Brennen für Licht

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Text: Markus Hieke, 05.03.2018

Das Medium ihrer Bestimmung steckt bereits in ihrem Vornamen. Mit Licht fand Lucie Koldova ihren Durchbruch. Aus Licht, Glas und Emotion stiftete sie die Identität des böhmischen Glasleuchtenlabels Brokis. Zeit, die tschechische Designerin besser kennenzulernen.

Wer Lucie Koldova begegnet, trifft in ihr eine selbstbewusste Persönlichkeit: eine Frau, die mit ihren 34 Jahren nicht nur selbst relativ jung ist, sondern mit sichtbarem Erfolg ein junges Label mit traditionsreichem Fertigungswissen repräsentiert und ihm dabei eine unverwechselbare Poesie und Designsprache verleiht. Gegründet wurde Brokis 2006, die Glasmanufaktur im böhmischen Jan-štejn ist mehr als eineinhalb Jahrhunderte alt. Als Jan Rabell, Investor und Eigentümer der Fabrik, der Designerin 2012 eine Position als Artdirektorin anbietet, hatte sie gerade aus dem Stand heraus ihr Talent bewiesen. In Kooperation mit Dan Yeffet gestaltete sie Muffins, eine Leuchtenkollektion, über die sie selbst einmal sagte, ihre Ausstrahlung als Kunstobjekt sei ihr eigentlich wichtiger als die technische Funktionalität als Licht: „Ich versuchte, so gut wie möglich das Material zu respektieren und das Design schlicht zu halten. Gleichzeitig sollten großzügige, künstlerische Stücke entstehen, die das Handwerk der Glasbläserei mit dem der Holzverarbeitung kombinieren.“ Erstmalig überhaupt arbeitete Koldova mit dem Material Glas – ein Glück, dass es auf Anhieb so gut lief. Die Leuchte wurde zum Verkaufsschlager.

Der Name der Kollektion verrät, woher sie ihre Ideen nahm und nimmt: aus dem Alltag und dessen kleinen Freuden. Ihre Augen dürften geglänzt haben, als sie 2009 nach Paris kam, um im Studio des israelischen Künstlers und Designers Arik Levy als Praktikantin zu beginnen. In einer Stadt der Kultur, mit Cafés an allen Ecken, dem pulsierenden Rauschen des Verkehrs, dem Tempo einer weltgewandten Metropole. Aufgewachsen in Ústí nad Labem, einer schmucklosen Industriestadt an der Elbe, studierte Lucie Koldova Design an der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design. In Frankreich hatte sie Gelegenheit, berufliche Kontakte zu knüpfen. 2010 startete sie ihr eigenes kleines Lucie Koldova Studio in Paris, lieferte erste erfolgreiche Entwürfe für La Chance, Haymann Editions, MMcité, Lasvit, Per/Use, Lugi und eben für Brokis. Heute führt die Designerin ihr Studio im Herzen der tschechischen Hauptstadt.

Tischleuchte Macaron für Brokis, Foto: Brokis

In Paris sei sie von den multikulturellen Einflüssen inspiriert worden, erzählt Lucie Koldova. Ihre Ziele und sich selbst habe sie dort infrage gestellt. „Nach mehreren Jahren in Frankreich hatte ich mir ein gutes Netzwerk aufgebaut. So bekam ich zunehmend wieder Kontakte nach Tschechien und entschied mich dann zurückzukehren.“ Die Verbindung aus Glas und Licht ist seither zur Passion geworden. „Ich assoziiere Glas mit Energie, Wärme und Vibration. Glas ist ein robustes Material, das gleichzeitig hart und fragil wirkt“, sagt Koldova. Mit ihren Experimenten ist sie dabei längst nicht am Ende. Stets aufs Neue findet die Gestalterin ganz eigene Wege, Glas mit Materialien wie edlem Holz, Leder oder Metall zu kombinieren. Zuletzt präsentierte Brokis die Tisch- und Bodenleuchte Macaron – eine Metamorphose aus Glas und Stein. Die Idee: Stein zu durchleuchten und gewissermaßen zum Schweben zu bringen. Eine runde Scheibe aus Onyx, wahlweise weiß oder honigfarben, wird von zwei mundgeblasenen Glaskuppeln umfasst. Die Form verleiht der Leuchte ihren Namen und erinnert unweigerlich an ein süßes Gebäck und an Koldovas Liebe zu Paris.

„Da es ein Naturstein ist, haben wir keinen Einfluss auf die Struktur der Adern im Stein“, meint sie, nicht bedauernd, sondern fasziniert. Diese Sinnlichkeit gehört zu ihrer Handschrift. Ihr Antrieb ist die Freude am Ausloten und neu Interpretieren. So nimmt sie selbst die Geburt ihres Kindes nicht als Anlass für eine Pause – im Gegenteil: „Mit der Mutterschaft entsteht eine neue Betrachtung im Leben einer Frau. Pure Instinkte und endlose Liebe“, heißt es zur Kinderwiege Nut, die Lucie Koldova im vergangenen Jahr gestaltet hat. Abseits von Leuchten hat die Designerin darüber hinaus zuletzt einen handgewebten Teppich für Chevalier édition entworfen. Brush basiert auf simplen, abstrakten Handzeichnungen – Linien, die Teil einfacher Skizzen zu sein scheinen.

Lucie Koldova mit einem Modell ihrer Installation  für die immcologne.

Für die imm cologne 2018 gestaltete Lucie Koldova 2018 als Ehrengast die Sonderfläche Das Haus – Interiors on Stage, wo sie ihre persönliche Wohnvision vorgestellt hat: eine Komposition aus Licht, Materialität und Emotionalität. Ihr Spiel mit Tradition erreicht damit eine neue Ebene. Endlich ein Strahlen aus dem oft unterschätzten östlichen Teil Europas: eine Meisterin, die altes Handwerk in die heutige Zeit überträgt.

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