Biennale 2012 – Auf Grund gelaufen

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Text: Norman Kietzmann


Common Ground lautet das Thema der 13. Architektur-Biennale von Venedig. Unter der kuratorischen Leitung von David Chipperfield soll die Architektur die wilden Formenspiele der vergangenen Jahre hinter sich lassen und wieder an Substanz gewinnen. Doch das Ergebnis bleibt mau. Während die Länderpavillons den Fokus auf kleine Interventionen jenseits der großen Geste legen, mutiert die Hauptausstellung zu einem Mausoleum des Bauens. Schafft sich die Architektur womöglich ab?



„Wenn ich Visionen habe, gehe ich zum Arzt“, sagte Altkanzler Helmut Schmidt im Bundestagswahlkampf 1980 und brachte damit treffend auf den Punkt, worauf es in der Politik ankommt: einen Kompromiss zu finden, mit dem sich eine Mehrheit anfreunden kann. In gewisser Weise ist die Architektur die kleine Schwester der Politik. Auch hier geht es vermeintlich darum, etwas zu gestalten, etwas voranzubringen und Probleme zu lösen. Doch in Wirklichkeit gleicht das Bauen einem großen weißen Tischtuch, an dem Investoren, Stadtväter, Denkmalschützer, zukünftige Nutzer und ja, auch die Architekten kräftig ziehen und jeden Millimeter, den sie das Textil in ihre Richtung zerren, als Sieg auf ganzer Linie verkünden.

Zurück zum Machbaren

Architekten haben ein Problem, befand Biennale-Chefkurator David Chipperfield im Vorfeld der Schau: Sie werden irgendwie nicht mehr ernst genommen in der Politik des Bauens und scheinen den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Die zwei letzten Biennalen gossen reichlich Öl in dieses Feuer. Wir erinnern uns: 2008 schickte Aaron Betsky gleich eine ganze Armada an Blobs auf die Besucher los, als stünde die Besiedelung des Mars' in weniger als drei Jahren bevor. Und 2010 zeigte Kazuyo Sejima ihre leise und hochatmosphärische Wahrnehmung von „Menschen in der Architektur“, die viel über Räume, aber wenig über Bruttogeschossflächen verkündete.

Da sahen sich die Bauherren und Projektierer plötzlich im Recht und befanden, die Architekten hoch oben in ihrem Elfenbeinturm verstünden die Welt nicht mehr. Die dreckige Arbeit müssten sie seitdem selbst machen und städtische Filetgrundstücke mit Lochfassaden aus dem Taschenrechner füllen, wozu sich die Architekten offenbar zu schade sind. „Wir müssen reden!“, stellte David Chipperfield deshalb fest und brach für seine Kollegen eine Lanze. Die Architektur müsse wieder geerdet werden und zum Machen und vor allem zum Machbaren zurückgeführt werden. Und was eignet sich dafür besser als die Suche nach einem gemeinsamen Nenner, einem Common Ground?

Architekten unter sich


Doch schon im Arsenale beginnt die Schau mit biederer Schwere. Endlose Modelle reihen sich auf Tischen, und an den Wänden werden Grund- und Aufrisse fein säuberlich aufgespannt, als würde eine Hochschule ihre Diplomanden würdigen. Zugegeben, die Schau ist prominent besetzt mit Arbeiten von Bernard Tschumi, Herzog & de Meuron oder Luigi Snozzi und lässt auch genügend Raum für Namen jenseits des Starsystems. Doch die Betrachtung von Architektur bleibt eine äußere. Kein Wort über räumliche Qualitäten, über Sinnlichkeit und Textur oder gar den urbanen Kontext. Auf ihre Fassade und Kubatur reduziert, sind die Gebäude nicht nur mausetot. Sie wirken kaum weniger fremdartig als jene Blobs, gegen die sie eigentlich Position beziehen wollten.

Selbst Architektur-Fetischisten befällt bei dieser Aufmachung nach spätestens drei Räumen eine akute Müdigkeitsattacke, die sich lediglich mit einem Gang ins Freie überwinden lässt. Warum werden die Gebäude so altbacken verschlüsselt? Gewiss, den Großteil der Besucher stellen noch immer die Architekten selbst. Aber sollte die Biennale nicht auch eine Plattform sein, um die Diskussionen, Tendenzen und Gegensätze innerhalb der Architektenszene nach außen zu tragen? Sejima ist diese Öffnung vor zwei Jahren gelungen, als rund ein Drittel mehr Besucher auf die Biennale kamen, darunter eine respektable Zahl an Nicht-Architekten. Die dürften sich diesmal erst gar nicht auf den Weg machen.


