Concorso d’Eleganza: Disko am Lago

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Text: Norman Kietzmann

Seit 1929 werden in der Villa d’Este am Comer See zum Concorso dEleganza die weltweit schönsten und elegantesten Autos prämiert. Auch wenn die Diven der fünfziger und sechziger Jahre ihre Vormachtstellung weiterhin verteidigen konnten, wurde diesmal ein Themenschwerpunkt auf die Siebziger gelegt. Selbst einige Konzeptfahrzeuge schwelgten im Look der Diskojahre und traten den Beweis an, dass Spoiler durchaus elegant sein können.  

Automobilsalons sind ein stilistischer Alptraum. In stickigen Hallen bewegen sich zumeist männliche Besucher in unförmigen Anzügen über überfüllte Stände – besessen von der Idee, die vor ihnen stehenden, rollenden Skulpturen allein durch Chiffren beschreiben, geschweige denn begreifen zu können. Der Concorso d’Eleganza ist das genaue Gegenteil: Seit 1929 trifft sich im Grand Hotel Villa d’Este ein erlesenes Publikum, aber nicht, um Hubraum oder Pferdestärken zu vergleichen. Vor der Kulisse des Comer Sees wird ein Wettstreit um pure Eleganz ausgetragen, bei dem technische Merkblätter im Handschuhfach bleiben.

Kraft des Ortes
Der Ablauf des ältesten Oldtimer-Treffens erfolgt nach einer festgelegten Prozedur: Nach einem Eröffnungsdinner am Vorabend werden die Fahrzeuge am ersten Tag geladenen Gästen in der Villa d’Este präsentiert. Auf den Rasenflächen am Seeufer stehen die vierrädrigen Preziosen dicht gedrängt, um am Nachmittag eine Parade auf der Sonnenterrasse des 1873 eröffneten Hotels zu absolvieren. So intim und exklusiv dieses Zusammentreffen zelebriert wird, so weit öffnet sich der Concorso d’Eleganza am zweiten Tag der Öffentlichkeit mit einer Ausstellung und Parade im Garten der Villa Erba, in der Luchino Visconti einst seinen Lebensabend verbrachte. Der Charme dieses Treffens liegt im Zusammenspiel aus Thema und Ort: Wenn elegante Fahrzeuge in eleganter Kulisse von eleganten Gästen begutachtet werden, werden selbst Automuffel in den Bann gezogen. Wer dennoch für einen Moment von all der blechernen Schönheit genug hat, dreht in einer Riva eine kurze Runde über den See – um sich im Anschluss mental gestärkt wieder der Eleganz auf vier Rädern zu widmen.

McLaren M1-A, Baujahr 1964
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Disko am See
Lag der Schwerpunkt beim Concorso d’Eleganza bislang naturgemäß auf den 20er bis 60er Jahren, wurde diesmal die Disko-Ära in den Fokus gerückt. Seventies Style – The Jet Set is back lautete auch das offizielle Thema des dreitägigen Treffens. Anlass für diese zeitliche Verschiebung dürfte zweifelsohne das gestiegene Interesse an Youngtimern sein. Zu den Vehikeln, die das Lebensgefühl der siebziger Jahre an den Comer See brachten, zählten ein türkisfarbener Ferrari 365 GTS / 4 Daytona (1972) oder ein Porsche Carrera RS (1973) in orangebrauner Sonderlackierung, die der Besitzer einst von seinem alten Fiat übernommen hatte.

Von den Besuchern umringt wurde auch ein schokoladenfarbener Lamborghini Countach LP 400 (1971). Dessen extrem flache wie spitz zulaufende Karosserie wurde von Bertone entworfen und nahm zu ihrer Premiere 1971 die Sportwagenästhetik der folgenden Dekade vorweg. Ungewöhnlich, wenn auch aus kommerzieller Sicht eine Eintagsfliege, ist der mit vier Vorderrädern bestückte Panther Six aus dem Jahr 1976. Gerade einmal zwei Exemplare wurden von Robert Jankel, Chef des britischen Fahrzeugherstellers Panther, in Eigenregie montiert. Mit eigens im Sonderformat gefertigten Pirelli-Minireifen vermochte er auf seinerzeit recht eindrucksvolle 320 Stundenkilometer zu beschleunigen – ohne dabei wie ein übermuskulöser Bollide zu wirken. Auch hier stand Eleganz an vorderster Stelle, die im Zusammenspiel mit dem sportiven, sechsrädrigen Unterbau an Präsenz gewinnt. 

Starke Diven
Die diesjährige Jury des Concorso dEleganza ließ sich von solchen Extravaganzen jedoch kaum beeindrucken und vergab den Hauptpreis Best of Show an einen 1932er Alfa Romeo 8C 2300 Spider. Bei den Publikumspreisen – der erste wurde am Samstag in der Villa d’Este, der zweite am Sonntag in der Villa Erba vergeben – herrschte Einigkeit. Beide gingen an einen grünblauen Ferrari 166 MM Barchetta aus dem Jahr 1950, der einst dem jungen Fiat-Boss Gianni Agnelli gehört hatte und später zum vierfachen Le-Mans-Gewinner Olivier Gendebien wechselte. Nur 25 Fahrzeuge dieser Reihe wurden gebaut, die 1948 in Turin ihre Premiere erlebte und die fließende Silhouette der 50er-Jahre-Ferraris vorwegnahm. Direkt neben dieser rollenden Kostbarkeit stand ein weiterer Wagen, der stilprägend für seine Epoche war: ein sandfarbener Alfa Romeo 6 C 2500 S, dessen Karosserie als erste Arbeit des jungen Battista „Pinin“ (Im Turiner Dialekt „der Kleine") Farina gilt.  

