Auf den Kurven der 400-Meter-Frau

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Text: Norman Kietzmann


Seine Bücher über die Postmoderne haben Charles Jencks bekannt gemacht. Doch der amerikanische Architekt und Kritiker ist nicht nur ein profilierter Beobachter seiner Zeit: Er entwirft Gärten in landschaftlichen Ausmaßen, die selbst die Nähe zur Esoterik nicht scheuen. Beeinflusst von kosmischen Gesetzen, wird der Garten in eine kontemplative Passage verwandelt.


Es gibt nur wenige Werke, die in jedem Architekten-Bücherschrank zu finden sind. „Die Sprache der postmodernen Architektur“ gehört dazu – jener Klassiker aus dem Jahr 1977, in dem Charles Jencks die multiplen Bedeutungscodes der neuen Bewegung erstmals in Worte fasste. Auch wenn er dem Sujet in seinen späteren Publikationen treu blieb, befiel auch ihn ab Mitte der achtziger Jahre ein Gefühl von Leere, das die postmoderne Bilderflut bei ihm hinterließ.

Das Bauen, so äußerte er später, müsse über die reine Wirkung von Fassaden hinausgehen und wieder Inhalte liefern. Und so vollzog er einen Schritt, der keineswegs selbstverständlich wirkt. Jencks, der in den sechziger Jahren in Harvard Architektur studiert hatte, wechselte die Seiten – wenngleich auf recht spezielle Weise. Denn es sind keine Gebäude, denen er sich bis heute neben dem Schreiben von Büchern und Essays widmet, sondern Gärten mit esoterischem Einschlag.

Kosmische Spekulation


Auf dem Höhepunkt des postmodernen Bauens realisierte Jencks 1988 bis 1990 den „Garten der kosmischen Spekulation“ im Südwesten Schottlands. Das Projekt wurde maßgeblich von seiner Frau Maggie Keswick Jencks beeinflusst, die ihn als Expertin für chinesische Gartengestaltung erst auf die florale Fährte gebracht hatte. Auch die Umsetzung des Privatgartens wurde durch ihren familiären Hintergrund begünstigt. Maggie Keswick entstammt einer milliardenschweren Dynastie, die eng in den britischen Außenhandel nach China involviert war und zu den Eigentümern der Hongkong & Shanghai Banking Cooperation (HSBC) gehörte. Der Garten, den das Paar schließlich gemeinsam entwarf, wurde auf dem 120 Hektar großen Familienanwesen der Keswicks angelegt und ist nur einmal im Jahr für die Öffentlichkeit zugänglich.

Die Gartenplanung werfe praktische wie philosophische Fragen gleichermaßen auf, war Jencks überzeugt, der nach dem Krebstod seiner Frau 1995 das begonnene Werk fortsetzt. Natürlich war er mit dieser Einschätzung nicht alleine. Bereits die japanischen Zen-Gärten, die persischen Paradies-Gärten oder die französischen und britischen Barockgärten wurden als Abbild des Universums gesehen, in denen sich Genese, Wachstum und Untergang tagtäglich manifestieren. Jencks folgt dieser Sichtweise, wenngleich er eine neue Sprache in die Gartengestaltung einfließen ließ. Es sind weniger Sträucher, Bäume und Blumen, die von ihm als begehbare „Schaukästen“ inszeniert werden. Die Besucher werden stattdessen durch eine Landschaft aus schlängelnden Pfaden geführt, die sich um Kegel in die Höhe schrauben oder als lang gestreckten Kurven in runden Wasserbecken münden.

Der Garten als Land Art


Der Garten auf diese Weise wird zu einer Passage, die unterschiedliche Höhen überwindet und immer wieder neue Blickachsen entstehen lässt. Der Bezug zum Kosmischen findet sich in Skulpturen und Objekten, die als Sinnbilder für Schwarze Löcher, den Urknall oder die DNA in die Landschaft integriert werden. Die Sprache, die Jencks mit dem „Garten der kosmischen Spekulation“ entwickelt hat, wirkt bis heute als Blaupause für alle weiteren Projekte, wenngleich sich deren Größe und Kontext stark gewandelt hat. Die Gärten „Landform Ueda“ (1999-2002), „Cells of Life“ (2003-2010, beide in Edinburgh) und „Spirals of Time“ (2002-2012, Mailand) emanzipieren sich vom „Garten der kosmischen Spekulation“ auf dem Anwesen einer großbürgerlichen Familie hin zu einer öffentlichen Funktion.