Architektur ohne Materie

Ist es vor allem ihre objekthafte Wirkung, mit der die Arbeiten im Arsenale in Erscheinung treten, üben sich die Länderpavillons in der Kunst des Verschwindens. Im niederländischen Pavillon fahren raumhohe Vorhänge in Endlosschleife umher und machen den Raum zum ephemeren Erlebnis. Im polnischen Pavillon entpuppt sich die vermeintliche Leere als eine raumgreifende Installation, die einen schiefen Boden und vorgelagerte Pappwände mit tiefen Bässen ins Schwingen versetzt. Auch der amerikanische Pavillon vermeidet die große Geste und legt den Fokus stattdessen auf eine Vielzahl kleinerer Eingriffe in urbanen Brachen. Es sind Beispiele, die eine lebendige Baukultur abseits konventioneller Investorenprogramme belegen und deutlich machen, wie Architektur auch ohne eine Materialschacht aus Stein und Beton gelingt.

Noch weiter geht der deutsche Pavillon von Muck Petzet und Konstantin Grcic, der die bestehende Bausubstanz als Ressource begreift. Der beste Neubau ist folglich der, der gar nicht erst hochgezogen wird, sondern das Vorhandene transformiert. Der Architekt wird zum Mechaniker, der eine kaputte Maschine wieder in Gang bringen und nach getaner Arbeit lautlos verschwinden soll. Harter Tobak für große Egos, die ihren Stempel plötzlich einpacken können. Vor allem: Wem werden diese Hybride aus alt und neu künftig zugewiesen? Wer besitzt das Urheberrecht? Und wen interessiert das überhaupt noch?

Kritik von Wolke 9

Auch die Vergabe der Goldenen Löwen würdigt die kleinen Schritte. Als bester Länderbeitrag wurde Japan ausgezeichnet mit Entwürfen experimenteller Wohnhäuser von Sou Fujimoto und Akihisa Hirata. Angehoben auf Baustämmen, sollen sie einen besseren Schutz vor Tsunamis bieten. Der Löwe für den besten Einzelbeitrag ging an Urban Think Tank aus Venezuela mit der Analyse eines 40-stöckigen Turms in einem Slum in Caracas. In der Bauruine eines nie fertiggestellten Bürogebäudes hat sich eine funktionierende Gemeinschaft mit Wohnungen, Geschäften und Restaurants gebildet, die nicht von Architektenhand geplant wurde, sondern sich verselbständigt hat. Dokumentiert wird das Projekt durch Fotos von Iwan Baan sowie in Form eines temporären Favela Cafés im Arsenale.

„Ist es nicht seltsam, dass kein einziger Architekt aus China eingeladen wurde, aber dafür gleich neun aus der Schweiz?“, fragt Steven Holl zu Recht. Weder im Arsenale noch im Hauptpavillon in den Giardini sind Projekte aus dem bevölkerungsreichsten Land vertreten, geschweige denn ein Vertreter ihrer Baukunst. Kritik kommt auch von denen, die gar nicht erst nach Venedig kamen: „Während in Russland die Künstler hartnäckig Widerstand leisten gegen das autoritäre Regime, befindet der jetzige Kommissar der Architekturbiennale diese Eigenschaften als hinderlich für unseren Beruf und erklärt in einem Interview, dass dem Genie Raum weggenommen werden muss. Man müsste ihm die Pussy Riots vorführen, damit er endlich versteht, wo es langgeht in unserer Gesellschaft“, schreibt Wolf D. Prix in einem offenen Brief im Vorfeld der Biennale und fordert deren Neuorganisation.

Im Schlamm der Lagune

Nun mag Prix als haupt- wie nebenberuflicher Bewohner von Wolke Neun vielleicht selbst nicht ganz unschuldig am gescholtenen Starkult der Branche sein und sich mit Sicherheit auch darüber gerärgert haben, dass er NICHT eingeladen wurde. Doch er hat durchaus Recht damit, dass diese Biennale, die ursprünglich mehr Substanz zum Ziel hatte, im undefinierten Schlamm der Lagune versackt. Der Blick auf die Architektur ist zu glatt, zu beliebig und ohne jeglichen Biss. Wo sind die Konflikte, die Widerstände, die Querdenker? Auch die Geste des Verzichts, wie sie der deutsche Pavillon zeigt, gibt keine Antwort darauf, wie zukünftige Bauprojekte, allen voran in Wachstumsregionen wie China, aussehen sollen.

Vor allem das Arsenale erinnert an einigen Stellen an einen Ableger der Immobilienmesse MIPIM aus Cannes. Ob der Novartis Campus in Basel (unter anderem mit Projekten von SANAA, Chipperfield und Gehry), Renzo Pianos gerade neu eröffneter Hochhauspickel Shard in London oder Hans Kollhoffs historisierende Stein- und Klinkerfassaden als Inbegriff der Investorenarchitektur der neunziger Jahre: Worin liegt hier der gemeinsame Nenner? Ein Hund frisst keinen Hund, lautet ein altes Sprichwort. Will heißen: Es haben sich alle lieb, und früher oder später zeigen sich die Eingeladenen erkenntlich, wenn sie selbst in einer Jury sitzen. Common Ground bekommt auf diese Weise einen klebrigen Beigeschmack.

Common Ground – La Biennale Architettura
noch bis zum 25. November 2012


Zum Thema: Weitere Berichte aus Venedig erfahren Sie in unserem Special sowie im Biennale-BauNetz-Blog: www.baunetz.de/biennale

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