Blauer Hoffnungsträger

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Text: Julia Bluth

Wenn Bill Gates mit einem Glas voll menschlicher Fäkalien in der Hand einen Vortrag hält, dann wirbt er für ein echtes Herzensprojekt: die Reinvent the toilet challenge. Seit Jahren fördert seine gemeinsam mit Ehefrau Melinda gegründete Bill & Melinda Gates Foundation die Innovation nachhaltiger Sanitärsysteme für Entwicklungsländer. Auch das Wiener Designbüro EOOS folgte dem Aufruf der Stiftung. Es entwickelte ein wegweisendes Urintrennsystem, das zu einer buchstäblichen Klo-Revolution führen könnte.

„Viktor Papanek hat in seinem berühmten Buch Design for the Real World: Human Ecology and Social Change (1971) die DesignerInnen aufgerufen einen Teil ihrer Arbeit für die wirklich drängenden Probleme der Welt zu reservieren“, erklärt Harald Gründl, Mitbegründer von EOOS, seine Motivation. „Ich denke, diese Aufforderung ist so aktuell wie nie, da wir vor ökologischen und sozialen Herausforderungen stehen, bei deren Lösung Design eine wichtige Rolle zukommt.“ Rund 2,5 Milliarden Menschen weltweit müssen ohne sicheren Zugang zu sanitären Anlagen leben. Mit schrecklichen Folgen, befinden sich doch bereits in einem einzigen Glas menschlichen Stuhls unzählige Krankheitserreger und Wurmeier.

Die Urinfalle
Im Rahmen der Reinvent the toilet challenge betreut EOOS seit 2010 das gemeinsam mit dem schweizerischen Wasserforschungsinstitut Eawag entstandene Projekt Blue Diversion Toilet – eine leuchtend blaue Stehtoilette mit raumhoher Rückwand, die ohne Wasserleitungen, Kanalisation und Elektrizität auskommt. Die kompakt in der Rückwand eingebaute Wasseraufbereitungsanlage sorgt für sauberes Wasch- und Spülwasser. Direkt im Auffangbecken werden der Urin und die festen Hinterlassenschaften voneinander getrennt und anschließend in verschließbaren Behältern gesammelt. So können die Abfälle abtransportiert und wieder aufbereitet werden. „Die Toilette kommt gerade von einem Feldtest in Durban in Südafrika“, berichtet Gründl. „Sie wurde bei einer Großfamilie unter Realbedingungen getestet. Das Projekt umfasst jeweils unterschiedliche Aufbereitungstechnologien für Wasser, Urin und Fäkalien. Der nächste Schritt ist die Industrialisierung, die mit Hilfe der Bill & Melinda Gates Foundation vorangetrieben wird. Es sind große und bekannte Firmen, die ihr Interesse bekundet haben. Eine weitere Option ist die Industrialisierung von Einzelkomponenten.“

Vom Umweltgift zum Wertstoff
Einen wichtigen Industriepartner für ihre Schlüsselinnovation, die Urine-Trap, haben die Designer bereits gefunden: Gemeinsam mit dem Schweizer Hersteller Laufen entwickelten sie mit Save! die erste, neuesten Industriestandards entsprechende Urin-Trenn-Toilette. Die eingebaute Urine-Trap trennt den Urin unter Ausnutzung der Oberflächenspannung von Fäkalien und Grauwasser und leitet ihn in einem separaten Ablauf ab. Auf diese Weise erfolgt eine getrennte Abwasserführung, die im Anschluss eine effiziente Aufarbeitung möglich macht. Mithilfe dezentraler Bio-Reaktoren können nützliche Nährstoffe wie zum Beispiel Stickstoff und Phosphor aus dem Urin extrahiert und schädliche Medikamentenrückstände oder Hormone neutralisiert werden.

Ein wichtiger Schritt, denn Wissenschaftler bewerten hohe Stickstoffwerte – die sowohl durch menschliche Abwässer als auch durch die intensive Nutzung von Kunstdüngern in der Landwirtschaft verursacht werden – als mindestens ebenso gefährlich wie zu hohe CO2-Werte. Sie führen zu den gefürchteten Todeszonen im Meer, deren Sauerstoffsättigung so gering ist, dass Fische dort nicht mehr überleben können. Diese Zonen breiten sich seit Jahren weltweit aus. Besonders betroffen ist unter anderem die Ostsee, die als Binnenmeer über wenig durchmischtes Wasser verfügt. Würde man beginnen, Abwässer intelligent zu trennen und aufzuarbeiten, könnte man aus Urin gewonnenen Naturdünger direkt in die Landwirtschaft bringen und aus dem Oberflächenwasser verbannen. Auch die sehr CO2-aufwendige Herstellung stickstoffhaltiger Kunstdünger würde dann hinfällig. Doch ist das nur eine schöne Vision oder bald schon Realität?

„Im Einzugsgebiet der Seine in Frankreich gibt es jetzt hohe Förderungen für alternative Abwassersysteme. Ich denke, dass wir hier schon bald erste größere Pilotprojekte sehen werden. Aber auch in Skandinavien gibt es etablierte Abwasserlösungen, die bisher mit wesentlich schlechteren Urinseparationstoiletten betrieben wurden. Auch dort hoffen wir, bald einen größeren Markt für unsere Technologie vorzufinden. Und natürlich in den Entwicklungsländern, denn dort kann in vielen Gebieten sowieso die Abwasserlösung neu gedacht und umgesetzt werden“, meint Gründl. „Wir sind optimistisch und das Projekt mit Laufen zeigt eindeutig, dass ein neues Denken und eine neue Zeit im Design begonnen haben.“

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