Concorso d'Eleganza 2019: Von Elvis bis Karajan

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Text: Norman Kietzmann

Ende Mai treffen sich Autoenthusiasten und Sammler zum Concorso d’Eleganza. Auch diesmal sind Preziosen der Automobilkultur aus der ganzen Welt an den Comer See gebracht worden, um vom fachkundigen Publikum bestaunt zu werden. Als Parameter für Schönheit gilt nicht nur die Stromlinie. Auch skurrile Konstruktionen oder die Prominenz ihrer Vorbesitzer spielen in die Bewertung hinein. 

Wer sich nach draußen begibt, wird manchmal nass. Genau so erging es den Teilnehmern des Concorso d’Eleganza am vergangenen Wochenende. Der Wettbewerb automobiler Schönheit feierte in diesem Jahr sein 90. Jubiläum unter dem Motto The Symphony of Engines. Als am Samstag das erste Fahrzeug zur Parade auf die Terrasse des Grand Hotel Villa d’Este rollte, begann es Bindfäden zu gießen. Doch wirkliche Autofans ließen sich davon nicht beirren und verfolgten das Geschehen unter Schirmen und eilig aufgebauten Zelten. 

Pfeilschnelle Form
Eleganz auf Rädern wird einmal mehr nach aerodynamischer Effizienz bemessen. Sowohl der Jury- als auch der Publikumspreis gingen an einen Alfa Romeo 8C 2900B aus dem Jahr 1937. Die von der Carrozzeria Touring Superleggera entwickelte Karosserie zeigt eine in die Länge gezogene Tropfenform. Dank eines Leichtmetall-Reihenachtzylinders konnte der windschnittige Bolide auf über 200 km/h beschleunigen, was ihn zum schnellsten für die Straße zugelassen Auto seiner Zeit machte. Für 17,6 Millionen Euro hat der US-amerikanische Sammler David Sydorick den Wagen auf einer Auktion im vergangenen Jahr erstanden und bereits den Concours d’Elegance in Pebble Beach 2018 gewonnen. Mit dem Doppelsieg am Comer See dürfte der Wert weiter deutlich steigen. 

Wie das Streben nach Effizienz mit einem Hang zur stilistischen Exzentrik gepaart wird, zeigt ein ebenso viel beachtetes Fahrzeug auf diesem Oldtimer-Treffen am Comer See: der Ferrari 512S Modulo aus dem Jahr 1970. Der vom Pininfarina umgesetzte Entwurf stammt von Paolo Martin und basiert auf zwei flachen Muschelhälften, die gespiegelt übereinander liegen und von einer schmalen Furche auf Distanz gehalten werden, in die die Blinker und Rücklichter eingelassen wurden. Als Inspiration soll ein Telefon von Olivetti gedient haben, bei dem Ober- und Unterseite ebenfalls aus identischen Schalen konstruiert wurden. Erst 2018 ist der nur 93 Zentimeter hohe Wagen mit einem Motor bestückt worden – und so vom reinen Schauobjekt in ein Fahrzeug verwandelt worden.
Rollenden Transparenz
Ein richtungsweisendes Konzept ist vom Ford-Designer Alex Tremulis und Erfinder Tom Summers 1967 ersonnen worden: Ein offener Einzelsitzer, der nur die halbe Breite eines gewöhnlichen Autos einnimmt. Das Duo wollte damit die Kapazitäten der Straßen besser auszunutzen und Staus entgegenwirken. Gyro-X, so der Name des Prototypen, besitzt nur zwei statt vier Rädern und wird durch einen Kreiselstabilisator vor dem Umfallen bewahrt. Für die Serienfertigung erwies sich das Verfahren als viel zu aufwändig, sodass es lediglich bei diesem Exemplar blieb: dem bis heute einzigen Automobil mit einer funktionierenden Balance-Technik. 

