British Wow! Bompas & Parr

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Text: Claudia Simone Hoff, 26.06.2017

Sam Bompas und Harry Parr sind begnadete Geschichtenerzähler. Das Ergebnis ihrer überbordenden Fantasie: sensorische Happenings, die zwischen Kunst und Kitsch changieren. Wir sind eingetaucht in die fabelhafte Welt der beiden exzentrischen Briten – mit dabei: Götterspeisen, Alkoholschwaden und Bananenkonfetti.

Alles fing damit an, dass Harry Parr Prinz William in Eton einen Toast mit Bohnen servierte. So jedenfalls erzählt man es sich. Im englischen Nobelinternat war es auch, wo er Sam Bompas traf. Beide hegten schon als Schüler eine geradezu fanatische Begeisterung für Nahrungsmittel und gaben viel Geld für Restaurantbesuche aus. Was damals noch niemand ahnen konnte: Hier wurde der Grundstein für ihren späteren Erfolg gelegt. Heute mischen Architekt Harry Parr und Sam Bompas, der Geografie studiert und im Marketing gearbeitet hat, die Kunst- und Kulturszene auf.

Die Verführer
Bompas & Parr sind genau so, wie man sich Engländer gemeinhin vorstellt: extravagant, geistreich, humorvoll, so wie auch ihre Happenings, die irgendwo zwischen Hoch- und Alltagskultur angesiedelt sind. Alle Projekte sind Unikate – entwickelt für einen bestimmten Ort, für einen bestimmten Anlass, für eine bestimmte Marke. Unter ihren Auftraggebern finden sich kulturelle Institutionen wie die Serpentine Gallery, das Victoria and Albert Museum oder das Whitney Museum of American Art, aber auch Unternehmen wie Louis Vuitton, Unilever, Johnnie Walker und Mercedes-Benz. Wenn das Duo für Marken arbeitet, sollen ihre Arbeiten immer auch etwas verkaufen, meist ein Produkt oder ein Image. Sam Bompas glaubt zwar nicht, dass allein durch ihre konzeptionellen Happenings der Verkauf angekurbelt wird, aber „unsere speziellen Architektur- und Designtechniken verleihen den Produkten ein Narrativ, das neugierig macht“. Es geht bei ihren Markeninszenierungen also vor allem um die Kontextualisierung eines Produkts, um die Schaffung eines bestimmten Bildes. „Eine Götterspeise in Form der St. Paul’s Cathedral zieht uns einfach mehr in den Bann als ein Dessert, das in einer einfachen Schale serviert wird“, erklärt Bompas.

Jelly Parlour of Wonders, Foto: Ann Charlott Ommedal

Womit wir bei einem Lieblingsthema von Bompas & Parr wären, dem Wackelpudding, im Englischen „jelly“ genannt. Vor mehr als zehn Jahren hätte der Wackelpudding die Karriere der beiden allerdings beinahe beendet, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Denn niemand interessierte sich für ihre Götterspeisen, wie sich Bompas schmunzelnd erinnert. Abgehalten von ihrem Tun hat das die beiden glücklicherweise nicht, im Gegenteil: Wackelpudding ist zu einem Synonym für ihre Arbeiten geworden. Das exzentrische Duo weiß inzwischen sehr genau, wie Verführung geht. Im letzten Jahr beispielsweise eroberten sie die heiligen Hallen der Food Hall im Londoner Kaufhaus Harrods mit dem Jelly Parlour of Wonders. In den Verkaufsvitrinen standen aufgereiht: kunterbunte Wackelpuddings in so extravaganten Geschmacksnoten wie Johnnie Walker Gold Reserve Whisky mit Himbeeren, abgefüllt in 3D-gescannten Backformen aus einem englischen Schloss des 19. Jahrhunderts. „Wackelpudding ist extrem vielseitig, man kann ihn in eigentlich jede erdenkliche Form bringen“, begründet Harry Parr seine Vorliebe.

