Dann klappt's auch mit den Hosen

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Text: Norman Kietzmann


Am 25. Oktober wurde der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland im Kino International in Berlin verliehen. Im Fokus standen nicht die Entwürfe börsennotierter Großkonzerne, sondern Arbeiten zumeist junger Gestalter und gerade erst gegründeter Start-up-Unternehmen. Prämiert wurden unter anderem ein fiktiver Geschäftsbericht im Auftrag des Todes, ein Magazin über Alltagskultur oder ein Zelt, das sich in wenigen Sekunden praktisch von selbst aufbaut. Für den nötigen Glamour sorgte die Auszeichnung fürs Lebenswerk an Wolfgang Joop.



Es wurde vorab viel gemunkelt und auch nicht wenig Gift versprüht: Was wird passieren, wenn eine Jungdesignerplattform wie der DMY den traditionsreichen Designpreis neu ausrichtet? Und zudem mit einer abendlichen Gala debütiert? Bislang wurde die 1969 gegründete Auszeichnung auf der Konsumgütermesse Ambiente verliehen und hatte mit Glamour eher wenig am Hut. Vielleicht mag es am vormittäglichen Termin gelegen haben oder dem Frankfurter Messegelände, die der Veranstaltung den Charme einer Aktionärsversammlung gaben. Vielleicht waren es aber auch die Auszeichnungen selbst, die zweifelsohne einflussreiche Unternehmen würdigten, aber Positionen jenseits des Mainstream kaum zuließen.

Minister im Abseits

Das alles sollte in diesem Jahr anders werden, und um es gleich vorweg zu nehmen: Die Neuausrichtung des Preises ist tatsächlich gelungen, wenngleich noch einige Nachbesserungen vorzunehmen wären. Die wichtigste betrifft ausgerechnet den Auslober des Preises selbst, Herrn Wirtschaftsminister Rösler, der den Abend schwänzte und sich von einer Staatssekretärin vertreten ließ. Das pikante Detail: Noch am Vorabend ließ es sich Herr Rösler nicht nehmen, bei der Verleihung des privat ausgerichteten Red Dot Communication Design Award im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt dem Designbüro 601bisang aus Seoul zum Preis „Designteam des Jahres“ zu gratulieren – in Anwesenheit des südkoreanischen Botschafters. Gewiss, interkultureller Austausch ist wichtig, wie auch das Gruppenbild mit globalen Wirtschaftslenkern. Doch bietet das keinen Anlass, dass ein Minister dadurch seinen eigenen Preis wie auch sein eigenes Ministerium düpiert.

Geleitet wurde der Abend von der NDR-Moderatorin Inka Schneider, die nach einer belanglosen Rede von Röslers Staatssekretärin auch erfrischend schnell zur Sache kam. Jury-Mitglied Uta Brandes erzählte vom Verlauf der Jurysitzung, die während des DMY-Festivals in einem Hangar des Flughafen Tempelhofs stattfand, und vergab den ersten Preis in der Kategorie Nachwuchs: Ein fiktiver Geschäftsbericht, den die Designerin Martina Morth – der Name verpflichtet – im Auftrag des Todes entwarf. „Das Geschäftsjahr 2009/2010 war das erfolgreichste seit Bestehen dieses traditionsreichen Unternehmens“, schreibt die Absolventin der Fachhochschule Dortmund und übersetzte die Folgen von Erdbeben, Hungersnöten, Unfällen und Krankheiten in gut gestaltete Diagramme.

Goldene und Silberne Preise

Etwas kryptisch zeigte sich der zweite Nachwuchspreis für das Tischfusssystem Tick. Der Grund dafür lag weniger im intuitiv verständlichen Metallgestell, das Designer Jakob Schenk einer Büroklammer nachempfunden hat und das mit jeder beliebigen Tischplatte bestückt werden kann. Es war vor allem der enorm kurze Einspielfilm, der den Entwurf mit dynamisch zerschnittenen Bildern in ein Rätsel verwandelte – ein Umstand, der sich im Verlauf des Abends wiederholte. Wer die Waschtischserie der Brüder Bouroullec für Axor, die mit einem silbernen Preis in der Kategorie Produkt ausgezeichnet wurde, nicht kannte, wird nur mit Mühe verstanden haben, worum es sich bei diesem Entwurf eigentlich handelt.

