Als John F. Kennedy sich in Braun verliebte

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Text: Claudia Simone Hoff
Foto: Braun


Es gibt sie wohl in jedem Unternehmen, diese kleinen amüsanten Anekdoten. Bei Braun kolportiert man die folgende: Als der amerikanische Präsident John F. Kennedy am 25. Juni 1963 in der Frankfurter Paulskirche eine Rede hielt, war es so warm, dass ein Tischventilator her musste. Und da kam Braun mit seinen Elektrogeräten ins Spiel und lieferte das Wunschobjekt. Kennedy gefiel der von Reinhold Weiss entworfene Tischventilator „HL 1“ so sehr, dass er ihn just mit in die USA nahm. Diese Begeisterung verwundert nicht
, war doch das Design von Braun zu dieser Zeit revolutionär modern. Und das gilt auch für die Haushaltsgeräte, angefangen von Kaffeemaschinen, über elektrische Entsafter bis hin zu den Küchen-Alleskönnern.


Museale Weihen für die Produkte des Alltags

In der öffentlich zugänglichen Braun-Sammlung am Unternehmenssitz in Kronberg im Taunus kann man all diese technischen Artefakte in natura bestaunen. Neben den Küchengeräten auch die Hi-Fi-Anlagen – darunter der legendäre „Schneewittchensarg“ –, Rasierer, Föne oder elektrische Zahnbürsten samt eines Überblicks der technischen und entwerferischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Ein besonderes Augenmerk legt die Ausstellung auf die legendäre Zeit von Ende der fünfziger bis Ende der sechziger Jahre mit Designern wie Dieter Rams oder Jürgen Greubel. Und im direkten Vergleich – beispielsweise mit dem amerikanischen Unternehmen Apple – wird schnell klar, woher heutige, meist minimalistisch arbeitende Designer ihre Inspiration nehmen.

Zu verdanken haben wir diese nahezu vollständige Unternehmenssammlung, die auch Prototypen und Werbematerialien umfasst, einem Mann: Horst Kaupp, jahrzehntelang im Unternehmen tätig, erkannte den musealen Wert der Braun-Produkte schon früh und bewahrte sie für die Nachwelt. Er ist es auch, der kundig durch die Sammlung führt und allerlei Wissenswertes zu erzählen hat, kannte er die Brüder Erwin und Artur Braun doch noch persönlich. Er war es auch, der Kennedy den Tischventilator aufs Rednerpult stellte.

Braun, Wagenfeld und die HfG Ulm

Der Design-Afficionado verbindet wohlklingende Namen wie Herbert Hirche, Hans Gugelot oder Wilhelm Wagenfeld mit dem Unternehmen aus Kronberg, das 1921 vom Ingenieur Max Braun gegründet wurde. Während in den Anfängen Produktdesign noch keine so große Rolle spielte, nahm der Entwurf seit 1954 eine immens wichtige Stellung in der Unternehmensstrategie ein, was damals unternehmerisch ein großes Wagnis darstellte. Die zeitgemäß gestalteten Elektrogeräte sollten nun zu den modernen Möbeln à la Knoll International und Harry Bertoia passen und eine bis dato unbesetzte Marktnische schließen.

Es war kein geringerer als Wilhelm Wagenfeld, den Erwin Braun – Sohn des Gründers Max Braun und zusammen mit seinem Bruder Artur Braun Leiter des Unternehmens – als seinen ersten Lehrer im Industrial Design bezeichnet. Aufgrund der neuen Unternehmensausrichtung kam Braun auch in Kontakt mit einer anderen deutschen Designinstitution, der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Hans Gugelot – Architekt, Designer und Lehrer an der HfG – wurde mit dem Entwurf von Radio- und Phono-Geräten beauftragt, Otl Aicher kümmerte sich fortan um die Gestaltung der Braun-Ausstellungssysteme und Kommunikationsmittel. In dieser Zeit entwickelte sich eine Design-Maxime, die mit drei Schlagwörtern benannt werden kann: Ordnung, Harmonie und Sparsamkeit. Diese Maxime, die heute wie selbstverständlich für deutsches Design überhaupt steht, stellte allerdings keinen Selbstzweck dar, sondern war eingebettet in die höhere Aufgabe, die Geräte funktionsgerecht zu gestalten.

