Auf Höhe der Zeit: Atelierhocker von Girsberger

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Text: Markus Hieke, 04.06.2018

Partner: Girsberger

Beschreibt der Begriff Tradition die Überlieferung kultureller Werte und Ideen über Generationen hinweg, so müssen Traditionsunternehmen hin und wieder genau dorthin zurückkehren: zu ihren eigenen Wurzeln. So wie Girsberger das nun mit seinem Atelierhocker Modell 111 und Modell 112 getan hat. Über die Reedition eines Urgesteins.



Für den Schweizer Möbelhersteller Girsberger ist das 1910 präsentierte Sitzmöbel seinerzeit nicht weniger als der Beginn einer neuen Epoche. Gegründet 1889 am Weinberg in Zürich, fertigt die Drechslerei Heinrich Girsberger zunächst kleinere Waren wie Stickrahmen, Holzschalen oder Füße für Tischleuchten. Es folgen zwei Werkstattvergrößerungen innerhalb des nächsten Jahrzehnts. 1907 tritt das Unternehmen mit der Herstellung eines Klavierhockers in die Produktion von Sitzmöbeln ein und drei Jahre darauf wird das erste Patent eingetragen: für eine stufenlose, drehbare Höhenverstellung, die auf Basis eines Klemmmechanismus funktioniert. Diese Erfindung ermöglicht das einfache Anheben und Absenken des Sitzes mithilfe eines unter der Sitzfläche angebrachten Hebels. Bis heute ist die Funktion allgegenwärtig, wenngleich sie später meistens durch Gasfedern ermöglicht wird und so bei jedem Schreibtischdrehstuhl zum Einsatz kommt. Girsberger selbst konzentriert sich fortan auf die Herstellung von Sitzmöbeln und Tischen für den Arbeits-, Kommunikations- und Wohnbereich.



Historische Aufnahme: zweite Werkstattvergrößerung Neptunstraße in Zürich-Hottingen, 1900, © Girsberger

Die Gestalt der Atelierhocker Modell 111 und Modell 112, die sich im Wesentlichen nur in ihrer Höhe unterscheiden, erinnert zunächst noch an die Ursprünge des Unternehmens als Drechslerei: im Stil der Gründerzeit taillierte Füße, der höhere Atelierhocker trägt einen Stahlbügel zur Stabilisierung der Beine, der auch als bequeme Fußauflage benutzt werden kann. Produziert werden die Hocker, die sich später nur in Details verändern, zunächst bis Ende der Sechzigerjahre. „Die Wiederaufnahme dieser historischen Girsberger-Modelle ist nicht nur als Retrospektive auf die Girsberger-Tradition zu verstehen“, sagt nun Mathias Seiler, Leiter Design und Marketing im Unternehmen. „Ganz offensichtlich passen Atelierhocker heute wieder sehr gut in die Zeit.“

Die Komponenten des schlichten und damit vielseitig einsetzbaren Hockers wurden dafür modernisiert: Eine Höhenverstellung um bis zu 15 Zentimeter garantiert die zeitgemäße Gasdruckfeder, die wie auch die Aludruckgussteile, die die drei Beine zusammenfassen, und die Fußauflage aus Stahl in Silber pulverbeschichtet wird. Das kippsichere Dreibeingestell besteht aus Eichenholz und ist ebenso wie der gedrechselte, zur Mitte leicht vertiefte Massivholzsitz in Natur oder Eiche nussbaumfarben gebeizt erhältlich. Außerdem bietet Girsberger eine Variante mit gepolsterter Sitzfläche an, die mit allen Bezugsmaterialien des Herstellers realisierbar ist.


Girsberger Modell 111 und 112

Die beiden Modelle, 111 und 112, unterscheiden sich wie einst lediglich in ihrer Größe: eine Sitzfläche von 30 Zentimetern mal Höhe 48–63 Zentimeter oder entsprechend 35 mal 70–85 Zentimeter. Es ist der Perspektivwechsel, der kreative Ideen hervorruft – der Blick in die Vergangenheit, der das Potenzial für die Gegenwart bereithält. Wer sich ab und an vom Stuhl auf einen Hocker umsetzt, wird die Welt anders wahrnehmen. Besonders für solche Ad-hoc-Situationen ist der Atelierhocker prädestiniert – und eignet sich dazu ideal in Kombination mit anderen Möbeln von Girsberger, etwa der Tischfamilie Akio. Tradition bewahren und Neues erkunden: Hierin liegt der Schlüssel des Unternehmens mit heutigem Sitz in Bützberg, das sich neben der serienmäßigen Möbelproduktion auch den Bereichen Customized Furniture und Remanufacturing sowie dem Handel mit exklusiven Hölzern verschrieben hat.

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