Auf 26.000 Füßen

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Text: Claudia Simone Hoff, Foto: Bata Shoe Museum, 25.11.2014

Sie besitzt mehr als 13.000 Paar Schuhe. Indianische Mokassins mit Perlenstickereien, mongolische Fellstiefel, indische Panuka und High Heels von Manolo Blahnik. Sonja Bata hat so viele Schuhe, dass sie sogar ein Museum dafür braucht. Wir trafen die leidenschaftliche Schuhsammlerin in Toronto, sprachen mit ihr über das Universum Schuh, spazierten durchs Museum und inspizierten das Depot.

Frauen lieben Schuhe. Dass sie Schuhe aber so sehr lieben, dass sie gleich ein Museum dafür bauen, ist dann doch erstaunlich. Das Bata Shoe Museum, entworfen vom Architekten Raymond Moriyama, befindet sich seit 1995 in Downtown Toronto in der Bloor Street West. Sonja Bata wohnt in einem der Hochhäuser gleich um die Ecke. So kann die 88-Jährige schnell im Museum vorbeischauen, denn sie ist noch immer sehr beschäftigt mit ihrem Lebenswerk. Sie bereitet Ausstellungen vor, diskutiert mit Wissenschaftlern und erweitert die Sammlung um neue Trouvaillen.

Einmal um die ganze Welt
Dabei ist die gebürtige Schweizerin eher zufällig zum Schuh gekommen. Sie studierte Architektur an der ETH Zürich, als sie Tomáš J. Baťa begegnete. „Ein Schumacher durchkreuzte meine Pläne“, erzählt sie lachend. Was leicht untertrieben ist, stammte ihr späterer Ehemann doch aus der berühmten Schuhdynastie aus dem mährischen Zlín und unterhielt weltweit fortschrittliche Fabriken samt Arbeitersiedlungen und Gemeinschaftsbauten. 1946 zog Sonja Bata mit Tomáš J. Baťa – der sein Heimatland wegen der politischen Wirren und der Verstaatlichung des Unternehmens verlassen musste – nach Toronto. Auf die Frage, ob es ihr schwergefallen sei, die Schweiz zu verlassen, antwortet sie mit einem klaren Nein, doch „für meinen Mann war es eine sehr schwere Zeit, denn wir mussten komplett neu anfangen“, erzählt sie. Das Paar baute das Unternehmen in Kanada mit einhundert, ebenfalls emigrierten Familien aus Zlín neu auf. Bis zum Tod ihres Ehemanns vor sechs Jahren arbeitete das Paar eng zusammen, so dass Bata heute der weltweit größte Schuhhersteller und noch immer in Familienbesitz ist. Sonja Bata indes war das Schuhhandwerk im Gegensatz zu ihrem Mann nicht in die Wiege gelegt. Deshalb lernte sie in Kanada die Schuhherstellung von der Pike auf. Als Leiterin der Abteilung Produktentwicklung war sie bei Bata fortan verantwortlich für das Design der Schuhkollektionen, die Architektur der Showrooms und Fabriken.

Schuhe, Schuhe, nichts als Schuhe
Das Sammeln von Schuhen hat Sonja Bata nie als Privatangelegenheit betrachtet, vielmehr als eine Market Research Collection, wie sie es nennt. „Wir sind viel in der Welt herumgereist, und ich habe nicht verstanden, warum die Schuhe so unterschiedlich aussahen, obwohl die Füße doch im Prinzip immer dieselben sind.“ Schnell wurde ihr klar, dass Schuhe ein essentieller Bestandteil der jeweiligen Kultur sind – nicht einfach nur Fortbewegungsmittel, Schutz der Füße oder gar modisches Accessoire. „Erst als ich beispielsweise gesehen habe, wie die Menschen in Japan leben, habe ich verstanden, weshalb sie Geta tragen: Es ist der ideale Schuh für diese Kultur, denn man kann ihn schnell ausziehen, wenn man das Haus betritt. Oder denken Sie an die weichen kanadischen Mokassins, die zur Jagd genutzt werden. Man braucht eben keine harte Sohle, wenn man in ein Kanu einsteigen muss.“ Es ist die Geschichte hinter dem Schuh, für die sich Sonja Bata interessiert. Wie eine Detektivin fühle sie sich, wenn sie erforscht, warum ein Schuh so aussieht wie er aussieht, schwärmt sie. Das Sammeln selbst begann ganz unprätentiös: Sie entdeckte viele Schuhe en passant auf Märkten oder kaufte sie sie den Menschen, die sie trugen, einfach ab. Gelagert wurde die wachsende Kollektion in den Büros des Unternehmens.

Auf Lager: Bata Shoe Museum, Toronto
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Wunderkammer im Keller
Die Sammlung des Bata Shoe Museum umfasst mehr als 13.000 Paar Schuhe und schuhrelevante Objekte – aus unterschiedlichen Kulturen, Ländern und Jahrhunderten. In der Dauerausstellung All about Shoes werden die wichtigsten Exemplare vorgestellt und erzählen eine Kulturgeschichte des Schuhs, des Gehens und der Fortbewegung. Doch es ist vor allem das Depot im Keller des Museums, das zeigt: Jeder Schuh erzählt Geschichte(n). In den raumhohen Regalen stehen die Schuhe dichtgedrängt, angeordnet nach Herkunft und Entstehungszeit: Elegante Stiefeletten der Sufragetten aus den zwanziger Jahren, italienische Chopines und bestickte Fellboots der kanadischen Inuit finden sich hier ebenso wie mörderisch hohe Plateaustiefel aus den Siebzigern und indianische Mokassins aus butterweichem Leder. „Hier wird es langsam voll“, stellt Suzanne McLean, Collection Manager, beim Gang durch die Regalreihen fest. Kein Wunder, wird die Sammlung jedes Jahr doch um rund 300 neue Paar Schuhe ergänzt. Wissenschaftler sind für das Bata Shoe Museum in der ganzen Welt unterwegs – immer auf der Suche nach interessanten Stücken, auch um Sammlungslücken zu schließen.

Captain? Captain!
Für Architektur interessiert sich Sonja Bata übrigens noch immer – und ihr Interesse hat natürlich auch mit Bata und Schuhen zu tun. Gerade hat sie Batawa gekauft, den ehemaligen Produktionsstandort von Bata, keine zwei Stunden entfernt von Toronto. Hier soll nach Sonja Batas Plänen in den nächsten zwanzig Jahren ein Sustainable Village entstehen – mit Wohnungen in der der ehemaligen Bata-Fabrik, einer Bauhaus-Architektur. „Ich hoffe es werden Menschen nach Batawa ziehen und von zuhause aus arbeiten. Die Landschaft ist wunderschön an einem Fluss gelegen, und im Winter kann man hier Skifahren. So stelle ich mir die Zukunft der Arbeit vor“, sagt Sonja Bata, Jahrgang 1926, die anscheinend schon immer eine Pionierin war. Als eine der ersten Frauen überhaupt wurde sie zum Captain der kanadischen Armee ernannt, sie war Chairman des National Design Council und des World Wildlife Fund Canada. Als sie geht, stellt sich noch die Frage nach ihrem Lieblingsobjekt im Museum. „Meine Lieblingsschuhe sind immer die, die als letztes reingekommen sind“, sagt sie und lacht.

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