Ambiente 2019: Best-of Tableware & Accessoires

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Text: Claudia Simone Hoff

Diese Messe ist nichts für Downsizer und Marie-Kondo-Fans. Denn die Ambiente frönt ganz unverhohlen dem Konsum. Und der kann mitunter schön, praktisch und manchmal auch überraschend sein. Eine Nachlese mit exzentrischen Designerinnen, Tattoo-Stechern, üppigen Dekoren und ziemlich viel Gold. Plus zwei Fotogalerien.

Maison & Objet und Paris mögen glamouröser sein und es gibt dort vielleicht ein wenig mehr Platz für Entdeckungen und Randerscheinungen. Doch an der Frankfurter Konsumgütermesse Ambiente kommt man nicht vorbei, wenn man wissen will, was en vogue ist in der Küche und auf dem gedeckten Tisch. Zwar waren einige Hersteller aus dem letzten Jahr nicht mehr an den Main gekommen – Hering Berlin, Fiskars und Kosta Boda beispielsweise. Doch dafür gab es Neuzugänge wie Tom Dixon, Knabstrup und by Lassen.

Branche im Umbruch
Die Zahlen sind beeindruckend: 4.451 Aussteller aus 92 Ländern hatten den Weg in die Messehallen gefunden, davon 85 Prozent aus dem Ausland. Sie bilden – aufgeteilt in die Bereiche Dining, Living und Giving – das gesamte Spektrum des Konsumgütermarktes ab. Schon seit längerem bewegen sie sich in einem unsicheren Umfeld – zu viele Hersteller, zu ähnliche Sortimente. Und der Einzelhandel, einer der bisher wichtigsten Vertriebskanäle für Küchenprodukte, ist aufgrund der zunehmenden digitalen Geschäftsmodelle zusammengebrochen. Allein in Deutschland schlossen zwischen 2000 und 2017 rund 100.000 Einzelhandelsbetriebe, wie die Messe Frankfurt berichtet. Und besser wird es wohl auch 2019 nicht werden: Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet in Deutschland mit einem Wachstum von nur 1,0 Prozent, während die Wirtschaft global um 1,5 Prozent wächst.

Die Messe geht los! Im Bild: Meissen
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Bunte Mischung
Doch von solchen Unwägbarkeiten wollten sich die Aussteller auf der Ambiente die gute Laune nicht verderben lassen. Es sollte zumindest der Anschein erweckt werden, dass man genau weiß, wohin die Reise geht – wirtschaftlich, aber auch gestalterisch. Designliebhaber wurden vor allem in den Hallen 4.0 und 4.1 im Messebereich Dining sowie in Halle 8 im Bereich Living fündig. Hier stellten gestaltungsaffine Hersteller wie Alessi, Stelton, Blomus, Serax, Rosenthal, Blomus und Georg Jensen aus. Aber auch Massenproduktionsoutsider wie Keramische Werkstatt Mathildenhöhe oder Meissen. Die sächsische Porzellanmanufaktur zeigte am schön gestalteten Messestand, was Handwerkskunst wirklich bedeutet und warum sie förderungswürdig ist. Man konnte sich nicht sattsehen an handgemalten Eisvögeln auf Prunkschalen (New Splendour) oder auch an den weißen Flaschenstöpseln in Form von entzückenden Äffchen und Frauenköpfen für 99 Euro pro Stück, die eine jüngere Käuferschicht erschließen sollen.

Unter 30
Die Zielgruppe unter 30, die nicht mehr automatisch ein komplettes Porzellanservice kauft, hat auch Villeroy & Boch im Visier. Und zwar mit der neuen Kollektion It’s my match, die junge Mitarbeiter des Unternehmens für ihre eigene Zielgruppe entworfen haben – wenige multifunktionale Stücke mit strukturierten Oberflächen in Weiß, Rosa und Tiefgrün. Auch der Messestand von Villeroy & Boch zeigte sich deutlich verjüngt und frischer als in den letzten Jahren und: Die Mettlacher verkaufen jetzt auch Wohnmöbel wie Sofas und Beistelltische, die von vier Lizenznehmern gefertigt werden. Ein Schritt, den Rosenthal schon lange hinter sich hat, denn der Porzellanhersteller bot bereits unter dem weitsichtigen Philip Rosenthal in den Sechzigerjahren Möbel und Leuchten an.

