Antonino Cardillo: Architektur und Wahrheit / Teil 1

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Text: Jeanette Kunsmann und Stephan Burkoff, 20.11.2017

Antonino Cardillo ist ein Einzelkämpfer – wobei das Wort „Kampf“ auf eine falsche Fährte führt. Seine Waffen erweisen sich als Spiel aus Illusion und Wirklichkeit, aus Form und Phantasma. Im Mittelpunkt steht für den jungen italienischen Planer nur eins: die Architektur.

Der Erfolg eines Architekten lässt sich nicht leicht bemessen – noch weniger lässt er sich vergleichen. Legt man die Menge der realisierten Projekte und die Größe des Mitarbeiterstabs zugrunde? Oder doch die Summe der gewonnenen Wettbewerbe und Preise? Die Anzahl der Publikationen? Darüber, wie angesehen, aufstrebend oder erfolgreich ein Büro ist, wird es wahrscheinlich immer mehr als eine Meinung geben. Im Fall des italienischen Architekten Antonino Cardillo sind sich alle in einem Punkt einig: Er sei ein Betrüger.

Cardillo hat weder eine feste Büroadresse noch ein Büro im klassischen Sinne. Auch hat er keine Mitarbeiter: Der Sizilianer entwirft und plant all seine Projekte allein. Ebenso ignoriert der junge Architekt jede Form von Wettbewerben – er akquiriert seine Auftraggeber und Bauherren selbst, zum Teil aus dem Bekannten- und Freundeskreis. Seine realisierten Projekte lassen sich an einer Hand abzählen, wobei sich der Hauptteil dieser auf Innenraumgestaltungen im Bestand konzentriert: Als Ganzes gebaut hat Antonino Cardillo bisher nur das Nomura House im japanischen Takarazuka – diesen Sommer folgt ein zweites Wohnhaus am Gardasee. Man könnte also meinen, Cardillo zählt eher zur Gruppe der kleinen Unbekannten. Stimmt aber nicht. Nur wenige Architekten abseits der drei großen Stars aus der Baubranche (Libeskind, Hadid und Koolhaas) haben bisher so viel Aufmerksamkeit in der internationalen Presse und in Fachmagazinen erhalten wie Antonino Cardillo. Auch dafür gibt es mehr als eine Erklärung – allen voran steht aber der Medienskandal um seine imaginären Häuser: Seven Houses for No One.

Ellipse 1501 House aus Cardillos Serie Seven Houses for No One, 2007
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I

Prelude

Flug von Mailand nach Palermo, Sizilien: Heimat Antonino Cardillos. Sein Name ist bekannt. Jedenfalls war er es mal. Manche haben ihn vielleicht schon wieder vergessen. Immerhin sind fünf Jahre vergangen, seit die Journalistin Susanne Beyer den jungen italienischen Architekten im Nachrichtenmagazin Der Spiegel polemisch als Hochstapler enttarnte (Römische Ruinen, Ausgabe 27/2012) und damit den Höhepunkt einer Geschichte um Wahrheit, Täuschung und Ehrgeiz setzte.

Mit kunstvoll gerenderten Photoshop-Bildern hatte Cardillo internationale Kritiker und ihre Leser mit seinen imaginären Architekturen verzaubert. Seine sieben Imagined Houses (begonnen mit dem Ellipse 1501 House in Rom im März 2007, Vaulted House in Parma, House of Convexities in Barcelona und Max’s House im französischen Nîmes 2008, Concrete Moon House und dem House of Twelves in Melbourne 2009 sowie dem Purple House in Wales vom Oktober 2011), die von vornherein als Serie angelegt waren, überzeugten nicht bloß durch perfekte Illusionen. Ihre außergewöhnliche Architektur, die Farbgebung und die Details sind so gefällig, dass die Frage nach ihrer „Echtheit“ vielleicht gar nicht gestellt werden wollte. Ihre Existenz bezieht sich auf ihren Entwurf. Und sie haben genau das bedient, was alle wollen. Dass internationale Medien nicht bereit sind, auch Entwürfe und Visualisierungen guter Entwürfe zu zeigen, sondern stets nur gebaute Realität, das wollte Antonino Cardillo nicht akzeptieren und spannt mit seinem Werk einen Bogen zwischen Realität und Traum, Wahrheit und Fiktion.

Um also das Schaffen des 42-jährigen Architekten zu verstehen, seine Gedanken, seine Herkunft, sind wir auf dem Weg nach Sizilien, landen in Palermo und fahren mit dem Auto weiter nach Trapani – ohne eine Ahnung, was uns dort erwarten wird. Warum ist er 2014 von Rom zurück nach Trapani gezogen? Auch bleiben leise Zweifel, ob das Quartett seiner Four Grottos in Wirklichkeit existiert – oder ob es sich auch bei diesen Projekten einfach nur um hyperrealistische Computerbilder handelt. Verfolgt der Architekt eine Strategie, um im Gespräch zu bleiben? Wer ist dieser Antonino Cardillo, den das Wallpaper Magazin 2009 zu einem der 30 weltweit wichtigsten Architekten kürte? Und wie kam es dazu?

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