Bukolische Dandys und grillende Sportwagen

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Text: Norman Kietzmann


Bisher sind die Regeln klar verteilt: Die Männer stehen am Grill und die Frauen machen den Salat. Ein Rollentausch unmissverständlich ausgeschlossen. Grillen ist eine Zeremonie, die festen, einstudierten Mustern gehorcht. Als eine der letzten verbliebenen Männerdomainen rückt nun auch der Grill immer stärker in den Fokus des Designs, das mit technischen Raffinessen und Anleihen aus dem Profibereich um die Gunst der Kunden wirbt. Dennoch mehrt sich dabei ein leiser Verdacht: Ist der Designergrill tatsächlich noch für den Mann?


Ein Grillabend ist immer auch eine Reise zu uns selbst zurück. Zu den Ursprüngen vor der Zivilisation, als die Rollen zwischen den Geschlechtern noch klar verteilt waren. Der Mann entfacht das Feuer, um darauf die (heute allerdings nicht mehr selbst erlegte) Beute zu erwärmen, während die Frauen wieder zu Weibchen werden, die sich lautstark über alle Formen von Insekten, Spinnen und sonstigem Krabbeltier beschweren dürfen, die zu jeder Grillparty im Freien naturgemäß dazugehören. Auch wenn die Rituale des Grillens bis heute in keinem Regelwerk präzise formuliert wurden, haben sie dennoch stets den Sprung von einer Generation zur nächsten geschafft. Sie wurden sehend gelernt.

Die Gewissensfrage

Gerüttelt wurde an den Grundfesten des Grillens dagegen an ganz anderer Stelle: der nach traditionellem Muster vollkommen undenkbaren Frage, was eigentlich auf den Grill darf und was nicht. Nirgendwo sonst treffen die Fronten zwischen Fleischessern und Vegetariern härter aufeinander als hier. Es geht um Grundsätzliches. Für beide Seiten. Führt der Wettkampf zwischen beiden Fraktionen nicht selten zu einem offen ausgetragenen Disput unter der Grillgesellschaft, sind dem Grill an sich solche Fragen überaus egal. Der Umstand, dass er fast ausnahmslos von Männern bedient wird, jedoch nicht ganz. Geriet bereits in den vergangenen Jahren die Küche immer stärker in den Fokus des Designs, das mit einer betont technischen und kühlen Formensprache die Männer zur Zielgruppe erklärte, findet diese Entwicklung nun ihre Fortführung auf dem Gebiet der Grills. Erstaunlich ist, dass bisher die großen Küchenmarken selbst noch zögern, mit eigenen Grill-Designs auf den Markt zu kommen und die Entwicklung eher einer Vielzahl kleinerer Quereinsteiger überlassen.

Die Ausweitung der Kochzone

Und so gibt der Mailänder Designer Piero Lissoni auch nicht sein Debüt als Grilldesigner bei Boffi, für die er seit 1985 als Art Director einen Großteil der Küchen und Bäder konzipierte, sondern für die erst seit drei Jahren im Küchenbereich aktive Firma Alessi. Vorgestellt auf der Mailänder Möbelmesse 2009 wurde der Grill ganz bewusst als eine mobile Fortsetzung der Küche präsentiert. Wie ein Koffer kann er als kompakte, geschlossene Box transportiert werden und wartet mit ungewöhnlichen Extras wie einem in den metallenen Rahmen eingelassenes Schneidebrett aus Holz auf. Piero Lissoni, der sein Barbecue vor allem in den Händen von „Landköchen, Erforschern des Geschmacks, die Welt umreisenden Gourmets, bukolischen Dandys und Liebhabern des Lebens im Freien“ sieht, ist sich seinem Gespür für klare, einfache Formen treu geblieben und hat auf einen allzu protzigen Gestus verzichtet. Ausgestattet mit einer speziellen Regulierung der Zuluft kann der Deckel während des Grillens geschlossen werden, wodurch der Garprozess deutlich schonender wird. Neben der klassischen Version als Holzkohlegrill steht auch eine Variante mit Gas zur Verfügung.

Rolls-Royce unter den Grills

Bewegt sich Piero Lissonis „Barbicù“ mit 549 Euro für die Basisversion noch in einem moderaten preislichen Rahmen, verdient den Titel des Rolls-Royce unter den Grills das Modell „Cactus Jack“, das je nach Ausstattung bis zu 70.000 Euro kosten kann. Dafür bekommt der Kunde auch zwei separate Grillkammern mit patentierten Rußpartikelfilter, einen Fettabtropfbehälter, eine Fisch-Keramikplatte, eine Gemüseschale, spezielle „Cactus Jack Lederhandschuhe“ sowie eine Koch- und Bedienungsanleitung mitgeliefert. Diese scheint er auch zu brauchen, lassen sich durch die Größe der Grillkammern die jeweiligen Temperaturen je nach Menge und Position der Grillkohle überaus präzise regulieren, während verschließbare Deckel zusätzlich einen schonenden Garprozess garantieren. Macht der Preis tatsächlich schon so manchem Sportwagen Konkurrenz, wirkt der „Cactus Jack“ dagegen von seiner Gestalt so plump als wäre er aus alten Ofenrohren eigenhändig zusammengeschustert. Dennoch konnte er einige prominente Fürsprecher für sich begeistern, darunter Sterneköche wie Eckhart Witzigmann oder Kolja Kleeberg, die vor allem die Präzision der Zubereitung zu schätzen wissen.

Neue Adressaten

Doch darin liegt zugleich auch das Problem: Denn gehört beim Grillen nicht auch eine Portion Risiko dazu? Darf Fleisch nicht auch mal anbrennen oder der Rauch in unvorhersehbare Richtungen wehen? Und vor allem: Wo bleibt bei dieser gebändigten, domestizierten Variante des Grillens eigentlich noch der Spaß? Dürfen Grills, die mit (rauchfreiem) Gas oder – schlimmer noch – per Strom betrieben werden, überhaupt als Grill bezeichnet werden? Vielleicht ist diese Entfernung von den Ursprüngen der Grillkultur aber auch gewollt, und hinter den von Piero Lissoni erwähnten „Erforschern des Geschmacks“ verbergen sich vor allem jene, die bisher beim Grillen von vornherein disqualifiziert wurden: Frauen. Männer, die sich dem Ritual als würdig erweisen wollen, sollten dagegen auch heute noch den Grilltest mit der Sechs-Euro-Variante von der Tankstelle bestehen können. „Cactus Jack“ kommt später. 


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