Auf der Schwelle

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Text: Cordula Vielhauer

In dem Volksmärchen der Gebrüder Grimm „Der Wolf und die sieben Geißlein“ werden wir bereits früh konfrontiert mit dem Thema der Schwelle als fragilem Ort, an dem sich die Sicherheit eines Hauses einlöst oder durch gezielte Manipulation – verletzt wird. Moderne sicherheitsrelevante Komponenten an der Haustür wie die Gegensprechanlage oder der biometrische Fingerscan werden hier bereits vorweg genommen: Der Wolf, der symbolisch für die Gefahr von außen steht, verfälscht das im Märchen noch durch die Tür stattfindende Gespräch durch seine verstellte Stimme und seinen verkleideten Finger- bzw. Pfotenabdruck. Offenheit und Geschlossenheit sind also Themen, die auf der Schwelle verhandelt werden: in der Architektur und der Technik, die sie bedient.

Die Schwelle markierte ursprünglich nicht nur den Übergang an einer Wand von Außen nach Innen, von öffentlich zu privat – nämlich als Türschwelle –, sie war vor allem das konstruktive Element, das beim Holzbau die vertikale Stütze als unterer, horizontaler Balken aufnahm. Uns interessieren an dieser Stelle allerdings zwei zunächst widersprüchlich scheinende Aspekte der Schwellenthematik: die Auflösung der Wand in ihre verschiedenen Funktionsprinzipien und die Schaffung unterschiedlicher Schwellenräume einerseits. Auf der anderen Seite widmen wir uns der damit einhergehenden, jedoch komplementären Entwicklung technischer Komponenten zur Befriedigung des menschlichen Bedürfnisses nach Sicherheit.
 
Die Auflösung der Wand
 
Die im Zuge der Industrialisierung entwickelte Stahlskelettkonstruktion erlaubte erstmals die vollständige Trennnung des Raumabschlusses von seinem Tragwerk. Der Einblick von Außen nach Innen und der Ausblick von Innen nach Außen wurde nun nicht mehr automatisch mit der „Verletzung“ beziehungsweise Perforation der tragenden Hülle erkauft, sondern konnte relativ frei von ihr gestaltet werden. Die damit einhergehende architektonische Entwicklung zu immer größeren Öffnungen und Fenstern bis hin zu komplett verglasten Gebäuden war jedoch trotzdem nicht frei von Komplikationen. Schließlich erfüllte die Wand neben der tragenden auch klimatisch und akustisch relevante sowie schützende, also sicherheitstechnische Funktionen.
 
Schwelle in Schichten
 
Die Entwicklung hin zu einer immer „durchsichtigeren“ Architektur wurde in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit bei Bauten der Öffentlichen Hand in Abgrenzung zur steinern-monumentalen Bauweise der NS-Zeit als „demokratisch“ ettikettiert. Im privaten Bereich ging ein hohes Maß an Transparenz immer mit einem Verlust an Privatsphäre einher, die über zusätzliche „Schichten“ – im weiteren Abstand zum Haus etwa durch Grünräume, Bäume und Pflanzen – direkt am Haus durch Sonnen- und Sichtschutzelemente zurückgeholt wurde. Insofern wird auch die Jalousie zur „Schwelle“, weil sich mit ihr die Öffentlichkeit per Seilzug oder Knopfdruck ein- beziehungsweise ausschalten lässt. Der Briefkasten ist ebenso wie die Mülltonne ein kleiner Raum auf der Schwelle zwischen privat und öffentlich, nicht zufällig haben daher sowohl Postboten als auch Abfallunternehmen häufig Haustürschlüssel. Im gewerblichen Bereich wichen dagegen spezifische Schwellenräume wie beispielsweise der Windfang technischen Komponenten wie dem Luftvorhang oder der Drehtür.
 
Vom Portier zur Videoüberwachung
 
Charakteristisches Beispiel ist in diesem Zusammenhang auch die Portiersloge beziehungsweise der Empfangsraum, der in großen bürgerlichen Mehrfamilienhäusern den Übergang zwischen Straße und Treppenhaus markiert(e). Während der Portier in vielen südlichen Ländern elementarer Bestandteil gutbürgerlicher Mehrfamilienhäuser ist und neben der Zugangskontrolle häufig auch Hausmeisterfunktionen innehat, hielt er in der Bundesrepublik erst in den letzten fünfzehn Jahren wieder Einzug, und zwar hauptsächlich in innerstädtischen Eigentümergemeinschaften. Diese Entwicklung ist einerseits einer stärkeren Internationalisierung geschuldet, andererseits spiegelt sie auch ein gestiegenes Sicherheitsbedürfnis der Bewohner.
 
