Das Licht und seine Schattenseiten

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Text: Katja Neumann


Für viele Verbraucher ebenso wie für Lichtplaner und -designer ist das kürzlich in Kraft getretene Glühlampenverbot zurzeit noch mehr Fluch denn Segen. Schließlich empfinden einige die gesetzliche Regelung, die bis 2012 alle herkömmlichen Glühlampen vom Markt verbannen soll, als Eingriff in die Selbstbestimmung. Designer arbeiten an Lösungen, ihre Leuchtenklassiker auch für die Energiesparlampe kompatibel zu machen und Lichtplaner suchen nach Möglichkeiten, das tendenziell als kalt empfundene Licht der Sparlampe in behagliche Beleuchtungskonzepte zu integrieren. Dass dieses sogenannte Glühlampenverbot, vom Umweltaspekt einmal abgesehen, jedoch nicht nur Einschränkungen, sondern auch Chancen in sich birgt, beweist eine Ausstellung, die im Zuge des „London Design Festivals“ 2009 im Victoria & Albert Museum gezeigt wird. „In Praise of Shadows“ zeigt Arbeiten von 21 europäischen Designern, welche nicht nur exemplarisch das Potenzial von energiesparender Beleuchtung und alternativen Energiequellen darstellen, sondern auch zum Nachdenken anregen über unser eigenes Verhältnis zu Licht und zu dem zwangsläufig damit verbundenen Umstand der Dunkelheit.

Der Anlass für die Idee, eine solche Ausstellung zu konzipieren, war das Aus für die herkömmliche Glühbirne, welches nicht nur in Deutschland beschlossene Sache ist, sondern europaweit gilt. Das Design war und ist schon immer ein Spiegel der Zeit, der Gesellschaft und der Lebenswirklichkeit – schließlich werden Produkte und damit auch Leuchten genau dafür entwickelt. Für Designer eröffnet sich mit dem Glühlampenverbot somit ein völlig neues Betätigungsfeld: Neue Leuchtmittel müssen eingesetzt und vor allem weiter entwickelt werden, alternative Lichtquellen für die Zukunft gesucht und Produkte entsprechend gestaltet werden. Die EU-Direktive muss mehr sein als das bloße Auswechseln des Leuchtmittels, so der Hintergrund der von der Londoner Designberaterin und Autorin Jane Withers kuratierten Ausstellung. Es bietet sich heute die Chance, ein neues Denken über Beleuchtung und Nachhaltigkeit in Gang zu setzen.
Fernab der lange geltenden Regel „Heller ist besser“ widmet sich die Ausstellung bereits im Titel einem nicht unerheblichen Nebenprodukt des Lichts – dem Schatten. In einer überbeleuchteten Welt, in der das Wort „Lichtverschmutzung" schon zu einem festen Begriff geworden ist, regt die Ausstellung dazu an, sich auch mit der Dunkelheit auseinander zu setzen. Brauchen wir wirklich so viel Licht? Gibt es Möglichkeiten, Licht wieder mehr qualitativ zu begreifen und weniger quantitativ?

Lichtpoesie und Leuchtdioden

„In Praise of Shadows“ zeigt, wie dieses Umdenken bei einer ganzen Reihe von Designern bereits eingesetzt hat und wie dieses in Leuchtobjekten verschiedenster Art realisiert wurde. Unter den Exponaten sind Arbeiten von bekannten Größen wie Paul Cocksedge oder Tom Dixon. Aber auch Newcomer wie Pieke Bergmans oder die Designgruppe Demakersvan zeigen kreative Entwürfe, die einen Bogen spannen von einer fast poetischen Herangehensweise an das Thema Licht, wie bei dem aus Schaltkreisen und echten Pusteblumen bestehenden Lichtobjekt Fragile Future von dem niederländischen Designerduo designdrift, über alternative Energiequellen bis hin zu innovativen Leuchtenentwürfen. So zeigt zum Beispiel der „Queen’s Chandelier“ des polnischen Büros Puff Buff, dass energieeffiziente Lichtquellen auch eine große Freiheit ins Lichtdesign bringen können: Auf den ersten Blick sieht die Leuchte aus wie ein traditioneller Glas-Lüster, auf den zweiten Blick offenbart sich schließlich, dass die vermeintlichen Lichtkugeln lediglich klare, aufblasbare Kunststoff-Ballons sind, die jeweils eine Leuchtdiode enthalten. So ist die Leuchte trotz ihrer recht imposanten Größe ein wahres Leichtgewicht.
Auf LEDs als Lichtquelle setzte auch Mikko Paakkanen bei der Leuchte „Medusa“: Inspiriert von den Bewegungen von Quallen, leuchten die filigranen Stäbe aus Glasfaser durch sehr helle LEDs. Ein Motor bewegt die Stäbe, sodass die Leuchte sich wie eine Qualle ausbreitet und wieder zusammenzieht. Der Clou: Der Bewegungsvorgang kann zu jeder Zeit gestoppt werden, sodass das Licht wie eingefroren scheint in seiner derzeitigen Bewegung.