Auch das Regalsystem Konnex von Florian Gross, das ebenso mit einem silbernen Preis ausgezeichnet wurde, wirkte eher als grafisches Zeichen denn als clever zu bedienendes Stecksystem. So verständlich der Blick auf die Uhr auch sein mochte, hätten 20 Sekunden längere Filme allemal ausgereicht, die Qualitäten der prämierten Entwürfe verständlich zu machen. Zumal bei insgesamt zehn Preisen – dreimal Gold, viermal Silber, zwei Nachwuchspreise sowie einer Auszeichnung fürs Lebenswerk – der zeitliche Rahmen kaum gesprengt worden wäre. Eine andere Möglichkeit bestünde in einer Ausstellung, in der die Gäste im Anschluss an die Verleihung die Siegerentwürfe hätten unter die Lupe nehmen können.


Faszination Alltag

Vor allem bei den Goldpreisen wurde die inhaltliche Neupositionierung des Preises deutlich: Weniger die wirtschaftliche Größe der Einreicher wurde berücksichtigte als die Qualität der Ideen. Die Goldauszeichnung in der Kategorie Produktdesign ging weder an ein Auto noch an eine Digitalkamera, sondern an das Zelt The Cave von Heimatplanet. Das dämmende Textil wird dabei in eine aufblasbare, geodätische Kuppel gehängt, das Hantieren mit Metallstangen wird überflüssig. Mit praktischen Qualitäten überzeugte ebenso das Electric Hotel von Atelier Fleiter, das einen Goldpreis in der Rubrik Kommunikation erhielt. Dahinter verbirgt sich ein in einem Wohnwagen untergebrachter Stromspender, der von Wind-, Solar- und Muskelkraft angetrieben wird. Auf Musikfestivals können Besucher dort die leeren Akkus ihrer Handys aufladen und somit wieder kommunizieren.

Ein weiterer Goldpreis im Bereich Kommunikation ging an das Buch decodeunicode von Johannes Bergerhausen, Siri Poarangan und Ilka Helmig, das sämtliche Schriftzeichen der Welt vereint. Spielerisch zeigte sich der Messestand, den Ippolito Fleitz für den Möbelhersteller Brunner auf der Mailänder Möbelmesse 2011 inszenierten und der mit einem silbernen Preis ausgezeichnet wurde. Dass der Alltag nicht ermüden, sondern spannende Geschichten erzählen kann, unterstrich der zweite silberne Preis an das von Axel Völcker gegründete Berliner Magazin Der Wedding. Flexibel ging die Jury derweil mit ihren eigenen Statuten um. Da keiner der eingereichten Entwürfe in der Kategorie ökologisches Design überzeugen konnte, fiel die Prämierung aus.

Blick auf die Mode

Ein Blick über den Tellerrand war die Vergabe des Lebenswerks an Wolfgang Joop, denn erstmalig in der Geschichte des Preises wurde ein Modedesigner ausgezeichnet. Dieser zeigte sich in seiner Dankesrede entsetzt darüber, mit welchen Hosen sich Produktdesigner, Grafiker und Moderatoren auf die Bühne trauten. Eine spitze Bemerkung, die ihre Wirkung nicht verfehlte und auf der anschließenden Party über eine weitere Veränderung des Preises spekulieren ließ. 


Denn wäre es nicht sinnvoll, neben Produkt- und Kommunikationsdesign künftig auch Mode dauerhaft als dritte Kategorie aufzunehmen? Der Preis würde damit nicht nur eine deutlich höhere Bekanntheit erlangen, von der vor allem die bisherigen Sparten Produkt und Grafik profitieren würden. Auch wäre ein solcher Preis selbst auf internationaler Bühne einmalig und würde das Profil des Designpreises weiter schärfen. Die Folge: Es dürfte künftig nicht nur mit den Hosen auf der Bühne klappen, sondern ebenso mit dem zuständigen Minister.
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