Das Licht fühlen

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Text: Jörg Zimmermann

Himmel, Erde, Wasser und dann bereits: das Licht. Gleich zu Beginn der biblischen Schöpfungsgeschichte, im 1. Buch Moses, findet das Licht seinen bedeutenden Platz: „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.“ Ganz so einfach war es dann doch nicht, und einige Entdeckungen und Entwicklungsschritte waren notwendig, um den heute so alltäglichen Umgang mit Licht zu erreichen. Feuer, Fackeln, Kerzen, Ölfunzeln, Gaslaternen, schließlich die Elektrifizierung des Lichts. Ein langer Weg für dieses kulturelle Phänomen, das Tag für Tag unseren Lebensrhythmus mitbestimmt. Die Messe Light + Building zeigte, welche Formen Licht heute annimmt.

Licht ist Energie, und Energie ist jenseits der technischen Dimension hochgradig emotional. Gerne sprechen Leuchtenhersteller und Lichtplaner, Architekten und Ingenieure über technische Einheiten wie Lumen, Lux, Candela und Kelvin, so auch dieses Jahr wieder allenthalben auf der Light + Building. Alles wichtige Parameter zur Beschreibung von Leuchten und Lichtlösungen, auch, weil der Gesetzgeber Licht als Immission begreift und Regeln aufstellt zum Wohl von Mensch und Umwelt. Vielleicht spätestens hier lässt sich, neben der technischen und medizinischen, die emotionale Bedeutung von Licht erahnen. Im besten Fall vermittelt es Sicherheit und Wohlgefühl, egal wie hoch die Wattage oder wie niedrig der Energieverbrauch der Beleuchtungslösung ist.

Emotion!
Die neue Formel im Beleuchtungsmarkt scheint heute eine alte, aber hoch wirkungsvolle Gleichung zu sein: Licht ist Emotion. Marktführer wie Erco schwenken um in ihrer Kommunikation. Das Technische rückt in den Hintergrund, in emotionalen Schwarz-Weiß-Videos wird die Gefühlsebene bedient. „Ich bin Architektin..., fühle das Licht“, erzählt die Protagonistin. Schwarz und Weiß, Schatten und Licht  – womöglich kommt es auf die Grautöne an.

Die neue Körperlosigkeit
Licht war schon immer körperlos, nun bietet sich erstmals die Gelegenheit, auch Leuchten von ihrem gewohnten Volumen zu befreien. Mit der immer noch jungen Technologie LED und den noch jüngeren OLED (organische LED) stehen den Leuchtenherstellern und Gestaltern endlich neue Möglichkeiten zur Verfügung. LED sind im besten Fall klein und liefern genau die Lichtmenge, die für den gedachten Einsatzzweck optimal scheint. So werden Formen möglich, die Leuchten in einen anderen Kontext rücken. Altmeister Ingo Maurer hat schon über viele Jahre Lampen zu poetischen Objekten transformiert. Leuchtenkörper, die einen nicht unberührt lassen, weil sie nicht vordergründig nach Effizienz und Nutzen fragen. Das tanzende Flammenbild der elektronisch gesteuerten LED-Kerze My Flame scheint allemal besser als das Flackern einer Neonröhre. Bei Whisper Wind ist dann die Formenlosigkeit recht nah. OLED können dank Magnetbefestigung sehr flexibel auf ihrer Tragestruktur arrangiert werden. Kann es gelingen, Leuchten zukünftig zu entmaterialisieren und ihres Körpers zu berauben? Die Suche nach der Auflösung der alten Formen läuft jedenfalls.

Wie ein umschlossener Lichtstrahl
Wie ein umschlossener Lichtstrahl wirkt Iosif vom Artemide. Das Designstudio MiloDaMalo hat einen roten Speer gefüllt mit Licht gestaltet, der punktgenau trifft, in jeder Situation. Einem Strahl gleich, gefangen zwischen Boden und Decken, so manifestiert sich LightLine von benwirth im Raum. Eine Linie aus Licht auf der Suche nach einer neuen Stellung. Was bleibt, sind nur Berührungspunkte mit Boden oder Decke. Auch Flashit (Design: Massimo Tassone) wendet sich ab von den üblichen Positionen, markiert Linien und Flächen frei im Raum. Sowie auch Forty 5 von DeltaLight mit den Dimensionen spielt. Die Wand nicht als Grenze, die Leuchte nicht als Addition, sondern als fast spielerische Erweiterung, nicht aufdringlich aber bemerkenswert.

Lieblingstück Licht
Wenn die alte Handlampe auf LED-Technik trifft, bekommt das Emotionale eine ganz praktische Facette. Manta von FontanaArte (Design: Zaven) präsentiert sich als eine mobile Wand-Hänge-LED-Leuchte in einer organischen, flächigen Form. Der Name lässt an Meereswelten denken, je nach Aufhängung liegt die Assoziation mit Sonne oder Mond aber deutlich näher. Wie praktisch solche Lösungen im Alltag sind? Moderne Nomaden, die Leben, Wohnen und Arbeiten ständig neu arrangieren, werden solche Lösungen schätzen. Klar ist aber: Mit Lichtgeschwindigkeit von Ort zu Ort reisen, bleibt wohl bis auf Weiteres ein Traum. Doch warum Licht nicht mit auf Reisen nehmen? Zum Strand, auch in den Garten, hier und dort ins Haus. Die Lieblingsleuchte immer an der Seite, die vertraute Lichtquelle stets zur Hand. Inma Bermúdez hat für Marset die Laterne neu erfunden. Follow me ist eine Leuchte, die man gerne nimmt. Leicht und ohne Zuleitung transportabel, wieder aufladbar, der Schirm verstellbar, der gebogene Griff aus Eiche. Ein Lieblingsstück, wohl wahr. Alsbald also der Ersatz für romantisches Kerzenlicht? Ernsthaft droht noch keine Gefahr.

Erco-Video: Ich bin Architektin.

Alle Beiträge aus unserem großen Themenspecial Light + Building 2014 finden Sie hier.

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