Das letzte Museum seiner Art

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Text: Chris Dercon
Foto: Klaus Haag

In den Wochen und Monaten, die auf die Eröffnung der neuen Tate Modern der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron folgten, sprachen die Mitarbeiter der Tate öffentlich darüber, dass sie das Gebäude noch „optimieren“ müssten. Das gilt wohl für jedes neue Gebäude. Kluge Architekten wie auch gute Bauherren sollten sich in jedem Fall diesem Gedanken verpflichten. Aber die „Optimierung“ eines neuen Museumsgebäudes – und besonders einer Erweiterung – hat immer etwas Besonderes: Sind die neuen Flächen für Kunst geeignet? Wie interagiert das Publikum mit den neuen und den bereits existierenden Räumlichkeiten? Und vor allem, gibt es ein Budget für Anpassungen oder Korrekturen?

Im Falle der Tate Modern kommen noch unerwartete Themen hinzu. Man denke nur an die Beschwerden einiger Nachbarn der Tate Modern, die detailliert in der britischen Presse breitgetreten wurden. Offensichtlich fühlen sich die Bewohner der neuen Luxuswohnbauten in der Umgebung unwohl beim Gedanken, dass Museumsbesucher sie von der Aussichtsterrasse beobachten können.

Bei allem Mitgefühl, das ich für diese menschlichen Wesen empfinde: In vielen dieser Luxus-Apartments wohnt überhaupt niemand. Doch sie stehen nicht etwa leer, sondern sind mit hochpreisigen Designer-Möbeln und extragroßen Coffee-Table-Büchern eingerichtet. Die Besucher der Tate Modern können so trefflich über „Kunst und Design“ reflektieren: Was macht einen guten Stuhl aus? Ein Stuhl ist keine Skulptur! Welche Funktion hat der dicke Buchrücken bei Coffee-Table-Büchern? Sogar Gedanken über Ungleichheit melden sich möglicherweise. Und wer sind die jungen Leute, die man regelmäßig beim Putzen sieht oder wie sie diese oder jene Ausstattungsgegenstände hin und her bewegen?

Wie dem auch sei: Es ist eine bezaubernde unfreiwillige Kunstinstallation, die von der neuen Tate ebenso unfreiwillig geboten wird. Und das sagt einiges über die vielen Fehler in der Londoner Stadtplanung wie auch die mangelhaften sozio-ökonomischen Bedingungen und die daraus resultierenden Konsequenzen aus.Ein überraschender Nebeneffekt des Ganzen: Einige der Luxus-Apartments, die der Aussichtsterrasse genau gegenüberliegen, scheinen seit der Eröffnung der neuen Tate Modern plötzlich günstig auf den Markt zu kommen: Gentrifizierung in umgekehrter Richtung?

Zugleich muss man zugeben, dass unter Architekturtheoretikern wie auch -praktikern zum Teil die Meinung herrscht, das neue Switch House sei allzu sehr als eine „Beobachtungsmaschine“ angelegt, sogar wenn man in Betracht zieht, dass ein Museum grundsätzlich einer jener seltenen Plätze ist, an denen Besucher geradezu ermuntert werden, andere Besucher zu beobachten. Oder es gäbe ganz allgemein „zu viel Architektur“ in der neuen Tate, was in mancher Hinsicht einen neutralisierenden Effekt hat, besonders auf die Wahrnehmung mancher Werke. Aber zuallererst: Gibt es genügend Mittel, um die vergrößerte Fläche, zum Beispiel auch die öffentlicheren Räume, mit Künstlern und Kunst zu beleben?

