ihrer störrischen Plastikhülle zu befreien, braucht es nicht selten Gewalt oder Messer und Schere.

Dabei ist die ganze Problematik ein altes Lied. Dass Nippel und Lasche manchmal Probleme machen, wurde schon vor Jahrzehnten zynisch besungen. Geändert hat sich seither zum Leidwesen der Konsumenten nicht viel. Besonders ältere Menschen haben ihre Schwierigkeiten mit der bunten Warenwelt, die sich in enge Zellophankleider schmiegt oder ihre vorgestanzten Aufreißstreifen gut versteckt. Eine Umfrage des ARD Magazins „Plusminus“ ergab, dass 50 Prozent der über 55jährigen täglich Probleme beim Öffnen von Verpackungen haben.

Verpackung ist nicht nur Verschlusssache


Das fängt schon bei der Milch an: Noch immer kommt ein Großteil des Grundnahrungsmittels aus einem Pappkarton, der erst entfaltet oder aufgerissen werden muss. Die umständliche Giebelpackung, deren zwei Papierflügel nach hinten geklappt und eine Nase nach vorn gezogen werden muss, sorgte durch ihre komplexe Handhabung jahrelang für Frustration beim Konsumenten. Mittlerweile ist sie fast vom Markt verschwunden. Aber auch ihre Nachfolgerin – ohne gefaltete Schütte dafür mit Schraubverschluss aus Kunststoff – offenbart in der Handhabung Mängel. Etwa wenn die Lasche sich ihrer Sollbruchstelle verweigert oder die Trennung in Papier und Kunststoff für den Müll viel Geduld und handwerkliche Qualitäten erfordert.


Dabei geht es auch anders: Ökologisch und vor allem ergonomisch ist die Lösung des schwedischen Verpackungsherstellers „ecolean“, dessen Milchtüte vollständig aus abbaubarer Biofolie ist. Das flexible Material wird durch einen luftgefüllten Schlauch an der Seite stabilisiert, der dadurch zum Griff wird. Der Ausguss entsteht durch Abreißen einer perforierten Ecke, und die Tüte kann bis auf den letzten Tropfen geleert und flach zusammengefaltet werden. Das Ergebnis: Wenig Müll, der noch dazu kompostierbar ist, und eine Packung mit griffsicherer Form. Selbst dickflüssiger Joghurt gelangt ohne zu kleckern in die Schüssel. Und das selbst aus unsicherer Kinderhand.

Formgewandte Küchenhelfer


Leider ist die Milchpackung nicht die einzige ergonomische Baustelle in der Verpackungswelt. Einer Konservendose ohne mehrmaliges Ansetzen des Dosenöffners ihren Inhalt abzuringen, ist beinahe schon eine Talentfrage. Schuldig ist hier häufig das Werkzeug, und nicht die Packung. In vielen Küchenschubladen stapeln sich deshalb Küchenhelfer für diese eine Aufgabe: Dosenöffner, die benutzt werden wie Scheren. Kleine Hebelmesser, oder solche, die die Dose nicht oben, sondern seitlich aufschneiden und so die Verletzungsgefahr minimieren sollen. Doch trotz der Vielfalt an Öffnungswerkzeugen sind Verbraucher noch immer auf der Suche nach der für sie funktionierenden Patentlösung. Sie wünschen sich beispielsweise einen zuverlässigen Dosenöffner. Oder einen wirklich sparsamen Sparschäler, der ihrer Hand festen Halt bietet. Oder einen Korkenzieher, der die Korken nicht in Feinstaub zerlegt und auch von Linkshändern zu bedienen ist – höfliche Werkzeuge eben, die wie ein zuverlässiger Butler das Alltagsleben leichter machen. Anders ausgedrückt: Universell gestaltete Produkte. Doch manchmal wissen die Verbraucher auch gar nicht, wo genau ihnen der Umgang mit den Dingen im Alltag Probleme bereitet.

Mit guten Griffen und ohne Anleitung


Die Messbechergeschichte von Alex Lee, Geschäftsführer von „Oxo Good Grips“, einem Herstellern von Küchenhelfern, passt dazu: Seine Firma, die als Pionierunternehmen auf dem Gebiet des Universal Design gilt, machte sich vor einigen Jahren Gedanken über die Neukonzeption eines Messbechers. Oxo hatte einen Produktentwurf auf dem Tisch, bei dem die Messstriche nicht außen auf dem Becher angezeichnet waren, sondern von oben sichtbar. Eine Revolution, denn schon während des Eingießens ist so die genaue Füllhöhe nachvollziehbar. Auch Lee war sich sicher: Das ist eine bahnbrechende Idee. Trotzdem wollte er sich mit einer Nutzerbefragung absichern und fragte beim Verbraucher nach, wie zufrieden sie mit ihrem Messbecher sind. Die Antworten waren unterschiedlich: Einige bemängelten rutschige Griffe, anderen wurde der Becher beim Einfüllen von heißen Flüssigkeiten zu warm. Aber niemand beschwerte sich über das eigentliche Messprozedere, bei dem ständig nachgegossen, abgemessen, abgegossen und wieder kontrolliert werden musste - es war akzeptierter Bestandteil des Vorganges.

Salatschleudern für alle


Alex Lee folgerte, dass Nutzer oft nichts von ihren ungelösten Alltagsproblemen wissen, und deshalb diese nicht an die Hersteller kommunizieren können. Nutzerstudien sind daher bei OXO der Schlüssel zu neuen Produkten, denn oft verbessert schon eine einfache Modifikation eines bestehenden Produkts die Lebensqualität im Alltag.
500 universelle, gut bedienbare und verständliche Produkte hat die Firma mittlerweile im Angebot, darunter ist eine Salatschleuder, die durch Drücken eines Knopfes in Fahrt kommt, ein auf die Ergonomie der Hand zugeschnittener Sparschäler,  sowie eine Spülmittel spendende Reinigungsbürste. Und auch, wenn nicht alle dieser Alltagshelfer mit der gestylten Dynamik vordergründig ästhetisch gestalteter Produkte mithalten können, haben Firmen wie OXO oder ecolean einen großen Marktvorteil: Wer ihre Produkte einmal ausprobiert hat und erfühlen konnte, welchen großen Unterschied eine gute Ergonomie, durchdachte Technik und intuitive Bedienung machen, der will auf diese Errungenschaft in Zukunft nicht mehr verzichten.

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