Mit ihren Kegeln, Spitzen und dynamisch geschlungenen Wegen gelingt den Gärten ein seltener Spagat: Sie bewirken Kontemplation auf der einen Seite und vermögen auf der anderen Seite das Bedürfnis nach starken, einprägsamen Bildern zu stillen. Der Grund dafür liegt in einer Umverteilung der Rollen: Die Stars der traditionellen Gartengestaltung – leuchtende Blumen, Sträucher und exotische Bäume – werden entweder ganz verbannt oder müssen sich mit Nebenrollen begnügen. Im Mittelpunkt steht die vom Rasen bedeckte Landschaft, die lediglich von Wasserflächen und Wegen mit weißen Kieselsteinen durchschnitten wird. Das Ergebnis: Sie wird lesbar als grafisches Zeichen, das selbst im Wechsel der Jahreszeiten eine konstante, einprägame Erscheinung liefert.

Auf Kurven wandeln

Seinen bislang größten Garten hat Charles Jencks im September 2012 bei Newcastle eröffnet. Dessen Name Northumberlandia (keltisch für „Göttin des Nordens“) wirkt angesichts der Ausmaße des Projektes nicht übertrieben. In die Kraterlandschaft eines ehemaligen Kohlereviers platzierte Jencks die Konturen einer 400 Meter langen weiblichen Figur. Auch an dieser Stelle dürfen kosmische Kegel nicht fehlen, die die Knöchel, Knie, Brüste sowie das Gesäß markieren. Für die größte menschliche Form, die bislang geschaffen wurde, mussten 1,5 Millionen Tonnen Erde bewegt werden. 200.000 Besucher soll die begrünte Skulptur künftig pro Jahr in die strukturschwache Region locken.

Nur wenige Kilometer vom „Garten der kosmischen Spekulation“ entfernt, befindet sich ein weiteres Großprojekt in Planung. Zusammen mit den Künstlern Andy Goldsworthy und Ned Kahn, dem Ingenieur Cecil Balmond (Arup) sowie dem Architekten Chris Wilkinson (WilkinsonEyre) plant Charles Jencks das „Gretna Landmark Projekt“, das 2014 an der schottisch-englischen Grenze eröffnen soll. Was sich dahinter verbirgt, ist eine knapp 50 Meter hohe Skulptur, deren Form an einen zur Kugel verdrehten DNA-Strang erinnert und nachts mithilfe eines aufwendigen Beleuchtungssystem in Szene gesetzt werden soll.

Im Strom der Bilderflut

Dass kosmische Strömungen keineswegs nur himmelwärts zu verorten sind, zeigt ein Projekt in der Schweiz. Bereits seit 2008 arbeitet Charles Jencks mit seiner Tochter Lily, die ebenfalls Architektur und Landschaftsgestaltung studiert hat, für die Europäische Organisation für Kernforschung (CERN). In der Nähe von Genf unterhält diese den weltgrößten, ringförmigen Teilchenbeschleuniger, der mit einem Durchmesser von 27 Kilometern unter der Erdoberfläche gebaut wurde. Was das Vater-Tochter-Gespann mit dem Projekt verbindet, ist mehr als nur das Bedürfnis, den kleinsten Bauteilen des Universums auf die Schliche zu kommen.

„The Globe“ – ein halbkugelförmiger Pavillon, der anlässlich der Schweizer Landesausstellung 2002 von Hervé Dessimoz entworfenen wurde – soll von einem kosmischen Garten umspannt werden und den nach Außen unsichtbaren Aktivitäten der Forscher eine widererkennbare Visitenkarte verleihen. Für Charles Jencks schließt sich damit der Kreis: Nachdem er die narrativen Qualitäten der postmodernen Architektur in Worte gefasst hatte, hat er den Garten in die Produktion der Bilderflut mit einbezogen – ganz gleich, ob er himmlische Kräfte oder irdische Geborgenheit symoliseren soll.

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