Berlin im Licht

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Text: Katja Neumann

Die Stadt Berlin kann auf ein bewegtes Jahrhundert zurückblicken: Von der Kunst- und Kulturmetropole in den goldenen Zwanzigern der Weimarer Republik zum Hauptsitz des Nazi-Regimes, nach dem Krieg zerstört und abgeschottet zeigte sich schließlich der weltweite Ost-West-Konflikt im 20. Jahrhundert nirgends deutlicher als hier, konzentriert in der damaligen geteilten Stadt. In welcher Weise das Licht seinen Einfluss auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den verschiedenen geschichtlichen Stadien nahm, zeigt das Stadtmuseum Berlin in einer eindrucksvollen Jubiläumsausstellung anlässlich des 100. Geburtstages des Märkischen Museums. Mit dem Titel „Berlin im Licht“ nimmt die Ausstellung direkten Bezug zur gleichnamigen Berliner Lichtwoche von 1928 und betrachtet die jüngere Stadtgeschichte erstmals aus dem Blickwinkel der technischen Innovation des Kunstlichts.

Auf 1400 Quadratmetern präsentiert die Ausstellung noch bis Februar 2009 die Geschichte des Kunstlichts in Berlin und zeigt hierzu mehr als 1400 Objekte der unterschiedlichen Gattungen und Epochen. Auch das 1908 eröffnete Museumsgebäude wird zu diesem Anlass erstmals selbst Ort lichtkünstlerischer Projekte. Im Rahmen der Sonderausstellung „Kunstlicht und Lichtkunst“ wird beispielweise die Licht- und Klangkünstlerin Christina Kubisch die Große Halle des Museums in ein glimmendes Licht tauchen, Susanne Rottenbacher zeigt begehbare Lichtmalerei, bei der sie LED-Technik einsetzt, und der Pariser Lichtkünstler Philippe Le Coustumer bespielt die Fassade des Museums mit stimmungsvollen Lichtbildern. Durch ein umfangreiches Rahmenprogramm, das verschiedene Performances, wie eine Filmprojektion zum „Licht-Raum-Modulator“ von László Moholy-Nagy, Vorträge und Führungen, darunter ein Abendspaziergang durch das erleuchtete Berlin, beinhaltet, wird die Geschichte des Lichts in der Hauptstadt für die Besucher auch persönlich erfahrbar.

Die goldenen Zwanziger

Der Ausstellungsrundgang selbst umfasst mehrere Themen, die Berlins Rolle als Ort lichttechnischer Innovation damals und heute dokumentieren: „Beleuchtung in alter Zeit“, „Metropole des künstlichen Lichts“, „Licht und Schatten“, „Lichtspiele“, „Licht-Macht-Politik“, „Berlin im Licht“ und „Stadtinszenierung der Gegenwart“.
„Beleuchtung in alter Zeit“ präsentiert, wie die gleichnamige Ausstellung 1928, zahlreiche Objekte zur Beleuchtung in vor- und frühindustrieller Zeit. Anlässlich dieser Ausstellung initiierten Berliner Kaufleute und Industrielle damals die Werbewoche „Berlin im Licht“, die die Stadt als leuchtende Metropole der Moderne zeigen sollte. Eine Gemeinschaft aus 154 Wirtschaftsorganisationen sorgte im Oktober 1928 mit Lichtwerbung, Schaufensterbeleuchtung, Lichtreklame und der Anstrahlung öffentlicher Gebäude für stadtweites Aufsehen. Zu dieser Zeit hatte Berlin schon seinen europaweiten Ruf als kulturelle Metropole und „Sündenbabel“ manifestiert. Die wilden Zwanziger erstrahlten im Lichtglanz der Hauptstraßen, unter prunkvollen Kronleuchtern und in den mit unzähligen Glühlampen ausgestatteten Bier- und Kaffeehäusern, Bars und Nachtlokalen, wie der Themenbereich „Licht und Schatten“ zeigt. „Lichtspiele“ verdeutlicht, wie auch auf den Theaterbühnen das Kunstlicht als Mittel zur Inszenierung genutzt wurde. Schon 1919 ließ der Regisseur Max Reinhardt die 1867 errichtete erste Berliner Markthalle zum Großen Schauspielhaus umbauen, das wegen seiner an Stalaktiten erinnernden Kuppel im Volksmund nur „Tropfsteinhöhle“ genannt wurde. Die Stalaktiten wurden zum Hauptträger der Raumwirkung und erzeugten durch die indirekte Beleuchtung mit zahlreichen Glühbirnen in jedem Zapfen einen fast schwebenden Eindruck der Pfeiler. Licht inspirierte auch die Filmindustrie und ließ zahlreiche Lichtspielhäuser entstehen, während am Bauhaus Licht zum Kunstgegenstand wurde, das der ungarische Künstler László Moholy-Nagy mittels seines „Licht-Raum-Modulators“ zu inszenieren wusste.

Licht als machtpolitisches Instrument

Unter dem nationalsozialistischen Regime fand vor allem eine politische Instrumentalisierung des Lichts statt. Bekannt sind die Bilder der Olympischen Spiele 1936 in Berlin, zu deren Abschlusskundgebung Albert Speer eine „Lichtarchitektur“ durch senkrecht in den Himmel gerichtete Flakscheinwerfer schuf. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde die Straßenbeleuchtung weitestgehend abgeschaltet, da das bisher lebensspendende Licht zum sicheren Bombenziel wurde. Ein weiterer Grund für die fast vollständige Abwesenheit von Kunstlicht in dieser Zeit war, dass die erzeugte Energie vorrangig der Rüstungsindustrie vorbehalten war, die Gas und Strom regelrecht absorbierte. „Licht-Macht-Politik“ stellt dar, wie Kunstlicht zu politischen Zwecken strategisch eingesetzt wurde - und das auch nach dem Krieg. Im geteilten Berlin der 1950er Jahre wurden Ost- und West-Ästhetik besonders auch anhand der Beleuchtungen deutlich: Während der Kurfürstendamm mit moderner Beleuchtung und Reklameschriften als „Schaufenster des Westens“ diente, fungierte die Stalinallee im Ostteil als „erste sozialistische Straße auf deutschem Boden“ mit entsprechender Lichtkomposition.

Berlin anno 2008

Unter der Thema „Stadtinszenierung der Gegenwart“ präsentiert sich das heutige Berlin, 80 Jahre nach der Lichtwoche 1928, wieder als selbstbewusste Metropole mit einer lebendigen lichtkünstlerischen Gestaltungsszene. Das Sony Center, der neue Hauptbahnhof oder der Potsdamer Platz, Medienfassaden und transparente, durchleuchtete Oberflächen sind beste Beispiel für moderne Lichtarchitektur.
Nach 100 Jahren bewegter Vergangenheit sorgen heute eine Vielzahl künstlerischer Aktionen und temporärer Lichtinstallationen in Berlin für eine sich kulturell in Bewegung befindende Gegenwart. Die Ausstellung „Berlin im Licht“ schenkt einen Blick in die Vergangenheit der Stadt und des Lichts, präsentiert das heutige Berlin in einem umfassenden Rahmenprogramm und bietet über Fachvorträge schlussendlich sogar einen Einblick in die mögliche Zukunft des beleuchteten Stadtraums.


Berlin im Licht
24.06.2008 bis 01.02.2009
Märkisches Museum / Stadtmuseum Berlin
Am Köllnischen Park 5
10179 Berlin

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