Antonino Cardillo: Architektur und Wahrheit / Teil 4

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Text: Jeanette Kunsmann und Stephan Burkoff

Wenn Cardillo heute über seine imaginären Häuser spricht, wird er nachdenklich, wägt seine Worte genau ab – er ist auf der Hut.

IV

Manipulation is human.

Der Architekt, der von den Medien als Betrüger verurteilt wurde, arbeitet heute dort, wo andere Urlaub machen. Wenn die Touristen den Sommer über am Strand von Trapani die sizilianische Sonne genießen, denkt und zeichnet Antonino Cardillo seine Gebäude – wichtige Entscheidungen trifft er in seinem Büro. Büro – hatte er nicht gesagt, er hat gar kein Büro? Er grinst: „Ich kann euch mein Büro gern zeigen, wir müssen aber mit dem Auto fahren.“ Zehn Minuten später parken wir etwas außerhalb von Trapanis Altstadt direkt am Meer, laufen den Strand entlang, ein einsamer Hotelturm blickt verlassen auf den Horizont und verfällt. Auf der kleinen Landzunge dahinter stehen ein paar Mauern und Rundbögen: die Ruine einer ehemaligen Thunfischfabrik aus dem 18. Jahrhundert. In einem der beiden Türme, von denen heute nicht mehr als kniehohe Mauerreste stehen, hat Cardillo sein Büro. Tatsächlich kommt er jeden Nachmittag für eine Weile hierher, steht im Wind und konzentriert sich auf seine Gedanken. Manchmal entscheidet er sich dann für eine bestimmte Farbe – ein anderes Mal denkt er über eine Projektanfrage für die Gestaltung eines Shops nach. Er sagt ab.

Flug von Palermo nach Rom: Eine Stadt, die irgendwie am Ende ist und auf einen Neuanfang wartet. Zu viele Monumente, zu viel Historie, zu viele Touristen. Massimiliano Beffa, Auftraggeber und Eigentümer des Apartments mit dem poetischen Namen House of Dust (Haus aus Staub), hat uns in seine Wohnung eingeladen, damit wir uns von der Existenz dieses Cardillos-Projekts mit eigenen Augen überzeugen können. Der Hausherr selbst bleibt unsichtbar (er arbeitet als Notar und hat wenig Zeit), uns öffnet die keiner Fremdsprache mächtige, aber umso fröhlichere Portierdame die Wohnungstür im fünften Geschoss in der Via Piemonte. Wir betreten ein Bild, das Realität wird; die oberen Wandabschnitte und die Decken sind mit graurosafarbenem Pozzolana bedeckt. Pinke Neonröhren leuchten in den dafür vorgesehenen Aussparungen der Dielen. Eine dicke Wand entpuppt sich als Küchentür, die sich durch einen leichten Druck in der Mitte dreht und den Durchgang zur versteckten Küche öffnet. Alles in allem fühlt es sich hier an, als stünde man in der römischen Stadtresidenz von James Bond.

Antonino Cardillo wollte nach dem großen Skandal von 2012 etwas schaffen, das sehr taktil, sehr physisch ist. „Ich wollte kein Rendering bauen – eine Visualisierung ist für mich nicht mehr als ein Medium“, erinnert sich der Architekt, als wir am Vorabend in einer Trattoria am Strand von Trapani sitzen. „Ich wollte eine Architektur entwickeln, die an die Vergangenheit anknüpft und diese weiterdenkt. Aber sie sollte auch provozieren. Die Idee des Staubs ist komplett konträr zur Idee eines Renderings. Das Schwierigste ist ja, eine Textur in hoher Qualität abzubilden.“ Das ist also die Geschichte hinter dem House of Dust: ein Projekt, das man nicht rendern kann. Und von dem auch nie Visualisierungen publiziert wurden, auch wenn viele genau das dachten. Die Realität ist paradox. Dichtung und Wahrheit werden manchmal vertauscht.

Haus aus Staub, Foto: © Marco Ponzianelli
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Cardillo ging in diesem ersten Projekt seiner zweiten Serie intensiv der Frage nach, ob sich das Obskure in der Architektur visualisieren lässt, und hat so das gebaute Gegenteil zum Rendering geschaffen. „Insofern ist es wirklich traurig, dass dies kaum ein Journalist verstanden hat“, sagt er rückblickend. „Irgendwie hat keiner das Projekt mit der Spiegel-Debatte in Verbindung gebracht, außer Tim Berge – vielleicht weil er selbst auch Architekt ist.“

In der Vergangenheit sei alles viel komplexer gewesen, meint Antonino Cardillo. Umso intensiver sind die Geschichten, die seine Visualisierungen und die Fotos seiner tatsächlich gebauten Projekte erzählen. Der Architekt spinnt mit seinen Projekten (ob real oder Fiktion) Geschichten, die aufeinander aufbauen. Er ist kein Planer, sondern vielmehr ein Wanderer, den seine bisherige Reise von Palermo nach Mailand, weiter nach Rom, nach London und zurück nach Sizilien in seine Heimatstadt Trapani geführt hat. Neben diesen physischen Orten, die Cardillo sicher auch beeinflusst haben, spielt die Vergangenheit, die Kultur- und Menschheitsgeschichte der letzten 3.000 Jahre, eine deutlich entscheidendere Rolle.

— Warum hat die Vergangenheit für dich eine so enorme Bedeutung? Was ist mit der Gegenwart?
Die Untersuchung der Vergangenheit ist eine Untersuchung des Lebens.

Außer Frage steht, dass jemand wie Antonino Cardillo Architektur überhaupt nicht als Business versteht, Bauen ist für ihn eine Suche. Aber wonach sucht er? „Ich denke, Antonino ist ein Entwerfer, der versucht, seine eigene Sprache zu finden, und der sich weigert, der Art und Weise zu folgen, wie andere Architekten und Designer heute arbeiten“, schreibt uns Ana Araujo, Dozentin an der AA London und eine Freundin Cardillos. Von ihr stammt der Name House of Dust, sie ist Expertin auf dem Gebiet der Wahrnehmung von Bildern. „Ich denke, er verlässt sich auf eine Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Architekt in der Vergangenheit zu sein, um seine berufliche Haltung zu gestalten. Die Häuser für niemanden existieren in diesem Zusammenhang, glaube ich, als Versuch, die Vision einer Architektur auszudrücken, die zu einem gewissen Grad autonom ist. Und das ist der Versuch, einen Standard zu setzen, anstatt einem Standard zu folgen.“

Cardillo hat ein Labyrinth aus Wahrheiten und Illusionen geschaffen. Es ist eine Novelle mit vielen Ebenen. Das Haus in Japan bleibt dabei eine skurrile Geschichte – ob sie stimmt? Was sich hinter den zwei Fotos verbirgt, wir werden es nie erfahren. Es gibt keine eine Wahrheit – die Realität: Sie existiert nicht. Antonino Cardillo hat sie gebaut.

Architecture is manipulation. 
Manipulation is human.

Thats it.



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