Bethan Laura Wood und ihr Entwurf Tongue für Rosenthal

Heiliger Matrose
In diesem Jahr feiert Rosenthal den 100. Geburtstag des Bauhauses, insbesondere mit neuen Dekoren auf TAC, dem legendären Teeservice von Walter Gropius. Im Archiv von Rosenthal hat man ein Originaldekor des Meisters aus den Sechzigerjahren gefunden, der nun in einer limitierten Edition für 3.000 Euro auf den Markt kommt (Stripes) sowie eine erschwinglichere Variante für eine breitere Zielgruppe (Stripes 2.0). Überraschend ist das Service Tongue von Bethan Laura Wood aus durchgefärbtem Porzellan, das in seiner Form entfernt an TAC und Entwürfe der Bauhaus-Meisterin Marianne Brandt erinnert und technisch eine ziemliche Herausforderung ist, wie Robert Suk, Designchef von Rosenthal, erzählte. Nicht weniger extravagant wie die Kreationen der englischen Designerin sind die Vasen, Teller und Becher der Kollektion Cilla Marea, die der Mailänder Tattoo-Künstler Pietro Sedda mit seinem Label The Saint Mariner entworfen hat und die in ihrer plakativen Anmutung äußerst dekorativ sind.

Das Konzept der Stunde: Slow Living
Gestalterische Trends im Bereich Tableware gehen mit Entwicklungen einher, die auch im Wohnbereich zu beobachten sind. Und manchmal lassen sie sich an einer simplen Tasse ablesen. Da wäre zum einem die Opulenz, die sich in viel Glanz und Glitter und vornehmlich in einer Farbe manifestiert: Gold. Es gibt echtes Gold wie bei Meissen und Alessi oder titanisiertes Gold wie bei Rosenthal und Arzberg. Der Gegentrend zu all der Üppigkeit ist die Rückkehr zu natürlichen Materialien wie Holz, Kork und Glas sowie Farben in Braun- und Beigetönen, die gemischt werden mit Schwarz, Pastell- und Aquatönen. Einher geht dieser Trend mit dem Aufschwung des Handwerks. Manchmal handelt es sich wirklich um handgefertigte Objekte wie bei der Keramischen Werkstatt Mathildenhöhe.

Hang zur Natur
Oft sind es per Hand aufgetragene Glasuren, die für eine schöne Haptik sorgen – so wie der Dekor Homestyle im Sixties Style von Kahla in einer gewagten Farbkombination von Rostbraun und Dunkelblau. Dazu gesellt sich Keramik, die gerade keinesfalls fehlen darf auf dem gedeckten Tisch. So ist die erst seit drei Wochen erhältliche, von Hand glasierte Kollektion Nature von Thomas „der absolute Renner“, wie Produktmanagerin Alissa Ritter am Messestand erzählte. Nature trifft als Slow-Living-Konzept genau den Nerv der Zeit. Will heißen: Man braucht nur wenige Stücke, konzentriert sich auf das Wesentliche, macht es sich schön. Der Siegeszug der Keramik hat wohl auch Stelton dazu bewogen, eine neue Marke zu erwerben: Knabstrup Keramik aus Dänemark, die Ambiente-Premiere feierte.

Ecken und Kanten
Auch wenn das Gros der Hersteller auf den Handmade-Hygge-Wabi-Sabi-Slow-Living-Und-So-Weiter-Zug aufspringt: Es gibt noch Hersteller, die mit all dem nichts zu tun haben wollen. Alessi beispielsweise, die bei ihren Ursprüngen bleiben und nach wie vor ein Lieblingsmaterial haben: Edelstahl. Die Italiener hatten mit Itsumo ein neues Besteck vom Japan-Minimalisten Naoto Fukasawa im Gepäck und stellten einen Espressokocher von David Chipperfield als Prototypen vor – eine Hommage an den Bialetti-Espressokocher, nur mit elf statt mit acht Kanten. Wenig überraschend, dass sich Bialetti mit diesem Entwurf einverstanden zeigte, schließlich ist Alberto Alessi der Enkel des Firmengründers.

Glänzender Auftritt
Metallisch ging es auch bei Tom Dixon zu, der erstmals nach Frankfurt gekommen war, nachdem er den Salone del Mobile in Mailand im letzten Jahr überraschenderweise ausgelassen hatte. Doch vielleicht ist die Ambiente für das britische Label sowieso der bessere Ort, um seine seelenlosen, kupfernen Metallobjekte, Duschgels und Duftkerzen zu verkaufen. Interessant bei Tom Dixon war lediglich Swirl, eine Serie von Tischobjekten: Buchstützen, Vasen und Kerzenleuchter werden aus gemahlenen Resten der Marmorfertigung, Kunstharz und Farbpigmenten hergestellt.

136.000 Fachbesucher aus 166 Ländern waren in diesem Jahr nach Frankfurt gekommen. Was sie auf der Ambiente sahen, waren nicht so sehr grandiose oder überraschende gestalterische Entwürfe. Was sie sahen, war ein Querschnitt des Konsumgütermarktes. Nicht mehr und nicht weniger.

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