Das Chamäleon von Utrecht

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Text: Norman Kietzmann


Eine Ikone der Moderne wird neu entdeckt. Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein widmet dem niederländischen Gestalter Gerrit Rietveld (1888-1964) eine umfassende Retrospektive und wirft die Schubladen durcheinander, in die er bislang fein säuberlich sortiert wurde. Denn Rietveld besaß nicht nur das Talent, sich immer wieder neu zu erfinden. Sein Drang zum Experiment bewahrte ihn davor, lediglich einer spezifischen Ästhetik zu folgen. Die Ausstellung zeigt den Vorreiter von De Stijl in seiner gesamten Bandbreite und macht deutlich, wie sehr er dem Design der Nachkriegszeit mitunter um Dekaden voraus war.



Wer Rietveld hört, muss Zickzack sagen. Oder Rot-Blauer Stuhl und Schröder-Haus, sein architektonisches Pendant in Utrecht. Doch spätestens dann wird es verdächtig still um den niederländischen Gestalter, dessen Werk zu Unrecht auf seine drei bekanntesten Entwürfe festgelegt wird. Die Ausstellung im Vitra Design Museum, die in Zusammenarbeit mit dem Centraal Museum in Utrecht und dem Nederlands Architectuurinstituut entstand, beleuchtet bewusst die Zwischenräume in Rietveld Werk und stützt sich auf fünf Jahre intensive Recherchearbeit, die Erstaunliches zu Tage gefördert hat.

„Ich habe mich nie von der Religion leiten lassen. Es treibt mich auch kein Idealismus. Mich beflügelt der pure Egoismus, die Verwirklichung meiner Existenz“, erklärte Rietveld den irritierten Zuhörern, als er sich im Januar 1964 für die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Delft bedankte. Harte Worte für einen Modernisten, der sich doch für die Belange des sozialen Wohnungsbaus engagiert hatte. Aber die Worte, die er mit Bedacht gewählt hatte, sind ein Schlüssel, um seine Arbeit besser verstehen zu können.

Konkrete Utopien

Denn auch wenn viele seiner Entwürfe als radikal empfunden wurden, war Rietveld kein Utopist. Als er in den späten zehner Jahren anfing, seine ersten Möbel zu gestalten, war die Stunde der Idealisten gekommen – ob auf politischer, gesellschaftlicher oder gestalterischer Ebene. Die neue Kunst sollte stets auch eine neue Gesellschaft hervorbringen, lautete eine der zentralen Thesen der De Stijl-Bewegung um Theo van Doesburg und Piet Mondrian, der sich auch Rietveld später anschloss. Dennoch hielt er sich mit großen Worten zurück. Seinen Arbeiten lag weniger ein eigener theoretischer Überbau zugrunde, wie er unter den Avantgardisten seiner Zeit als unerlässlich galt. Rietveld, der gelernter Schreiner war und kein studierter Architekt, näherte sich der Moderne über das Tun, über die konkrete Umsetzung einer ästhetischen Idee.

Wenn er in seiner Rede in Delft von Egoismus spricht, meint er im Grunde etwas ganz anderes: Anstatt sich von Regeln und Programmen in Ketten legen zu lassen, verfolgte er einen offenen Designansatz, der ihn auf keine spezifische Ästhetik festlegte. Rietveld experimentierte mit neuen Materialien und Produktionsmethoden, um seine ästhetischen Vorstellungen zu entwickeln und nicht, um seine vorab formulierten Thesen zu untermauern. In dieser Unvoreingenommenheit lag seine Stärke, die keineswegs mit Naivität zu verwechseln ist.

Metamorphosen eines Handwerkers

Schon frühzeitig wurden die Bauhäusler auf seine Entwürfe aufmerksam und versuchten, ihn für sich einzunehmen. Gropius wandte sich persönlich an ihn mit dem Vorschlag, seine Arbeiten in Deutschland zu zeigen. 1928 gehörte Rietveld als einziger Nicht-Architekt zu den Gründungsmitgliedern des Congrès International d‘Architecture Moderne (CIAM) und war mit seinen prominenten Kollegen bestens vertraut. Die chronologisch geordnete Ausstellung, die von Amelie Znidaric, Laura Hompesch und Ida van Zijl kuratierte wurde, setzt an dieser Stelle an. Denn wie konnte ein Handwerker aus Utrecht überhaupt den Weg in die elitären Zirkel der Avantgarde finden?

Den Urknall löste ein Foto aus. Zu sehen sind darauf drei Gesellen, ein Kind und in der Mitte der Tischler Rietveld, der in einem sonderbaren Stuhl Platz genommen hat. Bereits 1918, als die Aufnahme vor seiner Werkstatt in Utrecht entstand, hatte er seinen berühmten Rot-Blauen Stuhl entworfen. So hieß das Möbel allerdings noch nicht, da es erst 1923 – nach zahlreichen Experimenten mit Kindermöbeln – sein namensgebendes Gewand in den Primärfarben Rot, Blau, Gelb und Schwarz erhielt. Auf Anraten des Architekten Robert van ´t Hoff reichte Rietveld die Aufnahme bei der neu gegründeten Zeitschrift De Stijl ein, die seinen Entwurf publizierte.

