Salon der Dunkelheit – Dark Side Club 2012

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Text: Norman Kietzmann
Foto: Torsten Seidel


Sie ist die exklusivste und zugleich auch eigenwilligste Veranstaltung an den Eröffnungstagen der Architekturbiennale in Venedig: der Dark Side Club. An drei Abenden findet eine Gruppe von 20 Architekten, Kuratoren und Künstlern zum gemeinsamen Dinner mit anschließendem Salon zusammen. Die Besonderheit: Es wird nicht nur zu mitternächtlicher Stunde bis in den Morgen hinein diskutiert. Anders als am Tage nehmen die prominenten Teilnehmer auch kein Blatt vor den Mund.

Pressekonferenzen sind wie ein Wattebausch: kuschelweich. Jeder spricht artig seine Sätze vor, geht kurz auf einige Fragen der anwesenden Journalisten ein und verabschiedet sich lächelnd in die Kameras. Architekten agieren auf einer Biennale-Eröffnung kaum anders als die Schauspieler, die nur wenige Tage später bei den Filmfestspielen am Lido ihre neusten Leinwandprojekte vorstellen. Zusammen spielen alle eine gut gelaunte Familie. Und sollte doch ein kritisches Wort auf den Tisch gelangen, wird es mit Floskeln glattgebügelt, als wäre nichts geschehen.

Nicht ohne Grund entpuppte sich der Dark Side Club bereits während der vergangenen drei Architekturbiennalen als wohltuendes Korrektiv. Der Salon, der vom Londoner Architektur-Consultant Robert White ausgerichtet wird, bringt die Protagonisten aus dem Arsenale und den Giardini an einem Tisch zusammen. In den Räumen eines altehrwürdigen Palazzos wird gut gegessen, getrunken und im Anschluss debattiert – und das auf eine lockere, freche und erfrischend unakademische Weise.



Debattieren zu später Stunde

Gewiss, der Club hat keine Entscheidungsgewalt, und sicherlich kann in zwei bis drei Stunden Diskussion das Rad nicht neu erfunden werden. Doch was hier passiert, ist ein Austausch unter Machern, die sich auf Augenhöhe begegnen. Anstatt Werbung für sich und ihre Projekte machen zu müssen, können sie geradeaus in die Runde werfen, was ihnen durch den Kopf geht. Anecken ist erlaubt ebenso wie dem Gegenüber auf den Schlips zu treten, ohne dass dieser beleidigt den Tisch verlässt. Wer den Dark Side Club betritt, muss Widerstände aushalten können und die nötige Portion Humor mitbringen. Dennoch ist auch im dunkelsten aller Architektursalons Struktur von Nöten. So wird jeder Abend von einem oder mehreren Mentoren geleitet, die ein Thema vorgeben und die Diskussion nach einer kurzen Einleitung ins Rollen bringen. 



Der erste Abend des diesjährigen Dark Side Club führte aus Venedig hinaus aufs Festland der Lagune. An einem brütend heißen Abend traf die Runde unter dem Portikus der Villa Foscari Malcontenta zusammen, jenem Palladio-Meisterwerk im Süden von Mestre, das noch immer als Wohnhaus der Familie genutzt wird. Geleitet wurde der Abend von Gary Bates, der vor allem in den Rohstoff- und Energieressourcen einen Motor für ein neues, sich anbahnendes „Goldenes Zeitalter“ in Südamerika sah, das auch die Städteplanung entscheidend beeinflussen werde. An der Diskussion nahmen unter anderem Alejandro Aravena, Winy Maas (MVRDV), Toshiko Mori, Giulia Foscari und Louis Becker (Henning Larsen) teil.



Club ohne Raum

An den beiden folgenden Abenden musste improvisiert werden. Die Besitzerin des ursprünglich angemieteten Palazzos erfasste zwei Tage vor dem ersten Salon Panik. Vielleicht ahnte sie, dass die Abende spät und durchaus laut gelacht werden könnte und kündigte die getroffene Vereinbarung. Der Club stand somit in letzter Minute ohne Raum da. An den Eröffnungstagen einer Biennale, wo die meisten Palazzi für Ausstellungen und Veranstaltungen schon Monate im Voraus gebucht sind, kein einfaches Unterfangen. Und so traf sich der Club im Restaurant, was zu einigen charmanten interkulturellen Differenzen führte.

Ist es in nordischen Ländern üblich, nach dem Essen im Restaurant noch eine Flasche Wein zu bestellen und das Tischgespräch weiter fortzusetzen, ist in Italien nach dem finalen Espresso tatsächlich Schluss. Danach geht es ab nach Hause. A Casa. Dass sich just in diesem Moment eine bunte Gruppe von Architekten im Hinterzimmer eines Restaurants unweit der Piazza San Marco zusammensetzte, Wein trank und eine Diskussion vom Zaun brach, rief seitens der anwesenden Kellner und Restaurantbetreiber Blicke hervor, als wäre eine Gruppe vom Mars in ihr Lokal einmarschiert.


Das Glas aus der Hand genommen


Der zweite Salonabend drehte sich um das Verschwimmen der Grenze zwischen Kunst und Architektur und wurde von Kjetil Thorsen (Snøhetta) geleitet. Zusammen mit Olafur Eliasson, der ebenfalls später zum Salon hinzukam, gestaltete er 2007 den Pavillon der Serpentine Gallery. „Es ist unmöglich, die Arbeit in einen Architektur- und einen Kunstteil voneinander zu trennen“, erklärte Thorsen und forderte, dass künftig stärker Teams als Einzelpersonen gewürdigt werden sollten. Die Debatte, an der unter anderem Patrik Schumacher, Bjarke Ingels, der Direktor der 2008er Biennale Aaron Betsky und Archigram-Urgestein Peter Cook teilnahmen, gewann stetig an Dynamik, als dem Künstler- und Architektengenie der Garaus gemacht werden sollte.

Auch am dritten Abend traf sich der Salon im Restaurant. Diesmal jedoch nicht in einem holzgetäfelten Hinterzimmer, sondern direkt auf einer Piazza mit Blick auf den Canal Grande unweit der Rialto-Brücke. François Roche, Hernan Diaz Alonso und Mathias del Campo wollten mit einer „öffentliche Performance im Film-Noir-Stil“ die Möglichkeiten einer „toxischen Erhabenheit“ untersuchen. Doch gerade, als die Diskussion zwischen Peter Noever, Patrik Schumacher und Tom Kovac an Fahrt gewann, wurde der Salon abrupt unterbrochen. Um kurz nach Mitternacht wurde dem Restaurantbesitzer die Sache plötzlich zu bunt und er verkündete, in fünf Minuten zu schließen. Um zu beweisen, dass er es erst meinte, nahm er kurzerhand dem verdutzt schauenden François Roche das Weinglas aus der Hand und entsendete den Club in die noch junge Nacht.


Zum Thema: Worüber an den beiden ersten Abenden im Dark Side Club gesprochen wurde, lesen Sie in unserem Special.

Weitere Berichte aus Venedig erfahren Sie in unserem Biennale-Special sowie im Biennale-BauNetz-Blog: www.baunetz.de/biennale

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