Brennen fürs Design

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Text: Claudia Simone Hoff


Ein verlassener Bahnsteig mitten im waldigen Nirgendwo: Kaum zu glauben, dass man sich an einem quasi heiligen Ort der finnischen Designgeschichte befindet. Knapp zwei Zugstunden nördlich von Helsinki liegt die Glasfabrik von Iittala im gleichnamigen Städtchen. Hier werden seit 130 Jahren Ikonen aus Glas produziert: von Designern wie Kaj Franck, Timo Sarpaneva, Tapio Wirkkala oder Harri Koskinen. Um zu sehen, wie die berühmte Vase Savoy von Alvar Aalto entsteht, ist Designlines zur Produktionsstätte gereist.


Die Geschichte der finnischen Glasherstellung im letzten Jahrhundert geht einher mit  tiefgreifenden gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen – und ist gleichzeitig eingebettet in die allgemeine Designgeschichte. Für die Finnen ist Glas weit mehr als ein Gebrauchsobjekt, wie die Zeitung Hämeen Sanomat schreibt: „Glas ist in Finnland mit einem starken Gefühl der nationalen Identität, Schönheit und einer Prise Mystik versetzt.“

Reise durch die Geschichte des Glasdesigns

Um etwas über die Geschichte der Glasherstellung zu erfahren, geht es vor der Werksbesichtigung in das altmodische Unternehmensmuseum von Iittala. Hier sind neben Prototypen, nicht mehr produzierten oder nie in Produktion gegangenen Entwürfen, auch handwerklich anspruchsvolle Einzelanfertigungen versammelt. Jeder, der die aktuelle Kollektion des Herstellers kennt, hat vor den gläsernen Ausstellungsvitrinen ein veritables Aha-Erlebnis. Und zwar deshalb, weil die Anfänge von Iittala seit der Eröffnung des Glaswerks im Jahr 1881 so ganz anders sind als die heute verkauften, formal reduzierten Entwürfe eines Kaj Franck, Harri Koskinen oder Alfredo Häberli.

Ein Ausstellungsparcours führt den Besucher über pharmazeutische und Haushaltsprodukte  mit anonymen Modellen aus der Entstehungszeit des Unternehmens über wuchtige Pressglasbecher mit folkloristischen Motiven vom Beginn des 20. Jahrhunderts zu üppigen Kristallkollektionen mit aufwendigen Schliffen aus den Zwanzigern. Es waren schließlich die dreißiger Jahre, als mit der Glasserie Bölgeblick von Aino Aalto und der Vase Savoy ihres Ehemanns und Arbeitspartners Alvar Aalto die gestalterische Erfolgsgeschichte von Iittala ihren Anfang nahm. Frühzeitig hatte man im Unternehmen die Wichtigkeit der originären Entwürfe von Künstlern und Designern für die Produktentwicklung erkannt. Richtig Fahrt in Richtung Erfolg nahm Iittala in den Vierzigern und Fünfzigern mit Gestaltern wie Kaj Franck, Tapio Wirkkala und Timo Sarpaneva auf. Letzterer ist auch verantwortlich für den Entwurf des berühmten „i“-Logos. Das Dreigespann experimentierte mit neuen Formen, Farben und Herstellungstechniken, wobei die Produktentwicklung im Unternehmen erstmals systematisch geplant wurde. Vor allem die Präsentation der bahnbrechenden Kreationen auf weltweiten Ausstellungen, insbesondere der Mailänder Triennale, verhalf ihnen zum Durchbruch in der Welt des Produktdesigns. Fortan wurden die Produkte von Iittala als Synonym für skandinavisches Design schlechthin verstanden