Architektonisches Werk


Den endgültigen Durchbruch brachte 1924 der Bau der Villa Schröder in Utrecht, mit der Rietveld die gestalterischen Prinzipien des Rot-Blauen-Stuhl auf die Architektur übertrug. Seine Auftraggeberin, die Witwe Truus Schröder, war maßgeblich an dem Entwurf beteiligt. Viele Ideen, wie das verglaste Obergeschoss als Open Space, das mit flexiblen Trennwänden gegliedert werden kann, stammten von ihr. „Ich glaube, dass Rietveld bei diesem Haus nicht hundertprozentig Rietveld ist. Ich denke, er hat sich bis zu einem gewissen Maß nach meinen Wünschen gerichtet“, gab Truus Schröder 1982 in einem Interview zu Protokoll und bemerkte später über ihr Haus: „Es ist wie bei einem Kind, man kann nicht auseinanderhalten, was es von der Mutter und was vom Vater geerbt hat.“

Zu sehen sind in der Ausstellung auch die Baupläne, die Rietveld 1924 bei den örtlichen Behörden einreichte, wobei er gekonnt in die Trickkiste griff. Um zu verhindern, dass das gläserne Obergeschoss abgelehnt würde, deklarierte er es vorsichtshalber als Dachboden. Und im Aufriss der Fassaden zeichnete er klugerweise die Silhouette des Nachbargebäudes mit ein, um den Anschein zu vermitteln, dass das vorgesehene Flachdach womöglich später einem Satteldach weichen würde.

Langjährige Beziehung

Die enge Zusammenarbeit mit seiner Bauherrin ist aufschlussreich für Rietvelds Charakter und Arbeitsweise. Denn er vermochte anderen zuzuhören und sich nach einer Frau zu richten, was Mitte der zwanziger Jahre keine Selbstverständlichkeit war. Truus Schröder rüttelte umgekehrt den Erfindergeist in ihm wach, forderte und förderte ihn gleichermaßen. Auch in den folgenden Jahren waren beide eng verbunden. Sie war zugleich Beraterin, Managerin, Liebhaberin und Financier.

In den dreißiger Jahren begann sich Rietveld zunehmend von der Ästhetik der De Stijl-Bewegung abzuwenden und experimentierte mit neuen Materialien wie Aluminium und Schichtholz. So ikonenhaft der Zickzack-Stuhl (um 1932) heute wirken mag, er war für Rietveld kaum mehr als eine Zwischenstufe zu einem ganz anderen Ziel: dem ersten Sitzmöbel, das aus einem Stück hergestellt würde. Eine ganze Reihe von Prototypen reiht die Ausstellung nebeneinander. Sie zeigen, wie intensiv sich Rietveld mit der Idee auseinandersetzte und schlussendlich an den technischen Möglichkeiten seiner Zeit scheiterte. Denn erst 1957 vermochte Verner Panton mit seinem gleichnamigen Stuhl für Vitra den Stuhl aus einem Guss in Kunststoff umzusetzen.

Späte Anerkennung

Um Jahrzehnte war Rietveld auch Enzo Mari voraus, der mit seinem Projekt Autoprogettazione (1974) gemeinhin als Urheber der Do-it-Yourself-Bewegung gilt. Bereits Mitte der dreißiger Jahre entwickelte der Niederländer mit seinen „Kragmöbeln“ ein verblüffend ähnliches Konzept und bot Bausätze mit vorgefertigten Teilen, Montageanleitungen und Tipps zur Individualisierung an. Daneben entstanden Entwürfe für Gebäude aus vorgefertigten Bauteilen, darunter auch einige runde Häuser, die zeitgleich zu Buckminster Fullers rotierenden Gebäudestudien in den frühen dreißiger Jahren entwickelt wurden. 



Blieben viele dieser Arbeiten unausgeführt, widmet sich das Obergeschoss der Ausstellung den Arbeiten der Nachkriegszeit. Einen Wendepunkt läutete die große De Stijl-Retrospektive 1952 im New Yorker Museum of Modern Art ein, die Rietveld auch als Architekt zum Erhalt staatlicher Prestigeaufträge verhalf. In den Folgejahren realisierte er Bauten wie den Niederländischen Pavillon auf der Biennale in Venedig, Kunstakademien in Amsterdam und Arnheim, die Juliana-Halle, den Eingang der Königlichen Handelsmesse in Utrecht sowie das posthum fertiggestellte Van Gogh Museum in Amsterdam.

Die Kontinuität des Raums

Seinen letzten Möbelentwurf fertigte Gerrit Rietveld 1963 für die Einrichtung des Juweliergeschäfts Steltman in Utrecht an, dessen Fertigstellung er selbst nicht mehr miterlebte. Seinen gestalterischen Experimenten der vergangenen Jahre zum Trotz kehrte er mit diesem Stuhl zur Ästhetik seiner frühen Arbeiten zurück. Wie sein Rot-Blauer Stuhl verfügt das Möbel über eine offene Geometrie und betont die Vektoren im Raum. Anscheinend ließ Rietveld auch im hohen Alter nie los, was er sich bereits 1920 wünschte: „Ich hätte gerne gesehen, ob meine kleinen Möbelstücke – bei denen ich auch stets versuche, keine abgeschlossenen Räume zu schaffen, es tatsächlich ermöglichen würden, dass der Raum sich mit ihnen und durch sie hindurch fortsetzt“. Das tun sie – und zwar auch über die Zeit hinweg.

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