Aber auch wesentlich profanere Themen müssen bedacht werden: Die meisten Besucher der neuen Tate Modern irren als erstes durch die Etagen ganz nach oben, um auf die Aussichtsterrasse zu gelangen. Dadurch wird die Reihenfolge der Ausstellungsstücke kaum beachtet, die Aufzüge anders belastet als geplant. Entspricht die Konversion den Erwartungen, bedenkt man die hohe – zu hohe? – Anzahl von Cafés, Restaurants und Shops im Museum? Mit Konversion meine ich die Umwandlung von Ausstellungsbesuchern in zahlende Kunden, die für Essen, Trinken und andere Dinge Geld hierlassen. Sind die wunderschönen, bunten Textilbezüge von Jasper Morrisons Möbeln im Restaurant der intensiven Nutzung durch die Besucherhorden gewachsen? Und sollte man den Außenanlagen des Museums nicht mehr Aufmerksamkeit und Pflege zukommen lassen als bisher, damit die Tate zu einem wahrhaft öffentlichen Raum wird? Wie so oft in der Landschaftsarchitektur wurde aus Kostengründen die Gestaltung der Flächen sowohl nördlich wie auch südlich des Museums gegenüber der ursprünglichen Planung zurückgeschraubt. Ganz gewiss, die neue Tate Modern muss noch lernen, mit den stark gestiegenen Besucherzahlen umzugehen und sie zu choreografieren.

Diese Themen zeigen, dass die Tate Modern es schaffen will, ein sehr andersartiges Museum für eine ganz neue Museumsära zu sein, in der die Bedürfnisse der Besucher noch mehr als bisher zählen. Ähnlich äußert sich in meinem Interview mit ihm Gunther Vogt, der Landschaftsarchitekt der Tate Modern (erschienen in Tate Modern: Building of a Museum for the 21st Century), wenn er sagt, dass es gut sein kann, dass die Tate Modern eines der letzten Museen seiner Generation sein könnte: „Ich glaube, es ist das letzte Museum seiner Art, seiner ganzen Generation. Es wird keine weiteren Möglichkeiten mehr geben, so etwas zu machen, da die ganze Philosophie von öffentlicher Mittelbeschaffung, öffentlichem Raum und Öffentlichkeit per se gerade den Bach runtergeht.“

Die wichtigste Anmerkung kam jedoch vermutlich von der Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina in ihrem Essay, der im selben Buch erschienen ist: „Auf welche Weise könnte man die Tate Modern noch mehr erweitern? Welche Hindernisse gibt es? Was könnte noch mit aufgenommen werden, bevor das Museum explodiert?“ Sogar wenn Colomina Recht haben dürfte mit ihrer Sorge um die Zukunft der Museen, bin ich überzeugt davon, dass der Tate eine Architektur des „Andersseins“ gelungen ist, die eine ganz neue Ära von „andersartigen“ Museen anstoßen könnte.

Und ganz generell, sollte die Erweiterung nicht das letzte Mittel zur Veränderung eines Museums sein und daher nur unternommen werden, wenn wirklich jede andere Option betrachtet und vollständig durchdacht worden ist?  Der Architekturhistoriker Mark Wigley hatte vermutlich recht, als er während einer Unterhaltung auf der letzten Architektur-Biennale in Venedig sagte: „Architekten reden gern darüber, dass Dinge sich nicht verändern – aber ihre Vorstellung davon, was sich nicht verändert, verändert sich die ganze Zeit. Das ist ziemlich toll.“ Museumsarchitekten, die offen dafür sind, das zu verändern, was sich angeblich nicht ändern lässt, werden diejenigen sein, die die kulturelle Debatte anführen, diejenigen, die nicht schlicht und einfach abgehängt werden.

Wir sind gespannt, wie die oben geschilderten Themen sich auf die Gestaltung des neuen Museums am Kulturforum in Berlin (ebenfalls von Herzog & de Meuron) auswirken werden. Dieses scheinen einen „ländlichen Futurismus“ im Koolhaasschen Sinne mitten ins Zentrum Berlins bringen zu wollen, so als würde sich die alte Ost-West-Achse Berlins plötzlich nach Norden und Süden öffnen – und damit dem lange vernachlässigten Umland.

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