Autopilot #44: Stromschlag für die Katze

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Text: Niklas Maak, 12.12.2016

Er ist schnell wie ein Tesla, hat 400 PS, fährt 500 Kilometer mit einer Akkuladung und soll schlappe 70.000 Euro kosten. Was sagt uns der I-Pace, das Elektroauto von Jaguar? Niklas Maak über verpasste Chancen für ein eigenständiges Design und: wie man sein Geld besser anlegt.

Jaguar hat seinen Anhängern in den letzten Jahren einiges zugemutet. Das Modell XJ hatte seit 1968 definiert, wie man ein Auto wirklich atemberaubend und gegen alle Vernunft so gestaltet, dass die Leute es kaufen, obwohl es innen so eng ist, dass die Leute auf der Rückbank, wenn sie größer als Tom Cruise sind, beim Sitzen die Knie an den Ohren haben. Aber für die Schönheit dieses Autos litt man gern: Der XJ war, nachdem die Citroën DS 1975 eingestellt worden war, die eleganteste Limousine, die es zu kaufen gab, und die flache, schöne Form blieb in Abwandlungen bis über die Jahrtausendwende erhalten.

Doch dann schlug Schottlands heftigste Rache an England, der Jaguar-Chefdesigner Ian Callum zu und legte die klassische Form des XJ in den Toaster, zerschmolz sie, versetzte sie mit alten Audi-A6-Teilen und rührte das Ganze solange durch, bis der neue Jaguar XJ herauskam – ein Auto, das verblüffende Ähnlichkeiten mit einem an Blähungen leidenden Staubsauger hat und entsprechend beim Kunden auf ganzer Linie gefloppt ist. Man verdonnerte Callum, der aus der für ihre historischen Mordfälle bekannten Kleinstsadt Dumfries stammt, neben dem von ihm verantworteten Lochness-artigen Aluminiummonster XJ ein paar gefälligere Konkurrenten für die Dienstwagenflotten dieser Welt zu entwerfen – damit nicht alle Menschen, die bei der Arbeit eine Krawatte tragen müssen, automatisch zu AudiBMWMercedes greifen: Heraus kamen die freundlich-faden XF- und XE-Types, die es auch mit 163-PS-Diesel gibt und die so britisch sind wie ein Sakko mit aufgedrucktem Tweedmuster.

Jaguar I-Pace

Jetzt aber versucht es die gebeutelte Traditionsmarke Jaguar noch einmal mit der Zukunft und stellt der verblüfften Öffentlichkeit ein Elektroauto vor, den I-Pace. Die gute Nachricht: Er ist so schnell wie ein Tesla, hat 400 PS, fünf Sitze, fährt angeblich 500 Kilometer mit einer Ladung, ist in 90 Minuten zu 80 Prozent aufgeladen, soll in einem Jahr zu kaufen sein, und er sieht deutlich besser aus als… als… als ein BMW i3, was aber auch für jedes andere käuflich erwerbbare Auto gilt.

Der I-Pace hat die geduckte Eierform, die sich ergibt, wenn man die Achsen wegen der Batteriepakete in der Mitte des Wagenbodens weit auseinanderziehen muss und keine Motorhaube mehr braucht. An der Front  trägt der Jaguar I-Pace, damit man ihn als Jaguar erkennt, die Kühleröffnung, die alle neuen Jaguars haben, was designtheoretisch nicht der reinen Lehre entspricht, weil Elektroautos ja gerade keinen Kühler mehr brauchen. Welche Möglichkeiten für Eleganz und eigenständigen Auftritt das Weglassen der Lufteinlässe mit sich bringt, hat Tesla und auch Porsche mit seinen neueren E-Modellen gezeigt.

Vorn sieht der I-Pace wie ein besserer Audi-A3-Konkurrent aus, hinten ist er sportlich geduckt wie eines der neueren SUV-Coupés. Die Frage ist bloß: Will man rund 70.000 Euro für ein Auto ausgeben, das aussieht wie ein gut gemachter Konkurrent für einen Golf Plus oder einen Nissan Leaf, der nur ein paar Zentimeter kürzer, aber auch elektrisch und weniger als halb so teuer ist? Warum soll man fast das Doppelte ausgeben von dem, was das bereits 373.000 mal vorbesellte Tesla Model 3 kosten soll, um ein Elektroauto zu fahren, das nicht aussieht wie ein Elektroauto, sondern wie ein auf SUV-Format aufgeblähter Kleinwagen?

Für das Geld, das ein I-Pace kosten soll, bekommt man einen drei Jahre alten Tesla Model S und dazu noch den legendär schönen 1968er Jaguar XJ 4.2. Oder man macht wirklich ernst mit dem Mythos Jaguar und geht zum von Jaguar anerkannten britischen Kleinserienhersteller Suffolk und bestellt für den Preis des I-Pace den SS100, eine detailgetreue Replika des legendären, nur etwas über 300 Mal hergestellten Sportwagens SS100 aus den dreißiger Jahren. Sie basiert auf der Technik des Jaguar XJ 6 von 1976, hat eine 3,4 Liter XK-Maschine, die modifiziert wird mit einer elektronischen Zündung, Motorvorwärmung und einer zusätzlichen elektrischen Ölpumpe für den Motorstart. Das ist wirklich britisch. Man bekommt – ein gutes Weihnachtsgeschenk für die ganze Familie! – den Sportwagen auch in Einzelteilen als Kit zum selber Zusammenbauen geliefert. Und fürs ökologische Gewissen kaufen wir uns statt Elektroantrieb noch einen Regenschirm und ein paar schöne, im schottischen Edinburgh hergestellte Hunter-Gummistiefel und gehen öfter zu Fuß. Das ist für die Umwelt noch viel besser als jeder I-Pace.

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Niklas Maak ist Redakteur bei der F.A.Z.

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