Disziplinenhacker
Ihren Projekten voraus geht immer eine fundierte Recherche, erzählt Sam Bompas bei einem Treffen in Taipeh. Bompas & Parr hatten anlässlich des World-Design-Capital-Jahres das Projekt Sausage Social entwickelt. Es zeigt geradezu exemplarisch, wie sie vorgehen: als Disziplinenhacker. Denn fast alle Projekte sind interdisziplinär angelegt, bewegen sich spielend zwischen Kunst, Architektur, Experience und Food Design. Das ist extrem aufwendig und arbeitsintensiv, weswegen im Londoner Studio ein Team von Designern, Architekten, Technikern, Köchen und Musikern arbeitet. Und natürlich gibt es dort eine große Versuchsküche, wo auch mit den geschmacks­intensiven Snacks für die Installation in Taiwan experimentiert wurde. In Taipeh erwiesen sich Bompas & Parr erneut als Meister der Inszenierung, es ging buchstäblich um die Wurst: als verbindendes Element zwischen Taiwan, England und dem europäischen Kontinent, um die Wurst als Kultur und soziale Aktion und um das, was man mit der Wurst alles machen kann. An temporären „Marktständen“ eines imaginären Nachtmarktes konnte man Streetfood der etwas anderen Art probieren: Bubble Sausage Tea, Eiskugeln mit Wurstgeschmack, einen Reiswein-Shot, der in „Gläsern“ aus Schinkenscheiben serviert wurde. Von den improvisierten Buden hingen mit dem Label Bompas & Parr gebrandete Würstchen herab, und eine leuchtende Erdkugel spielte die Sausage Symphony des Komponisten Dom James.

Alcoholic Architecture Bar: Heavenly Tonics, Foto: Ann-Charlott Ommedal

Wie technisch ausgefeilt, wissenschaftlich fundiert und immer auch sinnlich ihre Ideen umgesetzt werden, zeigt Alcoholic Architecture, eine begehbare Alkohol-Aerosol-Wolke. Dafür verwandelten Bompas & Parr die Kellerräume des berühmten Londoner Bo­rough Market in eine Pop-up-Bar. Eine gute Stunde verweilten die in Plastikcapes gewandeten Besucher in der Wolke, inhalierten den Alkohol und hatten vielleicht noch das ein oder andere zusätzliche Glas in der Hand. Ähnlich sinnlich und geschmacksintensiv, jedoch weit spektakulärer war das erste multisensorische Feuerwerk der Welt, das Bompas & Parr am Ufer der Themse in der Silvesternacht vor vier Jahren inszenierten. Zur Freude der Besucher fielen vom Londoner Nachthimmel: mit Apfel- und Kirschgeschmack getränkte Nebelwolken, Pfirsichschnee, Feuerwerkskörper mit Erdbeeraroma und essbares Bananenkonfetti. Die Geschmacksrichtungen waren übrigens kulturübergreifend konzipiert, koscher und halal, so dass jeder sie verstehen, schmecken und sich mit ihnen identifizieren konnte.

Fantasiebesessene
Künstler, Food Designer, Provokateure, Wissenschaftler oder clevere Brand Manager – Bompas & Parr lassen sich nicht festlegen. Kunst und Marketing sind für sie kein Widerspruch. Ein frischer und kluger Blick auf schon immer Dagewesenes, das Ausloten kreativer Grenzen, das überraschende Zusammenbringen verschiedener Kontexte ist die Essenz ihrer Arbeit. Wer aufgrund der Vielzahl von Projekten und illustren Auftraggebernamen allerdings glaubt, Sam Bompas und Harry Parr hätten in ihrem jungen (Arbeits-)Leben schon alles gesehen und gemacht, der irrt. Beide sprühen nur so vor Ideen, lieben es, durch die Welt zu reisen, Menschen und Dinge zu entdecken, Aufgestöbertes in neue Projekte umzusetzen. Dabei haben sie sich eine geradezu kindliche Begeisterung und Neugierde bewahrt. Auf die Frage, welche Fantasien ihm gerade im Kopf herumschwirren, antwortet Bompas: „Ich bin geradezu besessen von der Idee, die Beisetzungsfeier der Queen zu kuratieren. Der Tod fasziniert mich, seine Gestaltung, die Merchandising-Möglichkeiten.“ Well, Bompas & Parr haben sich noch nie von ihren großen Plänen abhalten lassen.

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