Braun-Geräte in der Küche

Im Küchenbereich hat sich die Firma Braun vorrangig durch die Herstellung von kleinen Küchengeräten hervorgetan, wobei das erste Küchengerät von Braun 1950 auf den Markt kam: die Küchenmaschine Multimix. Küchengeräte werden bei Braun als Werkzeuge angesehen, mit denen unmittelbar hantiert und gearbeitet wird. Auch hier zeigt sich die Designphilosophie des Unternehmens: Alles Dekorative wird weggelassen, die Grundgestalt der Geräte ist einfach, die Form der Details ergibt sich aus ihrem Zweck. Genau daraus resultiert die Tatsache, dass auch Jahrzehnte alte Braun-Geräte noch heute ihre Liebhaber finden. Das Repertoire umfasst neben Kaffee-, Espresso- und Küchenmaschinen auch Stabmixer, Handrührer, Elektropfannen, Warmhalteplatten, Universalschneider und Zitruspressen. Das zeitlose Design demonstriert die Küchenmaschine „KM 3“, die Gerd Alfred Müller 1957 entwarf. Das Gerät wurde bis 1993 in fast unveränderter Form hergestellt und war zu seiner Entstehungszeit mit seiner weißen Schmucklosigkeit eine Sensation. Was auch daran lag, das bis dahin im Küchengeräte-Design der aus den USA importierte Streamline-Stil vorherrschte.

Die Herstellung eines neuen Elektrogeräts lässt wegen der technischen Einschränkungen oft wenig Spielraum beim Design, außer bei den Kaffeeautomaten. An deren Gestaltung wagte man sich bei Braun erstmals zu Beginn der siebziger Jahre. Und das Ergebnis – der Kaffeeautomat „Aromaster KF 20“ von 1972 – konnte sich sehen lassen: oben der Tank zum Erhitzen des Wassers, darunter der Filtereinsatz für das Kaffeepulver, darunter die Glaskanne mit Wärmeplatte. Vier Elemente, die untereinander angeordnet den Zubereitungsprozess von Kaffee gestalterisch nachvollziehen. Daraus resultiert das Aussehen der Kaffeemaschine: eine schlanke, 40 Zentimeter hohe Säule – ein damals völlig neues Design für das automatisierte Aufbrühen der Kaffeebohnen.

Reduziert auf das Wesentliche: Farbcodierungen

Als sich das Unternehmen in den Fünfzigern zum Design hin orientierte, wurde die Farbauswahl der Geräte stark eingeschränkt. Als Grundfarben einer Braun-Farbcodierung wurden Weiß, Hellgrau, Schwarz oder Metallfarben festgelegt. Nur bei den Geräten für den Wohnbereich – Tischfeuerzeuge, Kaffeeautomaten oder Toaster – wurde eine Ausnahme gemacht. Hier durfte es auch schon mal Orange, Grün oder Rot leuchten. Ziel der Reduktion auf wenige Farben war die Eingliederung der Geräte in die alltägliche Umgebung, ohne dass sie störend auf den Benutzer wirken. Farben wurden bei Braun nicht dekorativ, sondern funktional eingesetzt. Ein gutes Beispiel für diese Strategie ist der punktförmige Bedienungsknopf der zylindrischen Schlagwerk-Kaffeemühle „KSM 1/11“, die Reinhold Weiss 1967 entwarf. Mittig auf der ansonsten makellos schlichten Hülle angesetzt, sticht er als Farbklecks und funktionales Element hervor. Schon allein dafür würde es sich lohnen seine Kaffeebohnen fortan selbst zu mahlen.

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