Ein weiterer Publikumsliebling ist der Lamborghini Marzal. Das Viersitzer-Coupé wurde 1967 auf dem Genfer Automobilsalon vorgestellt und überrascht nicht nur mit seinen silbrig glänzenden Bezügen. Die beiden Flügeltüren werden mithilfe von Zugfedern geöffnet, die hinter dem Motor liegen und mit Stahlseilen verbunden sind. Sowohl die Dach- als auch die Seitenpartien der Flügeltüren sind mit ungewöhnlich großen Fenstern ausgestattet, die dem Innenraum die Transparenz eines Aquariums verleihen. Der Entwurf stammt von Marcello Gandini, der bereits als 28-Jähriger das Designstudio von Bertone in Turin leitete und auf diesem Concorso d‘Eleganza mit einem weiteren Entwurf gefeiert wurde: dem BMW Garmisch.
Hommage an den Meister
Das 1969 von Gandini entworfene Konzeptfahrzeug galt nach seiner Premiere auf dem Autosalon in Genf als verschollen. Einer, der den Wagen von alten Aufnahmen kannte, ist Adrian van Hooydonk. „Marcello Gandini ist für mich einer der Großmeister des Automobildesigns, und seine Entwürfe waren schon immer eine wichtige Inspirationsquelle für meine Arbeit“, sagt der BMW-Designchef. Das Fahrzeug ist nach den Originalplänen in allen Details neu konstruiert worden. Ein typisches Gandini-Stilelement ist die wabenförmige Sonnenschutzblende über der Heckscheibe sowie die Lufteinlässe in der C-Säule. Eine Serienfertigung ist nicht geplant. Stattdessen soll das Fahrzeug in Ausstellungen und Museen gezeigt werden und ein eher unbekanntes Kapitel in der Designhistorie von BMW beleuchten.  
Stunde der Narration
Genauso spannend wie die Fahrzeuge sind manchmal auch ihre Besitzer. So ist ein 1955er Ferrari 250 GT Competizione zu sehen, von dem nur eine Handvoll Exemplare gebaut wurden. Die Form beruht auf jenem 375 MM Speciale, den Regisseur Roberto Rossellini für seine Frau Ingrid Bergmann anfertigen ließ. Mit seinem Vorbild teilt er nicht nur die Heckpartie mit ungewöhnlich langgezogenen Flügeln, sondern ebenso die eigens für die Diva angefertigte Sonderlackfarbe „Grigio Ingrid“. Eine separate Aussteller-Klasse widmet sich allein der Musik. Dort ist ein 1957er BMW 507 zu sehen, den Elvis Presley 1958 von der Bayernmarke geschenkt bekam, als er seinen Militärdienst in Deutschland angetreten hat. Angeblich ließ er ihn zwischenzeitlich von weiß auf rot umlackierten, weil ihm die Lippenstift-Botschaften seiner weiblichen Fans missfielen. 1960 nahm er den Wagen mit in die USA, wo er schließlich durch mehrere Besitzerhände ging und 2007 in einer Scheune wiederentdeckt wurde. 
Elton John und Herbert von Karajan
Auch Elton John ist ein bekennender Autonarr, der vor allem auf britische Fabrikate setzt. 1985 bis 2001 fuhr er einen Aston Martin V8 Vantage, dessen 5,3 Liter-Motor ihm allerdings nicht ausreichte, sodass er von Aston-Martin-Tuner RS Williams einen V8 Motor mit sieben Liter Hubraum einbauen ließ. Das jüngste auf dem diesjährigen Concorso d’Eleganza vorgestellte Auto ist ein 1988er Porsche 959, der Herbert von Karajan gehörte. Der Dirigent war ein großer Sportwagenfan und nannte auch einen Ferrari 275 GTB oder einen Mercedes-Benz 300 SL sein eigen. Vom 959er sind nur 300 Exemplare gebaut worden. Karajan besaß das einzige in jener knallroten Farbe, die man für gewöhnlich mit einer anderen Automarke in Verbindung bringt: Ferrari. Dass sich der einstige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker das seinerzeit schnellste Serienauto der Welt mit 80 Jahren zulegte, zeigt einmal mehr: Automobile Leidenschaft ist nicht nur beim Concorso d’Eleganza alterslos. 

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