Als die Werkbank die Küche eroberte

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Text: Norman Kietzmann, 02.06.2008

Seit sechzig Jahren schon steht die Marke bulthaup für Innovation und Qualität auf dem Gebiet der Küchen. Gegründet 1949 im niederbayerischen Bodenkirchen setzte das Familienunternehmen schon früh auf eine funktionale ergonomische Gestaltung, die den Prinzipien des Bauhauses folgte. Für die heutige Ausrichtung des Unternehmens sollte jedoch vor allem die Begegnung mit dem deutschen Gestalter Otl Aicher entscheidend sein, der dem Unternehmen mit seiner Studie Die Küche zum Kochen schließlich ein programmatisches Manifest verschrieb: Die Küche als Werkstatt einer neuen Lebenskultur.
Als Martin Bulthaup 1949 den Grundstein für sein Unternehmen legte, war der Wiederaufbau in Deutschland in vollem Gange. Mit der Absicht, ins Möbelgeschäft einzusteigen, erwarb der Kaufmann aus Westfalen schließlich ein altes Gebäude im niederbayerischen Bodenkirchen und begann mit der Produktion von Küchenbuffets. Die meisten Maschinen waren zunächst gebraucht und auch die Zulieferer stammten fast ausnahmslos aus der näheren Umgebung. Schließlich musste mit dem vorhandenen Kapital sorgsam gewirtschaftet werden. Doch es sollte nicht lange dauern, bis das junge Unternehmen mit einem Küchenbüffet mit handgenähten Vorhängen einen ersten Verkaufsschlager landen konnte. Im Laufe der fünfziger bis siebziger Jahre gewann die Marke bulthaup weiter an Bedeutung und konnte sich als feste Größe auf dem Küchenmarkt etablieren. Das 1974 vorgestellte Programm c12 war mit seiner zeitgemäßen Formensprache und seinem intelligenten Montagekonzept wegweisend und machte das Unternehmen auch international bekannt.
Neue Orientierung
Der eigentliche Quantensprung gelang jedoch erst einige Jahre später, als Gerd Bulthaup nach dem Tod seines Vaters 1978 die Führung des Unternehmens übernahm. Seine Vorstellung, bulthaup zum Marktführer für designorientierte Küchen zu machen, brachte den begeisterten Architektur- und Designfan schließlich mit dem Gestalter Otl Aicher zusammen. Dieser hatte zuvor schon die Firmenauftritte von Unternehmen wie Lufthansa, Erco oder den Olympischen Sommerspielen in München übernommen. Als ehemaliger Rektor der Hochschule für Gestaltung in Ulm stand er für eine Designkultur, die auf einer betont rationellen und funktionellen Herangehensweise beruhte. Design sollte dabei über den Tellerrand der Formgestaltung hinaus gedacht werden und ebenfalls soziale und ethische Aspekte mit einschließen. Doch als sich Gerd Bulthaup an Aicher wandte, wollte dieser zunächst nichts wissen von der Küchenmarke aus Niederbayern. Dass Aicher in diesen Dingen nicht ganz einfach war, haben auch schon andere Unternehmer erfahren wie einst Jürgen W. Braun, der Geschäftsführer des Türklinkenherstellers FSB. Dieser wurde von Otl Aicher anfangs mit den Worten „Ich bin doch kein Firmenanstreicher!“ vor die Tür gesetzt und gebeten, über sein eigenes Tun nachzudenken. Dass eine Zusammenarbeit aber dennoch zustande kam, ist vor allem der Hartnäckigkeit des Unternehmers zu verdanken. Gerd Bulthaup ging es an dieser Stelle kaum anders. Auch ihm empfahl Aicher zunächst eine kritische Auseinandersetzung mit sich selbst, aus der schließlich die 1992 vorgestellte Studie Die Küche zum Kochen entstand. Dieser programmatische Text bildete eine zu jener Zeit vollkommen neue Betrachtungsweise der Küche und hat die Entwicklung der Küchenbranche bis heute maßgeblich beeinflusst. Die von Aicher eingeführten moralisch-ästhetischen Gestaltungsprinzipien dienten als Leitgedanke für die spätere Entwicklung der Marke bulthaup.
