Autopilot #48: Geometrie auf Rädern

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Text: Niklas Maak, 31.03.2017

Immer mehr Autos sehen aus, als hätte man sie aus Schmelzkäse hergestellt – sogar die Scheinwerfer sehen aus wie zerlaufene Neonröhren. Höchste Zeit, an ein paar Autos zu erinnern, deren Design vor allem eine Hommage an die Geometrie und rechte Winkel war.

Der kalifornische Autodesigner Derek Jenkins sagte, als wir ihn vor kurzem trafen, dass wir uns in einer Phase des „Design-Manierismus“ befänden, „und ich sage Ihnen auch wieso: Weil technologisch so wenig passiert, muss am Äußeren herumgeschminkt werden. Man muss den Style verschärfen, um das Auto zu verkaufen. Es gibt viele attraktive Autos, nach denen man sich umdreht, aber nur wenige wirklich schöne.“ Und was ist schön? „Da geht es um etwas Pures, eine anstrengungsfreie, natürliche Schönheit. Nicht overdressed sein, nicht zu viel Make-up.“

Man möchte den Satz all den fliegenäugigen Schmelzkäsedesign-Vehikeln, die wie zerfließende Gummienten durch die Straßen rollen, auf die durchgeknallten Lichtergirlanden schreiben. Wenn man verrückt werden möchte, muss man nur lange genug in einen neuen Mercedes-Frontscheinwerfer schauen oder in das doppelte Gesicht eines Citroën, bei dem man nie weiß, ob er eigentlich große Scheinwerfer und eine beleuchtete Stirnfalte darüber hat oder schlitzförmige Scheinwerfer mit großen Nebelscheinwerfern darunter. Man will so nicht angeschaut werden, die Natur weiß schon, warum sie in die meisten Säugetiere vorn nur zwei Augen und nicht vier übereinander eingebaut hat.

In den Achtzigerjahren wurde ja viel gejammert über das Kalte und Emotionslose des Autodesigns – wo, so die Frage damals, sind die Kurven, die schönen runden Augen hin… Heute, auf dem Höhepunkt des postquadratischen Schlingerschmelzdesignodesigns, wirkt die Front eines Fiat Uno oder Renault Supercinq wie eine Wohltat, der Volvo 760 wie eine Bauhaus-Villa und der Fiat 130 wie ein Meisterwerk von Giuseppe Terragni. Sogar ein Renault 21 oder ein Fiat Croma wirken neben dem an ein lackiertes Bündel Bananen erinnernden Mercedes CLA würdevoll und souverän, wie „etwas Pures, eine anstrengungsfreie, natürliche Schönheit“, um es mit Jenkins zu sagen.

Und während sich die Kleinwagendesigner gerade ein Wettrennen lieferten, wer die größte SUV-Nase an ein lächerlich schmales Minivehikel basteln kann, schaut man voller Bewunderung den 1980er Panda an, der aus jedem Blickwinkel die Schönheit eines von Dieter Rams entworfenen Radiomöbels besitzt. Das Auto als Gerät, das aus dem gleichen Geist entworfen wird wie anderes Industriedesign, gibt es nicht mehr, auch das architektonische Auto als, wie Le Corbusier das so schön sagte, Spiel der geometrischen Körper unter dem Sonnenlicht wird als ein Unterfangen der späten Siebziger- und Achtzigerjahre in Erinnerung bleiben, in denen Autos wie Mehrzweckhallen auf Rädern aussahen und Espace, also Raum, hießen, Kisten sein durften (Fiat Panda) – oder sogar Pyramiden auf Rädern.

Das architektonischste aller Autos war die Citroën-Studie Karin, die entstand, als sich der große Geometriker und Präsident François Mitterrand gerade einen Zylinder (Opera de la Bastille), einen Quader (Arche de la Défense) und eine Pyramide aus Glas (Louvre) in die Hauptstadt bauen ließ: Karin war ein Auto, dass das Kunststück hinbekam, eine Windschutzscheibe, aber so gut wie kein Dach zu haben und trotzdem seine drei nebeneinander liegesitzenden Mitfahrer vor Regen und Wind zu schützen – eben weil es eine Pyramide auf Rädern war. Es wurde nie gebaut, der BX, der stattdessen kam, wurde zu Unrecht gehasst, weil er so kantig war. Der Citroën Karin gehört eigentlich in ein Architekturmuseum neben Pei und Ungers. Nur die Lampen vorne sind fast ein bisschen zu rund.

Niklas Maak ist Redakteur bei der F.A.Z.

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