Ihrer Zeit voraus
Weil Italien 1946 die Teilnahme am Pariser Autosalon noch verwehrt wurde, parkte Pininfarina den Wagen kurzerhand am Bordstein vor dem Grand Palais – und startete mit den neugierigen Blicken der Besucher seine mehr als 50-jährige Karriere. Zu sehen war am Comer See das baugleiche Schwestermodell des geschichtsträchtigen Wagens, mit dem einst die Society-Lady Giuliana Cuccioli Tortoli durch die Straßen von Mailand sauste. Seiner Zeit voraus war auch ein quietschgelber Pegaso Cupola (1952), mit dem der spanische LKW-Hersteller Pegaso einen kurzen wie hochspannenden Ausflug in die Welt der Sportwagen unternahm. Das gezeigte Modell, das einst dem Präsidenten der Dominikanischen Republik gehörte, wartet mit ungewöhnlichen Details auf. Um den Kofferraum zu öffnen, ließ sich das gläserne Heck als Ganzes nach oben klappen. Anstelle klassischer Türgriffe wurden comicartige Riesenknöpfe verwendet, während die Fenster der Rückbank nach außen geklappt und mithilfe dünner Stangen fixiert wurden – als wäre ein Automobil mit einer kompakten Architektur gekreuzt worden. 

Rollende Zukunftsmusik
Konzeptfahrzeuge sind ebenso ein fester Bestandteil des Concorso d’Eleganza und setzen ein zeitliches Korrektiv zum Oldtimer-Schwerpunkt. Doch auch bei diesen Entwürfen spielte Nostalgie eine wichtige Rolle. So präsentierte die Mailänder Karosserieschmiede Zagato die Studie Maserati Mostro, mit der die Formensprache des 1957 ebenfalls von Zagato konstruierten Maserati 450 S Coupe behutsam in die Gegenwart transferiert wurde. Die Carrozzeria Touring – deren Werkstatt nur wenige hundert Meter von Zagato entfernt liegt – zeigte den Touring Berlinetta Lusso, der in kleiner Auflage sogar in Serie gehen soll. Die Bentley-Studie EXP 10 Speed 6 wartete nicht nur mit kupfernen Details im Innenleben auf, sondern ebenso mit kupfernen Bremsen. Dass Grünspan mit den tabakfarbenen Lederverkleidungen im Inneren harmoniert, wird niemand bezweifeln. Doch vermag eine von Patina gekrönte Bremse tatsächlich zu bremsen? Einen Jury-Preis gab es für diesen Entwurf in der Kategorie Konzeptfahrzeuge dennoch. 
Konzeptstudie BMW 3.0 CSL Homage / 2015
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Die Umkehrung des Spoilers
Passend zum 70er-Jahre-Fokus stellte BMW eine Hommage an den Sportwagen BMW 3.0 CSL vor, der von 1971 bis 1975 gebaut worden war. Um eine Zulassung für den Motorsport zu erhalten, musste auch das straßentaugliche Serienmodell mit Heckspoiler ausgeliefert werden – wenngleich dieser demontiert im Kofferraum verstaut wurde. Das neue Konzeptfahrzeug setzt genau an dieser Stelle an: Der Spoiler erscheint nicht als aufgeschraubtes Extra, sondern wurde untrennbar mit der Karosserie verbunden. „Der 3.0 CSL Hommage überträgt den Charakter des damaligen Fahrzeugs in Form von intelligentem Leichtbau und modernen Materialien in die heutige Zeit“, sagt Adrian van Hooydonk, Leiter BMW Group Design. 

Welche formalen Möglichkeit der Einsatz von Karbon eröffnet, wird vor allem am Heck deutlich. Ein schmales LED-Band folgt den Konturen des Spoilers und verbindet die beiden Rückleuchten zu einer kalligrafisch anmutenden Lichtlinie. „Das ist mein absolutes Lieblingsdetail, weil es Sportlichkeit, Aerodynamik und Eleganz verbindet“, erklärt Karim Habib, Leiter Design BMW Automobile. Dass Spoiler übersetzt „Verunstalter“ bedeutet, soll hier nicht gelten. „Im Grunde kehrt sich die Bedeutung des Spoilers in diesem Falle um, weil er dem Fahrzeug Schönheit verleiht“, erklärt der 45-jährige. Für Aufsehen sorgte der Wagen zudem mit seiner schrillen Lackierung in „Golf Yellow“ – einer poppigen Sonderfarbe, in der bereits das Original des BMW 3.0 CSL ausgeliefert worden war.

Aufwertung der Youngtimer
Dass sich der Sammler-Fokus von Oldtimern zunehmend in Richtung Youngtimer verlagert, unterstrich eine Auktion von RM Sotheby’s am Samstagabend im Garten der Villa Erba. Während jüngere Baureihen wie Ferrari 288 GTO (1985), F40 (1991) und F50 (1996) auf stattliche Erlöse von mehr als einer Million Euro kamen, lagen Ikonen wie ein Ferrari 250 GT SWB Berlinetta Competizione (1960) sowie ein Ferrari 250 GT SWB California Spider (1961) unter ihren Mindestgeboten – wenngleich sich diese bereits im zweistelligen Millionenbereich bewegten. Deutlich über ihrem Schätzpreis von 80.000 bis 120.000 Euro lag Brigitte Bardots berühmte Riva Florida Nounours (1959, zu deutsch: Teddybär), die für 146.000 Euro unter den Hammer kam. Als am späten Abend eine Jet Set-Party gefeiert wurde, schloss sich der Kreis zum neuen 70er-Jahre-Hype, für den der Comer See und die Villa d’Este zweifelsohne die passende Kulisse lieferten.

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