Das grüne Gewissen – Der Salone del Mobile 2008

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Text: Norman Kietzmann

   
Auf der Mailänder Möbelmesse 2008, dem 47. Salone Internazionale del Mobile, wurde der Aufwärtstrend der Branche mit einem neuen Besucherrekord gefeiert. Über 348.000 Besucher drängten sich vom 16. bis 21. April in den Messehallen vor den Toren der Stadt sowie den zahlreichen Ausstellungen und Showrooms im gesamten Stadtgebiet. Dennoch ging das Design auf Nummer sicher und präsentierte zumeist Altbewährtes. Die Trends in diesem Jahr: Tradition und Handwerk gepaart mit einer Prise Ökologie.
Schon an den ersten Messetagen war spürbar, dass diese Messe anders sein sollte als in den Jahren zuvor. Dicht gedrängt schoben sich die Besucher durch die Messehallen, so dass die ausgestellten Produkte im Gewühl beinahe untergingen, während die Polizei die U-Bahn in den Abendstunden sogar zwischenzeitlich wegen Überfüllung schließen musste. Mit 348.000 Besuchern hat die Messe ihre eigenen Prognosen von 270.000 Besuchern deutlich übertroffen und gegenüber dem Vorjahr einen stattlichen Zuwachs von 29 Prozent erzielt. Insgesamt 2.450 Aussteller aus 140 Nationen präsentierten ihre neuen Produkte auf den 230.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche des neuen Messegeländes vor den Toren der Stadt. Ergänzt wurde die Möbelmesse in diesem Jahr von der 17. Ausgabe der Küchenmesse Eurocucina, die sich im Zweijahresrhythmus mit der Lichtmesse Euroluce abwechselt. Einen ausführlichen Bericht zur Eurocucina können Sie in der Designline Küche weiterlesen.
Neue Zielgruppen
Auch wenn das Thema der Messe eigentlich „Go green“ heißen müsste angesichts der unzähligen Anspielungen auf Ökologie und Nachhaltigkeit, ist es zunächst eine andere Farbe die die neuen Sofas, Sessel oder Schränke bestimmt: unschuldiges Weiß. Könnte man zunächst vermuten, es läge an einem Hang zum Pazifismus oder einem neu erstarkten Sinn für Klarheit, ist die eigentliche Ursache eher anderer Natur. Denn es sind vor allem die neuen Käuferschichten aus Dubai, dem nahen Osten und Südostasien, die in Mailand immer präsenter werden und ihre Vorliebe für durch und durch in Weiß gehaltene Interieurs nun auch auf den europäischen Markt importieren.
Der Garten als Wohnzimmer
Wurde das Naturthema in den letzten Jahren mit reichlich Holz und Leder interpretiert, liegt der Fokus nun vor allem im Gartenbereich. Fast alle großen Hersteller haben hierzu wetterfeste Kollektionen vorgestellt, die bereits wie gewappnet schienen für das regenreiche Wetter dieser Mailänder Messe. Dass sich diese in Punkto Designqualität auch als wohnzimmertauglich erweisen, ist durchaus Programm. Schließlich ist es vor allem das naturnahe unbeschwerte Lebensgefühl, das die Hersteller verkaufen als tatsächlich nachhaltige oder ökologisch sinnvolle Konzepte für den Außenbereich. Denn auch, wenn Kunststoffe heute recyclebar sind, sind sie dennoch weit entfernt davon, mit dem Umweltsiegel beworben zu werden.
Sessel als Blumen
Das Thema Natur wurde also weniger mit ökologisch weitsichtigen Konzepten als vielmehr auf sinnlich dekorative Weise angegangen. So hat der japanische Designer Tokujin Yoshioka seinen Stuhl Bouquet als übergroße Blühte mit einer flauschigen Oberfläche aus Taschentüchern entworfen. Florale Anklänge haben auch Fernando & Humberto Campana mit ihrem Stuhl „Aguapé“ eingebracht, der mit einem Kranz aus festen lasergeschnittenem Lederflächen an eine übergroße Wasserblume erinnert und zugleich eine gelungene Weiterentwicklung ihres Stuhles „Leatherworks“ vom vergangenen Jahr markiert. Ungewöhnlich erscheint dagegen der Sessel Kanu von Konstantin Grcic, der wie ein Ausschnitt aus einem Baumstamm wirkt und mit seiner massiven abgerundeten Form mit der sonst stets technisch konstruktiven Formensprache des Münchener Designers bricht. Der Pariser Designer Jean-Marie Massaud blieb dagegen mit seiner Chaiselongue „Terminal“, die entfernt an einen Rochen erinnert, seiner organisch geschwungenen Formensprache treu. Einen echten, wenn auch nicht allzu großen Garten hat der Pariser Botaniker Patrick Blanc schließlich auf dem Dach des neuen Trussardi-Cafés installiert. Als ein mit Pflanzen aus aller Welt bewachsener Ring schwebt er als „hängender Garten“ über dem gläsernen Anbau des Cafés, der sich bis auf den Bürgersteig neben dem altehrwürdigen „Teatro alla Scala“ hinausschiebt.
