Das System der Dinge

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Text: Katharina Horstmann

Abseits des lauten Treibens des Fuori Salone spürte die kleine, aber feine Ausstellung Source Material den ursprünglichen Inspirationsquellen gegenwärtiger Kreativität nach und zeigte: Was dem einen ein Buch über die Stringtheorie ist, ist dem anderen eine Butterdose aus Plastik.

Der junge Naoto Fukasawa wuchs im Haus über der Elektrobaufirma seines Vaters auf. In seinem kindlichen Spiel, das geprägt war von den elektrischen Materialien und Objekten, die ihn umgaben, fand er Faszination an grauen Isolierbandrollen. Heute ist sich der japanische Designer sicher, dass es seine erste Auseinandersetzung mit der Schönheit war, die den Dingen innewohnt, und er bekennt sich nach wie vor zu seinem Faible für graue Oberflächen.

Die Isolierbandrolle aus Vinyl zählt zu einer Ansammlung von insgesamt 52 Objekten, die während des diesjährigen Salone del Mobile in der Ausstellung Source Material in den überschaubaren Räumlichkeiten des Kaleidoscope Project Space in Mailand zu sehen waren. Der Titel verrät bereits das zugrunde liegende Konzept des Kuratorentrios, der Designer Jasper Morrison, Jonathan Olivares und Marco Velardi: Sie hatten Persönlichkeiten aus den Bereichen der Architektur, Kunst, Design, Mode, Kochkunst, Film und Musik eingeladen, Objekte der Ausstellung beizusteuern, die sie in der einen oder anderen Weise inspiriert oder sogar maßgeblich in ihrer Entwicklung beeinflusst haben.

Kuriosum an Objekten
Das Resultat war ein buntes Kuriosum an Referenzmaterialien, das ohne Hinweis auf das weitere Oeuvre der beteiligten Ausstellenden auskommt. Der Betrachter wird in einer Art ethnologischem Display lediglich an darin platzierte Alltagsgegenstände herangeführt, die mit Namen ausgeschildert wurden. Quintessentiell für diese kleine, aber insgesamt beeindruckende Show ist die begleitende Publikation, in der die einzeln abgebildeten Objekte mit persönlichen Narrativen versehen ihre Bedeutung preisgeben. Mehrfach von frühkindlichen Prägungsgeschichten durchzogen, vermittelt der schlichte Band, wie aktuelles Schaffen von bestehenden Dingen beeinflusst ist, wie durch deren Einwirkung Neues entstehen kann, woraus zukünftig wiederum Neueres entstehen mag. Damit verdeutlichten die Kuratoren, die selbst Objekte beisteuerten, wie unsere aktuelle materielle Welt von einem Universum vergangener Produkte und damit verbundener Kulturtechniken genährt wird. Die Gebrüder Bouroullec besinnen sich anhand der mütterlichen Nähmaschine und des Hobels aus dem Werkzeugkoffer des Vaters ihrer eigenen Fertigungsphilosophie. Der Londoner Designer Michael Marriott ergründet im Hammer seines Onkels die Perfektion alter Werkzeuge, deren Form sich infolge abermaligen Gebrauchs weiterentwickelte.

Recherchematerial und Relikte
Einige der Exponate dienten der Recherche nach einer spezifischen Form oder einem Material. Desirée Heiss und Ines Kaag von dem Modelabel Bless beteiligten sich mit einer Coca-Cola-Flasche aus Holz, die sie von einer Reise nach Sansibar mitgebracht hatten, wo sie in der Folge auch Holzschmuck für ihre Kollektion fertigen ließen. Jonathan Olivares wiederum zeigte zwei „Rails“ als Relikte der aufkeimenden Skateboardkultur, als deren Teil er sich verstand und die ihm ein völlig neues Verständnis von urbanem Raum mit auf den Weg gab. Das Prinzip der ausgestellten Skateboardschoner adaptierte er später für seinen Entwurf eines Aluminiumstuhls.

Souvernirs der Vergangenheit
Andere Dinge hingegen beanspruchen einen eher metaphysischen Gedankenraum, verdeutlichen ideelle Werte, wecken Empfindungen oder Erinnerungen. Neben einer Butterdose aus Plastik, die den portugiesischen Designer Miguel Vieira Baptista seit seiner Kindheit begleitet, war das Buch The Elegant Universe zu finden, das Carter Cleveland, Gründer der Online-Plattform Artsy, zu seinem Physikstudium verhalf, oder Konstantin Grcics signalgelber Ohrenschutz. Dieser erinnere ihn an seine Tischlerlehre in Dorset, als er fast täglich an der Kreissäge stand und die ihm heute als Andenken an seinen frühen handwerklichen Schaffensdrang geblieben ist.

Ob die Ausstellung konkret stattfindende Produktionsprozesse der einzelnen Teilnehmer nachvollziehbarer machen wollte oder nicht, sei dahingestellt. Vielmehr zeigt sie die potentielle Dichte an Anhaltspunkten, über die sich der menschliche Geist einen Weg in den kreativen Schaffensprozess bahnt. Im Sinne der Ausstellungsmacher wäre damit zumindest zukünftigen Anthropologen ein Dienst erwiesen.

Source Material - a project by Morrison, Olivares & Velardi
Kaleidoscope Press, ISBN 978-88-97185-21-5

Alle Beiträge aus unserem großen Themenspecial Salone 2014 lesen Sie hier.

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