Architektur eines räumlichen Bewusstseins

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Text: Katharina Horstmann, Foto: plan A, Malwine Rafalski, 25.05.2011

 
Was wäre, wenn ein Gebäude empfindsam auf die Anwesenheit seiner Bewohner reagieren könnte? Was, wenn dank fortschrittlicher Technologien Räume entstünden, die uns bewegen und zu einem Gefühl von „Zuhause-Sein“ beitragen? Oder entfremden uns neue Technologien immer noch unserer eigenen vier Wände? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der von der Architekturplattform plan A initiierten Veranstaltung „Sensing Home – Entfremdung oder Behausung durch Technologie“, die am 5. Mai 2011 im Museum für Angewandte Kunst in Köln stattfand. Die drei Referenten Mike Meiré, Gesche Joost und Mette Ramsgard Thomsen debattierten über die Notwendigkeit neuer Konzepte, die über vorhersehbare Funktionen so genannter „Smart Homes“ hinausreichen, sich vielmehr auf den Menschen als Ganzes konzentrieren und dabei mehrdeutig und vielfältig die Sinne ansprechen.
 
 
Der Raum ist von einer elastischen, transluzenten Oberfläche umschlossen. Wird sie berührt, verändert sie sich wie eine Wolkenformation; setzt man sich in ihre „weichen Wände“, legen diese sich um den Körper – das jedoch mit einer eigenen Zeitlichkeit, jenseits der sofortigen Reaktion. Die raumgreifende Textilinstallation Slow Furl gehört zu drei Forschungsprojekten, die Mette Ramsgard Thomsen, Leiterin am Center for Information Technology and Architecture an der Kunstakademie in Kopenhagen – CITA genannt –, in den vergangenen Jahren entwickelt hat und nun während „Sensing Home“ in Köln vorstellte. Die Veranstaltung war die vierte und letzte der „Sensing Space“-Reihe, dem Begleitprogramm zur Publikation „Sensing Space – Technologien für Architekturen der Zukunft“, die im Jovis-Verlag erschienen ist.
 
Emotionale Qualitäten
 
Das Buch befasst sich mit dem Zusammenspiel von Technologie und Gestaltung sowie der Integration von intelligenten Materialien in Architektur und Design. Wurde Technologie bislang vor allem nutzenorientiert eingesetzt – das heißt als Mittel zum Zweck für energieeffiziente Räume oder um den Komfortfaktor eines Gebäudes zu erhöhen – rücken immer mehr ihre emotionalen Qualitäten in Verbindung mit Architektur und Design in den Vordergrund – und das war auch das Thema der Veranstaltung.
 
Materialkultur in der Architektur
 
Der Fokus von CITA und der von Mette Ramsgard Thomsen präsentierten Arbeiten liegt auf der Entwicklung einer neuen Materialkultur in der Architektur, bei der materialtypische Eigenschaften wie die Haptik eines Strickstoffs mit computerbasierten Eigenschaften verbunden werden. Slow Furl etwa umfasst eine Tragstruktur, die sich unter der textilen Oberfläche befindet und deren mechanische Bewegung durch Mikrocomputer aktiviert und gesteuert wird. Die Bewegungen erfolgen nach einem programmierten Zyklus, werden aber gleichzeitig durch die Personen im Raum beeinflusst, da die gesamte Oberfläche mit berührungssensiblen Sensoren versehen ist. So ähnelt die architektonische Oberfläche einer „sensiblen Haut“, die die Präsenz von Menschen im Raum „spürt“ und auf sie reagiert.
 
Sinnliche Interaktion
 
Auch Gesche Joost verfolgte in ihrem Kurzvortrag einen sinnlichen Ansatz. Anders als Mette Ramsgard Thomsen widmete sich die Berliner Designforscherin einer grundsätzlichen Betrachtung der Interaktion  zwischen Mensch und Computer. Sie plädierte für ein so genanntes „emotional interface“, eine Schnittstelle, bei der alle Sinne involviert werden, und warf Fragen auf wie: „Kann ein Telefon auch taktile Informationen übersenden?“
 
Poetische Choreografie
 
Einen poetischen Zugang zu neuen Technologien hat der Kölner Art Director Mike Meiré, der die Kommunikation für die Ambience Tuning Technique – ATT genannt – des Armaturenherstellers Dornbracht als Exempel wählte. Hier ermöglicht die Technologie, Wasser für die Schaffung von einzigartigen Szenarien zu nutzen: Verschiedene Wasserstrahlarten, Wassermenge und -temperatur werden präzise digital gesteuert, um drei unterschiedliche Choreografien zu modellieren. Diese wirken unmittelbar auf Körper, Geist und Seele und verleihen dem Duschen eine vollkommen neue Qualität.
 
Individuelle Emotionen
 
Die während der Veranstaltung aufgeführten Beispiele untermauern die These der Publikation. Mittlerweile setzen sich immer mehr Architekten, Designer und Unternehmen mit den poetischen oder emotionalen Fähigkeiten, die neue Technologien in Bezug auf unsere Raumwahrnehmung und unsere Identifizierung mit einer gebauten Umgebung haben, auseinander. Dabei geht es über das rein Visuelle hinaus. Vielmehr steht eine „Architektur eines räumlichen Bewusstseins“ im Vordergrund, die nichts gemein hat mit der Entfremdung der eigenen vier Wände, sondern zu einer inneren Erfahrung einer externen Realität beitragen.


Buchtipp
 
Franziska Eidner und Nadin Heinich:
Sensing Space: Technologien für Architekturen der Zukunft
Berlin 2009, Jovis
ISBN: 978-3939633952
 

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