Archaisches Handwerk
Einhergehend mit den Motiven des Gartens sind zunehmend auch besonders handwerkliche Techniken gefragt, die vorzugsweise auch eine exotische Handschrift tragen. So hat Patrizia Urquiola ihre Tropicalia Gartenstühle mit einem Geflecht aus Kunststofffäden überzogen, die traditionelle Handwerkskunst mit der visuellen Sprache der Op-Art verbinden. Auch der Pariser Architekt Dominique Perrault hat für sein Sofa Tricot mit einem Geflecht aus Lederstreifen gearbeitet, das drei unterschiedlich große lederne Kissen zusammenhält. Sein Entwurf wirkt dabei auf seltsame Weise archaisch und dennoch zeitgemäß modern. Deutlich filigraner erscheint dagegen das vom Mailänder Designer Prospero Rasulo entworfene Club Sofa, bei dem ein Stahlrahmen mit Fäden aus PVC und verstärktem Nylon bespannt wurde. Der israelische Designer Arik Levy setzt das Konzept der filigranen Oberflächen schließlich auch mit seinem modularen Bücherregal Fluid fort. Aufgegliedert in handliche Boxen aus dünnen metallenen Stäben wirkt es leicht und grafisch zugleich.
Exotische Muster
Ist das Ornament in den letzten zwei Jahren deutlich zurückhaltender zum Einsatz gekommen, feiert es nun seine fulminante Wiederkehr. So entwarf der niederländische Designer Tord Boontje , der bereits vor vier Jahren die florale Dekowelle mit eingeläutet hatte, einen Stuhl im handgefertigten Ethnolook. Die Sitzfläche seines „Shadowy Chair“ wird von Kunsthandwerkern in Afrika hergestellt, die die Muster aus ihrer eigenen Kultur in den Entwurf mit einarbeiten sollen. Das Design, so der Ansatz, soll den kulturellen Austausch wieder anregen und über eine faire Bezahlung der Arbeiter auch gezielte Entwicklungshilfe leisten. Auf Muster hat ebenfalls der Chemieproduzent Dupont gesetzt und die Modedesignerin Rosita Missoni eine gesamte Wohnkollektion aus „Corian“ entwerfen lassen, bei der Streifen, Punkten und florale Muster zu einem opulenten Gesamteindruck kombiniert werden. Interessant ist auch der aus verschiedenfarbigen Schubladen bestehende Schrank Stack des israelischen Designers Shay Alkalay, der imposant in die Höhe gestapelt werden kann und mit seiner intensiven Farbgebung überzeugt.
Neue Kontraste
Sinn für Leichtigkeit bewies auch der Mailänder Designer Fabio Novembre mit seiner Liege „Divina“, bei der er ganz in der Tradition des postmodernen Designs eine klassische Mies van der Rohe Liege mit einer liegenden Skulptur verschmelzen ließ. Und Jaime Hayon, derzeit Spaniens erfolgreichster Designexport, hat für Bisazza einen mit Mosaiksteinen übersäten Düsenjäger in eine gemütliche Lounge verwandelt. Auf überaus holländische Weise hat Hella Jongerius ihren Rotterdam Chair als ein Patchwork aus traditionellem Holzstuhl mit Elementen aus tranluzentem Acrylglas entworfen, während Andrée Putman ihren Tisch Zenith mit einem Innenleben aus goldenen Mosaiksteinen versah. Seinen Hang zu ungewöhnlichen Performances lebte der Amsterdamer Designer Marcel Wanders diesmal mit seiner Installation für Swarovski Crystal Palace aus, bei der er drei Bikinischönheiten unter kristallene Lüster platzierte, die sich schließlich als ungewöhnliche Duschen entpuppten.
Die Altmeister der Postmoderne
Doch auch die Veteranen der Postmoderne selbst waren dieser Messe zahlreich vertreten. So entwarf Alessandro Mendini eine neue Küche für Alessi, während die Pariser Silberschmiede Christofle die Zusammenarbeit mit Gio Ponti in einer gesonderten Ausstellung in der Triennale würdigte. Und Glas Italia präsentierte eine Kollektion von Spiegeln, die Ettore Sottsass nur wenige Tage vor seinem Tod im Dezember 2007 vollendet hatte.
Zeit der Rückblenden
Auch sonst war die 47. Mailänder Möbelmesse mit runden Jubiläen reichlich gefüllt: Feierte Cassina schon am Vortag der Messe seinen 80. Geburtstag mit einer aufwändig inszenierten Ausstellung in der Mailänder Triennale, beging Kartell seinen 60. Geburtstag gleich an drei aufeinander folgenden Tagen. Und anlässlich des 40. Jubiläums des Sitzsacks Sacco würdigte Zanotta das Kultmöbel der 68er Generation mit einer großen Ausstellung, bei der es in luxuriösen Haute-Couture-Stoffen ausgeführt wurde. Einen neuen Blick auf Altbekanntes wagte auch der britische Kultregisseur Peter Greenaway in seiner filmischen Auseinandersetzung mit Leonardo da Vincis „Letztem Abendmahl“. Das Fresko in der Mailänder Dominikanerkirche Santa Maria delle Grazie wurde von ihm in einem 3D-Programm nachgebaut und auf bisher ungesehene Weise neu beleuchtet. Die Projektion, zu der nur wenige Zuschauer jeweils eingelassen wurden, wurde sowohl am Originalstandort als auch in einem Nachbau im Palazzo Reale gezeigt. Auch hier war die Nachfrage deutlich größer als Karten für die wenigen Vorstellungen zur Verfügung standen. Mailand, so scheint es, hat zu seiner alten Form wieder zurückgefunden.
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