Claesson Koivisto Rune: zwischen lagom und aimai

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Text: Franziska Horn

Schwedens international anerkanntestes Architekturbüro feiert Jubiläum: Seit 25 Jahren setzen Claesson Koivisto Rune Trends in Architektur und Produktdesign. Ein Gespräch über Qualität, schwedische Gelassenheit und die Faszination für Japan. 

Wenn Anfang Februar in Stockholm die Möbelmesse mitsamt Design Week über die Bühne geht, wird die Stadt zum Epizentrum für Design-Profis aus aller Welt.  An einem kalten Donnerstag 2020 sammeln sie sich jenseits des Messegeländes Stockholmsmässan, jenseits von Östermalm mit seinen Style-Adressen, in einer kleinen Buchhandlung in der Åsögatan. Hier in Södermalm, im Szeneviertel SoFo, liegt die Kunstbuchhandlung Konstig. Der Anlass ist ein Grund zur Freude: Schwedens bekanntestes Architektentrio Claesson Koivisto Rune feiert sein 25-jähriges Bestehen mit einem 400-Seiten starken Jubiläumsband namens „Architects“ mit über 70 Architekturprojekten. Die Liste der Preise und Auszeichnungen von CKR ist lang, ganze 21 biografische Publikationen gibt es bereits – und nun eine mehr: Drei Jahre Arbeit stecken in dem Buch.

Unter den Anwesenden sticht eine Person besonders heraus: Eero Koivisto, rund einen Kopf größer als der Durchschnitt, freut sich über bekannte und neue Gesichter, verteilt Gastrotipps an gute Freunde – und antwortet zwischendurch auf Fragen interessierter Journalisten. Zum Beispiel über die schwedisch-japanische Gegenliebe in Sachen Design und Gestaltung. Schließlich haben CKR gerade erst das K5 Hotel fertig gestellt, außerdem mit dem japanischen Kunsttischler Sasimonokagu Takahashi eine kleine, feine Holzmöbelkollektion für den Tokyo Craft Room im Hamacho-Hotel präsentiert. Die Herausforderung bei dem Entwurf der Tische und Bänke der Serie lag darin, das gesamte handwerkliche Können von Takahashi zu zeigen. Denn die einzelnen Komponenten – Tischplatte und Seitenteile –  verjüngen sich zu den Enden hin, sodass sie am Rand nur noch wenige Millimeter dick sind. Dieses Abflachen beginnt jeweils schon in der Mitte eines jeden Elements, sodass sich keine wirklich ebenen Flächen ergeben. Alle Oberflächen sind leicht konvex, was sich leichter durch Erfühlen als durch Sehen feststellen lässt. Statt harter Ecken verfügen die Möbel über sanfte Rundungen, alle strikten Linien werden vermieden.

Was macht sie nun aus, die Faszination für die Kultur Japans? „Wir besuchen das Land schon seit 1992, seit wir an diversen Stipendien teilnahmen", sagt Eero Koivisto. „Zu dritt waren wir sicher an die hundert Mal dort. Die Kultur ist wirklich spannend und die Haltung zu Qualität unübertroffen. Die dortige Auffassung von Harmonie und „aimai“ ist wirklich inspirierend für uns!" Aimai? „Damit ist Mehrdeutigkeit gemeint. Die Dinge können sich ändern und zu einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort, eine andere Bedeutung haben." Im fernen Osten wiederum schätzt man die nordische Gelassenheit und Ausgeglichenheit, die das schwedische Wort „lagom" einfängt: nicht zu viel, nicht zu wenig. „Die Japaner mögen skandinavisches Design – und umgekehrt. Obwohl es einige Unterschiede gibt, wenn du genauer hinsiehst. Aber wir teilen die Nähe zur Natur und einen ‚warmen Minimalismus', auch wenn wir ihn von verschiedenen Ansätzen her begreifen."

Wie wirkt sich nun aber „aimai" im Objektdesign wie in der neuen Holzkollektion aus? „“Aimai“ bedeutet etwas Positives. Es bedeutet, dass ein Restaurant auch ein Blumenshop sein kann, dann wieder ein Café oder später am Abend eine Weinbar. Für die Möbelserie heißt es, dass die Formen natürlich definiert sind, aber die Sitzbank in einem anderen Kontext auch ein Tisch sein kann." Erst vor wenigen Tagen hat das K5 Hotel in Tokio eröffnet – dafür hat CKR eine Bank aus den Zwanzigerjahren in ein zeitgenössisches Gästehaus umgewandelt, deren Räume ihren Charakter im Laufe des Tages ändern können: Die Rezeption ist zugleich Coffeeshop, der schließlich zur Weinbar wird.

Auch für vier sehr unterschiedliche Hotels in Bergen in Norwegen haben die drei Schweden Fassaden, Interior und Möbel entworfen. Auftraggeber ist De Bergenske – eine ortsansässige Familie. Eine Ausstellung in der Norwegischen Botschaft in Stockholm würdigt derzeit die komplexe Arbeit an den teils denkmalgeschützten Gebäuden. Es scheint, als ob CKR ganz ungezwungen mit leichter Hand zwischen Architektur und Produktdesign wechselt. „Ob das wirklich einfach ist, sei dahin gestellt“, sagt Eero Koivisto. „Wir arbeiten nun 25 Jahre zusammen und sind immer noch enge persönliche Freunde. Seit dem ersten Tag an der Uni Stockholm tauschen wir uns ständig aus, über Kunst, Architektur, Design und alles, was damit in Verbindung steht. Das ist sehr lohnend und wichtig und wohl der Grund, dass wir noch immer miteinander arbeiten – und mit einem starken Team von Mitarbeitern. Und: Wir wollen immer besser werden.“ Was das bedeutet, werden wir auf dem Salone del Mobile sehen, wo CKR neue Entwürfe für italienische Labels vorstellen werden. Daneben sind private Wohnbauten in Schweden und Uruguay im Entstehen.

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