Das System Südtirol

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Text: Claudia Simone Hoff, 31.10.2016

Südtirol ist ein Wanderer zwischen den Welten. Zwischen Italien und Nordeuropa. Zwischen der Vergangenheit und dem Hier und Jetzt. Zwischen Tradition und Weitblick. Wir sind hingefahren, eine Erklärung zu suchen, warum das so ist. Eine Begegnung mit Architekten, Designern, Handwerkern und ihren Lebensentwürfen.

Dass der Norden Italiens ganz anders ist als der Rest des Landes, das war – betrachtet man die Geschichte Südtirols – von vornherein klar. Spätestens wenn der Zug von Verona kommend Trento passiert, ändert sich das Bild. Nicht so sehr die Landschaft, eher die Orte, die irgendwie ordentlicher wirken. Südtirol ist ein reiches Land – monetär und kulturell sowieso. Auf kleinsten Raum drängen sich hier Sternerestaurants, Delikatessläden, Luxushotels, architektonische Kleinode, Handwerksbetriebe, Wein- und Apfelplantagen. Nachhaltiges Handeln, das Einssein mit der Natur, das Besinnen auf die eigenen Traditionen und Fähigkeiten, die Hingabe an das tägliche Tun – das werden wir auf unserer Reise überall erleben.

Michael Plank und eine Fabrik aus den Sechzigern
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Was das Land gibt
Die Maschinen rotieren im beschaulichen Ultental. Zwei Frauen der Wollmanufaktur Bergauf bedienen die altmodischen Geräte und verarbeiten heimische Schafwolle zu einem kuscheligen Wollvlies. Im Laden nebenan werden die fertigen Produkte – Kissen, Matratzen, Teppiche – verkauft. Die Bäuerin Waltraud Schwienbacher hat das Projekt initiiert und mit der Winterschule Ulten dafür gesorgt, dass mehr Arbeitsplätze ins Tal kommen, sich insbesondere Frauen weiterbilden können. Denn der klassische Bauernhof wirft auch in Südtirol längst nicht mehr genug ab, weshalb man sich umschauen muss nach neuen Verdienstmöglichkeiten. Und so lernen die Frauen, die natürlichen Ressourcen ihrer Umgebung zu nutzen. Es wird geflochten, gewebt, mit Holz und Leder gewerkelt. Was man mit heimischen Pflanzen, Blumen und Wildkräutern alles machen kann, ist auf dem Hof von Waltraud Schwienbacher zu bestaunen. Im Hofladen verkauft sie selbst hergestellte Naturkosmetik, Tees, Salze, Öl und Essig. Schwienbacher, die sich schon mit zwölf ihr erstes Schaf kaufte, hat das Tal vor rund zwanzig Jahren mit der Gründung der Sozialgenossenschaft Lebenswertes Ulten revolutioniert. Dabei ist sie bei den zuweilen grantig-konservativen Eigenbrötlern auf ziemlich viel Widerstand gestoßen, wie sie schmunzelnd erzählt. Und doch beharrlich dabei geblieben – Feminismus nach Südtiroler Art sozusagen.

Selbst ist die Frau
Überhaupt gibt es hier ziemlich viele Frauen, die den Laden schmeißen, um es salopp zu sagen. Sie sind extrem arbeitsam und wissen genau, was sie wollen. Janett Platino beispielsweise, die erstaunliche Köchin im Restaurant Onkel Taa in Töll. Sie führt die Familientradition weiter und arbeitet bis spät in die Nacht gemeinsam mit ihrer Mutter und der 18-jährigen Tochter. Wir treffen uns in ihrer Küche, die mehr einem Blumengeschäft als einer Kochstelle gleicht. Der Grund: Janett liebt es, mit Kräutern, Pflanzen und Blüten zu kochen. Dafür hat sie eigens einen Bauerngarten angelegt und eine Weinbergschneckenzucht hat sie auch. „Das ist ziemlich viel Arbeit" sagt sie. Doch dafür schmeckt es umso besser, weshalb Schneckenliebhaber aus der ganzen Region herbeiströmen, auch um den Blumenkräutersalat und als Dessert Schokolade mit Rose zu probieren. Weiter Richtung Meran machen wir einen Stopp im Hotel Maratscher. Auf der Terrasse überrascht uns Gastgeberin Doris Moser mit frischen Feigen, geerntet im eigenen Garten. Die passionierte Gastronomin und Designliebhaberin sitzt auf ihrer Terrasse und zeigt nach unten: „Da vorn wohnt Harry Thaler.“ Der Designer hat nicht nur einen Tisch für sie maßgefertigt, er ist manchmal auch bei ihr zu Gast und sitzt am liebsten auf dem von ihm entworfenen, zum Stuhl umfunktionierten Ölfass, wie Doris erzählt.
Harry Thaler und sein Traum vom Silo
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Zurück in die Heimat
Harry Thaler ist neben Martino Gamper der wohl bekannteste Designer Südtirols. Nach Jahren in London kehrt er nun wieder zurück in seine Heimat. Nachdem er für Tyler Brûlé ein Ferienhaus in Meran eingerichtet hat, baut er sich in einer Industriezone bei Meran gerade ein Silo zum Studio um. Es ragt 25 Meter hoch in den Himmel und war noch vor kurzem mit Holzspänen der benachbarten Tischlerei gefüllt. Harry Thaler überzeugte den Tischlereibesitzer davon, das Silo umzunutzen und setzte riesige Fenster ein. Demnächst wird er hier auf fünf Etagen, die über einen imposanten Schacht mit Wendeltreppe erschlossen werden, arbeiten – Gemeinschaftsküche, grandiose Aussicht auf die Berge und industrielles Flair inklusive. Einen kleinen Wermutstropfen hat das Ganze allerdings, denn die Rückkehr von London sei geschäftlich schon „ein echtes Risiko“, wie der Designer zugibt.