In der Glasfabrik

Nach der Stippvisite im Museum neugierig auf die Herstellung dieser Designikonen geworden, führt der Weg hinüber zur Glasfabrik, die von außen recht unscheinbar wirkt. Neben der Maschinenproduktion von Pressglaserzeugnissen wie den Serien Bölgeblick von Aino Aalto und Kartio von Kaj Franck findet hier auch die Fertigung mundgeblasener Produkte wie Ultima Thule von Tapio Wirkkala, Claritas von Timo Sarpaneva und eben Savoy von Alvar Aalto statt – während die limitierten Kunstobjekte von Iittala im benachbarten Nuutajärvi gefertigt werden. Der Anteil von automatisierter Produktion und mundgeblasenen Objekten ist etwa gleich hoch. In der Glasfabrik in Iittala arbeiten dreißig hochspezialisierte Glasbläser – vor einer Hintergrundkulisse aus tosenden Maschinen, brennenden Öfen und ratternden Förderbändern. Einige der Glasbläser stammen aus Familien, die bereits in vierter Generation für Iittala tätig und stolz auf ihre Arbeit sind – wie einer von ihnen in der zugigen Halle erzählt.  Auch wenn die Glasbläserei ein traditionell männliches Handwerk ist – seit Beginn des 20. Jahrhunderts erlernen es zunehmend auch Frauen.

Produktion einer Designikone

Donnerstag ist der Tag, an dem das wohl berühmteste Stück von Iittala gefertigt wird: die Vase Savoy. Benannt ist sie nach dem gleichnamigen Restaurant in Helsinki, wo sie erstmals zum Einsatz kam, nachdem sie 1937 auf der Pariser Weltausstellung vorgestellt wurde. Zu den Produktionszahlen gibt Iittala zwar keine Auskunft, aber so viel ist klar: Die wellenförmige Vase ist ein Verkaufsschlager seit sie 1953 in Serienproduktion ging. Man kann beinahe sagen: Denkt man an Iittala, dann zuallererst an dieses Stück. Hervorgegangen ist der Entwurf aus einem Wettbewerb, den das Glaswerk 1936 ausgelobt hatte. Designwettbewerbe wurden in der finnischen Glasindustrie seit jeher als geeignetes Instrument verstanden, um bestehende Kollektionen zu erweitern. Aaltos Idee: eine Vase mit einer organischen Form zu entwerfen, die durch Lichtreflexionen Lebendigkeit ausstrahlt.  

In einem separaten Teil der Fabrik also kann der Besucher den Glasbläsern zusehen, wenn ein kleiner Klumpen aus geschmolzenem Glas durch einfaches Blasen immer größer und transparenter wird, ehe er scheinbar mühelos in eine Form mit der für die Vase so typischen Wellenlinie eingebracht wird. Waren die Gussformen in den Anfangsjahren noch aus Holz gefertigt, bestehen sie nun aus Stahl. Dieser ist zwar haltbarer als Holz und kann als Form beliebig oft genutzt werden, doch hinterlässt er dafür auf der Glasoberfläche nicht die charakteristischen „Schlieren“ der Holzstruktur.

Beobachtet man die Glasbläser und ihre Helfer, wird schnell klar: Qualität wird groß geschrieben bei Iittala. Und so landet fast jede zweite Vase mit einem lauten Scheppern in den bereitgestellten Metallcontainern. Zuvor hat eine Arbeiterin sie mit einem langen Metallstab aus der Form herausgenommen und nach Fehlstellen wie Lufteinschlüssen abgesucht. Exemplare, die es durch die strenge Qualitätskontrolle schaffen, gelangen über ein Transportband quer durch die Fabrik zum Schleifer. Fast banal wirken die neben ihm auf Paletten aufgestapelten, noch unfertigen Vasen – bedenkt man, welchen Ehrenplatz sie im heimischen Wohnzimmer zuweilen einnehmen. Der Schleifer jedenfalls legt die in ihrer Form bereits gut erkennbare Vase erst in ein maschinelles Schleifgerät und bringt das fragile Stück anschließend in aufwändiger Handarbeit in ihre endgültige Form. Verpackt von vierzig helfenden Händen, gelangen die fertigen Vasen in Iittala-Läden in aller Welt. Und von dort machen sie sich auf die Reise auf Couchtische, Vitrinen und Regale. 


Buchtipp

Marianne Aav und Eeva Viljanen (Hrsg.):
Iittala. 125 years of finnish glass. Complete history with all designers.
Designmuseo Helsinki 2006.


Unser Special zur World Design Capital Helsinki 2012 finden Sie hier.

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