DMY 2012 – eine Vorschau

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Text: Katharina Horstmann


Das Berliner DMY International Design Festival öffnet am 6. Juni 2012 für vier Tage zum zehnten Mal seine Türen. Im Jubiläumsjahr nimmt die Veranstaltung gleich einen ganzen Flügel des ehemaligen Flughafen Berlin Tempelhof ein und zeigt neben Arbeiten von überwiegend jungen Designern eine Vielzahl an Gruppenausstellungen verschiedener internationaler Institutionen, die die Unkonventionalität und kulturellen Werte der Exponate beleuchten – ein Beispiel ist Connecting Concepts aus den Niederlanden.
 
 
Chassis – Schon der Name spielt auf das Herstellungsverfahren des Stuhls an: Gefertigt in der sogenannten Space-Frame-Technologie wird dünnes, hochfestes Stahlblech durch Tiefziehen in einen Hohlkörper verwandelt, aus dem dann ein leichter Sitz- und Rückenrahmen sowie vier Stuhlbeine produziert werden. Knapp fünf Jahre hat das niedersächsische Unternehmen Wilkhahn gemeinsam mit dem Münchner Designer Stefan Diez in die für den Möbelsektor völlig neue Produktionsweise des Stuhls investiert, die ursprünglich für den Automobilbau entwickelt worden war.
 
Connecting Concepts
 
Chassis ist Teil von Connecting Concepts, einer der verschiedenen Gruppenausstellungen, die vom 6. bis zum 10. Juni anlässlich der zehnten Ausgabe des DMY International Design Festival im ehemaligen Flughafen Berlin Tempelhof zu sehen sind. Die von dem Niederländer Ed van Hinte kuratierte Ausstellung zeigt beispielhaft die Ausrichtung des inzwischen größten Designfestivals Deutschlands, das einst als kleiner Satellit des Designmai angefangen hatte. Nach dessen Aus vor fünf Jahren hat sich das DMY zu einem eigenständigen Format entwickelt, das der Berliner Designlandschaft zu internationaler Aufmerksamkeit verhilft und verstärkt die Geschäfte, Galerien, Museen und Designstudios der Stadt in das Veranstaltungsprogramm einbindet. Das erklärt auch, warum sich das DMY als Festival und nicht als Messe positioniert und konsequenterweise den Fokus weniger auf das Endprodukt setzt. Vielmehr spielen die Ideen, Prozesse und Geschichten der Exponate eine zentrale Rolle – und genau das macht das Festival zum idealen Rahmen für Connecting Concepts.
 
Zuordnungen
 
Die Wanderausstellung, die zuvor schon in Indien, China und den Niederlanden zu sehen war, richtet ein besonderes Augenmerk auf das niederländische Design. Bekannt für einen eigenwilligen und meist experimentellen Ansatz, wird es von Entwürfen dominiert, deren rein technisch-funktionalen Aspekte meist hinter narrativ starken Konzepten zurücktreten. Sie werden nicht nur als Gegenstände aufgefasst, sondern als Objekte, die Bedeutungen und Erinnerungen übermitteln und Geschichten erzählen können – und das Mithilfe von neuen Werkstoffen und Produktionstechnologien wie auch traditionellen Handwerkstechniken. Wieder und wieder treffen Dinge aufeinander, die auf dem ersten Blick nicht zusammen gehören oder sich von dem sonst Üblichen absetzen – und genau hier knüpft Ed van Hinte in seiner Ausstellung an.
 
Bindeglieder
 
Der Schwerpunkt liegt nicht auf einzigartigen, durch extravagante Formen gekennzeichnete Exponate. Vielmehr interessieren den Kurator die Konzepte und Prozesse, die zu der Entstehung der Entwürfe geführt haben und die Bereitschaft der Designer, außerhalb des ihres gewohnten Kontextes zu denken und Ideen zu verbinden, hervorheben. Vorgestellt wird etwa Robbert de Vreedes Plant Paradise, eine neue Anbaumethode, deren Produktivität bei einem vielfachen eines gewöhnlichen Gewächshauses gleicher Größe liegen soll: Statt mit Sonnenlicht werden die Pflanzen mit roten und blauen Leuchtdioden sowie einem langwelligen roten, für die meisten Menschen nicht wahrnehmbaren Licht bestrahlt.
 
Dem gegenüber stehen Objekte, die formell nichts miteinander gemein haben, doch ähnliche konzeptionelle Ansätze besitzen, und sei es nur ihre unkonventionale Herangehensweise: von einem Video von Roel Wouters, in dem Trampolinspringer typische Videoeffekte simulieren; über Marcel WandersKnotted Chair – die einzige Designikone der Ausstellung –, der inspiriert von der aus dem Orient stammenden Knüpftechnik Macramé aus Karbon- und Aramidfaser geknotet und durch einen Überzug aus Epoxydharz stabilisiert wird; bis hin zum Ordinary Carbon Bike von Tjeerd Veenhoven. Es besteht, anders als bei Sportfahrrädern aus Kohlefaserrohren, aus den recycelten Elementen eines alten Models wie Lenker, Kette, Sattel und Reifen, die durch mit Epoxydharz gehärtete, kostengünstige Kohlefäden miteinander zu einem leichten Fahrrad verbunden sind.
 
Wachsende Ausstellung
 
Connecting Concepts zeigt jedoch nicht nur niederländische Objekte. Passend zu jedem Ausstellungsort wählt Ed van Hinte Entwürfe aus dem jeweiligen Land, die seiner Ansicht nach einen ähnlich unkonventionellen Ansatz haben. Aus Indien stammt beispielsweise der von dem in Ahmedabad ansässigen Studio Korjan entwickelte Symphony Air Cooler. In seiner Form erinnert er an eine Klimaanlage, doch anderes als diese erzeugt das Gerät auf eine natürliche Weise mithilfe von Hitze Kälte. Das Studio To Meet You aus Beijing hingegen zeigt grafische Arbeiten, die wegweisend für ein neues chinesisches Design stehen. Sie weisen keine charakteristische Ästhetik auf, vielmehr kombinieren sie alltägliche Ikonen und Ausdrucksweisen und spielen unter anderem mit westlich beeinflussten Stilen und traditionellem chinesischen Papier.
 
In Berlin kommt nun Stefan Diez’ Stuhl Chassis ins Spiel. Wie alle anderen Exponate soll er einen Einblick in seine Entstehungsgeschichte und Entwicklungsprozesse geben – was nicht nur ein Ziel von Connecting Concepts ist, sondern auch eine Gemeinsamkeit mit der Ausrichtung des DMY: Die Vermittlung von kulturellen und gestalterischen Werten von Alltagsobjekten, und das abseits eines belanglos dekorativen Designverständnisses.
 
 
Weitere Highlights des DMY
 
Designpreis der Bundesrepublik Deutschland: Erstmalig werden alle Nominierungen in einer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert.
 
Designing Business: Das Symposium thematisiert die zunehmende Bedeutung und gegenwärtige Rolle von Design, insbesondere sein Potenzial, gestalterisch in wirtschaftliche Prozesse und gesellschaftliche Zusammenhänge einzugreifen.
 
Nightshift – Open Studios Berlin: Am 7. Juni findet die erste lange Nacht der Designstudios statt, in der Berliner Designer und Galerien der Öffentlichkeit in ihre Räume Einlass gewähren, um neue Projekte vorzustellen.
 
Mehr zu dem gesamten Veranstaltungsprogramm finden Sie unter:
www.dmy-berlin.com

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