Alles von hier
Gleich neben seinem Studio hat Harry einen Laden eingerichtet: Pur Südtirol. Hier werden ausschließlich Produkte aus der Gegend verkauft – Naturkosmetik von Waltraud Schwienbacher, Südtiroler Speck, Wein von Alois Lageder, Senf und Schokoladen. Angeschlossen ist ein gastronomischer Bereich, wo man die Produkte gleich verkosten kann. Harry Thaler ist Artdirector und entwirft die Läden, die quer über Südtirol verstreut sind. Außerdem hat er mit Pur Manufactur eine Küchenaccessoire-Linie lanciert und spannt seine Designerfreunde für den Entwurf von Schneidebrettern, Gläsern oder Pfeffermühlen ein. Die Idee jedenfalls scheint ziemlich erfolgreich zu sein, denn im schweizerischen St. Moritz ist das Konzept Pur Alpes in Planung – mit Produkten aus dem gesamten Alpenraum.

Der Apfel der Versuchung
Bei Pur Südtirol kann man auch die Apfelsäfte von Thomas Kohl kaufen. Er baut auf dem Familienhof in Ritten bei Bozen auf knapp 1.000 Höhenmetern Apfelsorten wie Jonagold, Rubinette oder Elstar an – 30.000 Bäume sind es insgesamt. Man kann sagen, dass der ehemalige Busfahrer die Apfelsaftherstellung in Südtirol revolutioniert hat. Thomas Kohl stellt nämlich sortenreine Apfelsäfte her, 350.000 Liter im Jahr. „Im Saft konzentriert sich das Wesen unseres Landes“, sagt er. Und wirklich, nimmt man einen Schluck von seinem Bergapfelsaft-Cuvée Birne – man glaubt, direkt in eine Frucht zu beißen. Thomas Kohls Säfte sind nachhaltig im besten Sinn: durch schonende Pasteurisierung haltbar gemacht, unfiltriert, enthalten sie weder Konservierungsmittel noch Zusatzstoffe.

Familienbande
Ebenso wie Thomas Kohl, Waltraud Schwienbacher und Janett Platino arbeitet auch Michael Plank im Familienunternehmen. Plank stellt seit 1883 Möbel her und wohl fast jeder Südtiroler hat ein Stück von Plank zu Hause stehen. Der Großvater von Michael Plank war Tischler, sein Vater stellte das Unternehmen dann auf eine industrielle Fertigung um. Seit den sechziger Jahren befindet sich der Firmensitz in Auer bei Bozen – in einer Fabrik des Südtiroler Architekten Othmar Barth. Heute werden in der großen Halle Produkte wie die Stühle Myto (Konstantin Grcic) und Blocco (Naoto Fukasawa) oder der Tisch Mart (design.p.lab) nur noch montiert, während die Einzelteile in ganz Italien gefertigt werden. Erfolgsmodell des Unternehmens mit vierzehn Mitarbeitern ist der Barhocker Miura von Konstantin Grcic. Der wird ziemlich dreist in Asien, aber auch in Europa gefälscht, wie Michael Plank erzählt, während er sich auf das Original setzt, das – im Unterschied zur Fälschung – nicht bei 90 Kilogramm Beladung einfach nach hinten abknickt.
Küchen-Atelier von Jochen Haidacher & Lukas Mayr
Arbeiten im Tannenwald
Auf handwerkliche Qualität setzt auch Jochen Haidacher. Er führt die Tischlerei seines Vaters in Percha weiter, wobei der Kundenstamm seither einmal komplett ausgetauscht wurde. Gleich gegenüber seines Elternhauses hat Jochen mit seinem Kinderfreund, dem Architekten Lukas Mayr, eine Werkstatt zum Studio umgebaut. Ziel des Projekts: einen Ort zu schaffen, der zeigt, was man unter zeitgemäßem Tischlerhandwerk versteht. Das Studio ist 40 Quadratmeter groß, wirkt aber mit seiner offenen Empore weitaus großzügiger. Während sich Jochen oben einen Arbeitsplatz mit Blick in den Tannenwald eingerichtet hat, steht der maßgefertigte massive Küchenblock aus Kirschholz im Zentrum des schwarzen Interiors. „Die Küche ist für mich ein Ort des Zusammenseins, ein Ort der Geborgenheit“, sagt Jochen. Und: Dass in diesem bewohnten Showroom gern gefeiert wird, ist ein ziemlich schöner Nebeneffekt.

Hier will ich sein: die Küche
Die Küche spielt auch im Leben von Josi Kosta eine entscheidende Rolle. Zusammen mit seinem Bruder Franz hat er die Tischlerei seines Vaters in Salurn übernommen. Weil sich die Herstellung von Metzgerblöcken aus Holz irgendwann nicht mehr rentierte, hat sich das Brüderpaar vor acht Jahren auf die Herstellung von Modulküchen für drinnen und draußen verlegt. „Wir wollen keinen Luxus, wir wollen Wertigkeit“, beschreibt er seine Idee von Handwerk. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, werden die Edelstahl- und Corianteile zugeliefert, die Fertigung der Holzelemente und die Montage finden dann in den eigenen Werkshallen von Jokodomus statt.

„Ich mag das System Südtirol, das Wertige“ hat Josi Kosta uns zum Abschied gesagt. Und damit zusammengefasst, was alle Menschen, die wir auf unserer Reise getroffen haben, gemeinsam haben: die Liebe zur Natur, das Bewusstsein der eigenen Herkunft, das bedingungslose Sich-Hineinwerfen in die Aufgabe, das Nach-Vorn-Schauen. Alles scheint in Südtirol miteinander verbunden, irgendwie.

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