Ehrlichkeit bei Material und Funktion
In seinem Buch kritisiert Aicher die gängige Frankfurter Küche, in der auf wenigen Quadratmetern beengt mit dem Gesicht zur Wand gekocht und zubereitet wird. Bei der Gestaltung stehen weniger formale als vielmehr ergonomische Aspekte im Vordergrund, ebenso eine konsequente Ehrlichkeit bei Material und Funktion. Anders gesagt: Die Küche ist kein Objekt zum Anschauen sondern ein Ort zum Arbeiten, an dem tatsächlich gekocht, geredet und gegessen wird. Mit dem sogenannten Butcher Block folgte schließlich eine erste Umsetzung von Aichers Ideen. Komplett aus Holz gefertigt steht dieser als Arbeitstisch frei im Raum und holt den Kochprozess wieder weg von der Wand in das Zentrum der Küche.
Die Küche als Werkstatt
Entscheidender sollte jedoch eine weitere Produktneuheit sein, die 1988 erstmals vorgestellt wurde und für eine wahre Sensation sorgte: Die Küchenwerkbank. Von den Medien seinerzeit als erste Innovation seit der Frankfurter Küche gefeiert, erfüllte sie auf geradezu exemplarische Weise, was Aicher zuvor mit der Küche zum Kochen einforderte: Eine moderne Werkstatt, die den Edelstahllook der Großküchen und ihre an Effizienz und Ergonomie ausgerichtete Gestaltung in die heimischen vier Wände holt. Mit rollbaren Containern und einer auf schlanken Füßen ruhenden Arbeitsflächen ist die Küche optisch leichter und flexibler in ihrem Aufbau. Versehen mit zahlreichen Designpreisen wurde die Küchenwerkbank zum neuen Aushängeschild des Unternehmens und erwies sich als richtungsweisend für die gesamte Branche.
Die Architektur der Küche
Mit dem system 25 präsentierte bulthaup 1992 einen weiteres System, das mit seinem modularen Aufbau und einer Vielzahl von Einbauelementen besonders flexibel und anpassbar ist. In Ergänzung mit den Sitzmöbelsystemen korpus und duktus wird die Küche verstärkt zu einem Ort, an dem gegessen, getrunken und kommuniziert wird. Mit der Architektur der Küche wurde das system 25 im Jahr 2000 um die Möglichkeit erweitert, skulpturale Raumlösungen zu schaffen, die einerseits funktional sind und dennoch sympathische Wärme vermitteln. Das 1998 vorgestellte system 20 erweitert schließlich die Küchenwerkbank um weitere rollbare Funktionselemente und reagiert damit auf den gestiegenen Mobilitätsanspruch der heutigen Gesellschaft.
Der Wand entlang
2004 wurde mit dem System b3 eine weitere Produktreihe vorgestellt, mit der die Küche nicht nur aus dem Grundriss sondern auch über die Wände geplant werden kann. Dreh- und Angelpunkt des Systems ist eine Multifunktionswand, die ein stabiles und dennoch fast unsichtbares Skelett bildet. In sie werden Schränke, Arbeitsplatte, Koch- und Wasserstelle, Elektrogeräte und Zubehör eingehangen, sodass auf zusätzliche Füße verzichtet werden kann. Die Küche erhält dadurch einen leichten schwebenden Charakter von skulpturaler Qualität. Als Kernprodukt von bulthaup ist das b3-Programm das derzeit erfolgreichste Produkt des Unternehmens und hat in den letzten Jahren jeweils zweistellige Umsatzzuwächse erzielt.
Küche pur
Das jüngste Kind von Bulthaup ist die Serie b1, die in diesem Frühjahr vorgestellt wird. Sie ist eine puristisch minimalistische Küche, die nach dem Leitsatz So wenig wie möglich – nur soviel wie nötig geplant wurde. Gegenüber dem b3-Programm ist sie preislich deutlich günstiger positioniert und somit auch für eine jüngere Zielgruppe erschwinglich, der der Einstieg in das gehobene Küchensegment künftig erleichtert werden soll.

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