Licht aus Wind und Sonne

Auch alternative Energiequellen inspirierten eine ganze Reihe von Designern zu durchaus zukunftsfähigen Entwürfen. Ein Beispiel dafür ist „Light Wind“ der niederländischen Designgruppe Demakersvan. Von Windmühlen inspiriert, ist „Light Wind“ eine für den Außenbereich entwickelte Leuchte, die jede Brise direkt in Licht umwandelt. Die frei stehende Konstruktion aus Holz, Stahl und Segeltuch ist mit einem Propeller von zwei Metern Durchmesser versehen. Jede durch Wind verursachte Drehung sorgt für Energie, die gespeichert wird und schließlich die integrierten LEDs zum Leuchten bringt. Doch nicht nur Wind-, auch die Sonnenenergie lässt sich in Licht umwandeln. Unter dem Pseudonym Loop.ph entwickelten die Engländerin Rachel Wingfield und der Österreicher Mathias Gmachl bereits 2008 den solarbetriebenen Baum aus leuchtendem Draht. „Sonombra“ entstand als Teil des Projektes „Lighting Africa“, initiiert von der Weltbank, als Beispiel für eine kostengünstige Beleuchtung für Regionen ohne Zugang zu Elektrizität. So dient der übergroße Schirm, der sich wie eine Baumkrone über Kopfhöhe erstreckt, tagsüber als Sonnenschutz. Iin der Dunkelheit leuchtet er, indem er die Energie, die während des Tages in den im Sonnendach eingebetteten Solarzellen gesammelt wurde, in Licht umwandelt.

Energiesparlampe in neuen Formen

Doch nicht nur Zukunftstechnologien sind ein Thema der Ausstellung, viele Gestalter befassen sich auch mit dem Hier und Jetzt, sprich, mit der vielfach so ungeliebten Energiesparlampe. So präsentiert die britische Designfirma Hulger mit „Doodle“ einen Prototypen, der die Energiesparlampe rein optisch gefälliger macht, indem die Neonröhre – und aus nichts anderem besteht eine Energiesparlampe – nicht in der üblichen Weise zusammengebogen wird, sondern sich der Neonstrang scheinbar unkontrolliert in wilden Kringeln um die Fassung windet. Für Licht in einer neuen Form steht auch „Light Blub“ von Pieke Bergmans. Dabei scheint eine riesige, amorph geformte Leuchte aus einer ordinären Schreibtischleuchte quasi herauszufließen, um sich in einer neuen Form zu manifestieren. Im Gegensatz dazu steht die Leuchte „Gold F Light“ von Michel Anastassiades, der eine Standard-Energiesparlampe in einen langen, geradlinigen Stab integrierte und diese damit in eine überaus elegante Form brachte. Auch Tom Dixon entwickelte in diesem Jahr eine neue Form für die Energiesparlampe mit „Blow Light“: Durch einen dünnen Kupferüberzug an der Oberseite wird das Licht durch die klare Abdeckung direkt nach unten abgestrahlt.

Die Ausstellung „In Praise of Shadows“ ist im Victoria and Albert Museum in London zu sehen, allerdings untergebracht in einem Bereich der Jones Galleries, der zurzeit eigentlich wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Und genau diesen Umstand machen die Veranstalter zum Ereignis: So müssen Besucher hinter den Bauzaun laufen, wo sie mit Taschenlampen versorgt werden, mit denen sie ihren Weg durch die verdunkelten Galerien finden können. Inmitten der, trotz der Renovierung immer noch sichtbaren, Verzierungen und Ornamente der historischen Umgebung, werden die neuen Leuchtenobjekte schließlich in mysteriös-schaurigem Umfeld präsentiert, was einen spannenden Gegensatz bildet.

Die Ausstellung läuft vom 19. bis 27. September 2009 und wurde organisiert von EUNIC London, den European Union National Institutes for Culture, mit Unterstützung der britischen Repräsentanz der Europäischen Kommission.



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