Technische Zugangskontrolle
 
Die wichtigsten technischen Entwicklungen, die heute den Portier im privaten Bereich ersetzen, sind die Gegensprechanlage und die Video-Überwachung der Hauseingangstür. Diese Komponenten gehören inzwischen fast schon zum Neubau-Standard. Als Schwellen im weiteren Sinne bezeichnet unter anderem der Medienforscher Vilém Flusser jedoch auch die Perforationen der Gebäudehaut durch Kabel und Rohre – wie Telefon- und Wasserleitungen oder auch Müllschluckanlagen.
 
Im Bereich der Kommunikation etwa spielt das Telefon eine entscheidende Rolle. Und es ist naheliegend, dass der technische Fortschritt die Verknüpfung der häuslichen Zugangskontrolle mit der Telekommunikation vorgesehen hat. So ist das Siedle Scope gleichzeitig ein vollwertiges schnurloses Telefon und eine Gegensprechanlage mit Videobildschirm. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch die Firma Jung mit ihrem System KNX: Dabei können diverse haustechnische Funktionen von der Türkommunikation über die Innenraumtemperaturregelung bis zur Jalousiesteuerung über eine „App“ von einem iPhone, iPod oder iPad aus geregelt werden. Voraussetzung ist selbstverständlich, dass man solch ein Gerät besitzt. Noch einen Schritt weiter in der digitalen Vernetzung geht Siedle mit seinem IP-basierten System Access: Hier wird die Türkommunikation mit einem einheitlichem Netzwerkstandard ausgerüstet und ist somit kompatibel mit Netzwerken von der Telefonie über das Internet bis zur Mediensteuerung.
 
Vom Schlüssel zum digitalen Fingerabdruck
 
Die zweite wichtige Komponente im Bereich der Zutrittskontrolle ist selbstverständlich der Schlüssel. Als Weiterentwicklung des einfachen Riegels vor der Tür erlangte er bereits im 19. Jahrhundert mit der Erfindung des Sicherheitsschlüssels durch die Firma Yale den heute weit verbreiteten gängigen Standard. Da sich mechanische Schlüssel inzwischen jedoch relativ einfach kopieren lassen und zudem anfällig sind für Verlust oder Diebstahl, geht auch hier die Entwicklung immer mehr hin zur Digitaltechnik. Egal ob Funk-Transponder, Karte, Zahlencode oder Fingerabdruck – sie alle ersetzen den mechanischen Schlüssel und machen die Haustür weniger anfällig, sollte eines der Zugangsmedien verloren gehen. Denn im Gegensatz zum mechanischen Schlüssel muss in diesem Fall nicht gleich das gesamte Schloss ausgetauscht werden; es genügt, das System neu zu programmieren. Das gilt selbstverständlich auch, wenn man den digitalen Zahlencode vergessen hat.
 
Bei den Systemen der Firma Siedle können die unterschiedlichen Komponenten vom Fingerprintleser bis zum Code-Schloss modular und in Kombination zu Beleuchtung, Briefkasten, Gegensprechanlage und weiteren in die jeweiligen Serien wie Steel oder Vario eingepasst werden. Die Firma FSB integriert in ihrem neuen Fingerscan 2.0 gar den Fingerabdruckscanner gleich dezent im Türgriff; bis zu 99 individuelle Fingerprints lassen sich hier speichern. Gleichzeitig kann der Zugang zu einzelnen Türen individuell programmiert werden.

Der Sicherheitsschlüssel ist also im digitalen Zeitalter angekommen: Die Schwellen unserer Privatsphäre können wir heute für unterschiedliche Personen an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten setzen: Während wir den Briefträger lediglich über die Grundstücksgrenze lassen, darf der Nachbar auch mal in die Wohnung - aber nur während einer längeren Abwesenheit. Wir spannen so in unseren Räumen ein zeitlich und räumlich differenziertes, unsichtbares Geflecht aus offeneren und geschlosseneren Bereichen, das unsere Beziehung zu unserer Umgebung abbildet. Die Schwelle als Schnittstelle von innen und außen ist damit zu einem Netz aus lesbaren variablen Größen geworden.


Literatur zum Thema:

„Schwellenatlas“, ARCH+ Nr. 191/192, März 2009;
Der Schwellenatlas entstand in Kooperation mit einem dreijährigen Forschungsprojekts an der ETH Zürich am Lehrstuhl des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur gta, Prof. Dr. Laurent Stalder, mit Unterstützung der Firma Siedle.

Gabriele Siedle, Geschäftsführerin der Firma Siedle, zur Architektur der Schwelle und dem Schwellen-Raum auf den Kölner Passagen 2010:
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