David Chipperfield in Vicenza

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Text: Jeanette Kunsmann, 12.07.2018

Architekten lieben Monografien und präsentieren ihr Werk ebenso gerne in Ausstellungen – vermitteln sie es damit aber auch? In Vicenza versammeln David Chipperfield Architects eine Auswahl von 20 Projekten, darunter bekannte und unbekanntere Bauten, unter dem berühmten Dach der Basilica Palladiana.

Die Berliner Dependance feiert diesen Sommer ihr 20-jähriges Bestehen, auf der Baustelle der Kunsthauserweiterung in Zürich wurde soeben der Rohbau fertiggestellt und in Vicenza präsentiert das Büro David Chipperfield Architects (DCA) seit Mitte Mai seine derzeitigen Hauptprojekte in einem umfangreichen Ausstellungsparcours. Schaufenstergroße Fotografien treffen auf kunstvoll gearbeitete Modelle in unüblich großen, beeindruckenden Maßstäben mit den geschätzten Produktionskosten eines Kleinwagens – in das Umgebungsmodell des Amorepacific Headquarters in Seoul können sich die Besucher sogar hineinstellen. 

„Die Entwicklung von Ideen unterscheidet sich von Projekt zu Projekt“, sagt Sir David Chipperfield, wobei jeder Prozess abhängig von unterschiedlichen Möglichkeiten und Grenzen sei. Wie enorm sich die aktuellen und laufenden Projekte unterscheiden, erfährt man bei einem Spaziergang durch den großen Saal in der Basilica Palladiana: dem Salone Superiore.

Begrüßt von einer „Portrait Gallery“, die alle vorgestellten Werke eingerahmt auf den eingezogenen Holzwänden versammelt, reihen sich auf der Mittelachse DCA-Projekte in Shanghai, Galizien und Zovencedo aneinander, abgeschlossen von den Shop-Konzepten für Brioni und Valentino sowie den Designobjekten, die David Chipperfield in seiner Laufbahn gestaltet hat. Kurz vorher öffnet sich der Raum im hinteren Drittel. Eine Ausbuchtung stellt die fast fertige James-Simon-Galerie samt der historischen Entwicklung der Berliner Museumsinsel dar, gegenüber wartet ein Modell für ein Privathaus in der Schweiz.

Ausstellungsansichten: Modell Amorepacific Headquarters in Seoul. Foto: Simon Menges
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Von einer Friedhofskapelle im japanischen Inagawa oder dem metallischen minimalistischen Flagshipstore für das Modelabel Ssense in Montreal bis zum West Bund Art Museum in Shanghai, das weit entfernt in der anderen Saalecke schräg gegenüber platziert wurde: Die Bandbreite der Architektur, die einem in dieser Werkschau begegnet, ist erstaunlich. „Wir wollen einen tieferen Einblick in den Gestaltungsprozess ermöglichen und zeigen, dass dieser nicht ein Geniestreich eines Einzelnen ist“, erklärt dazu Chipperfield selbst, „sondern eine kollaborative und iterative Methode, die chaotisch und unvorhersehbar ist.“ Ihm geht es um den „Prozess der Ideenfindung durch ein tieferes Verständnis von Ort und Zweck“ anstatt „eines Überstülpens von Ideen, die nur formale Voreingenommenheiten des Architekten, des Kunden oder sogar der öffentlichen Meinung bestätigen.“

Chaos und Unvorhersehbarkeit zählen nun ausgerechnet zu den Parametern, die man im Portfolio von David Chipperfield Architects eher nicht erwarten würde, wohl eher Symmetrie, Geometrie und Proportion: Schlüsselbegriffe der Renaissance. Doch schon Andrea Palladio musste erfahren, wie unplanbar Architektur zuweilen bleibt. Trotz seines Wissens und einem Œuvre mit über 80 Hauptwerken konnte der Baumeister den Entwurf für seine Basilica (1549–1614) nicht mehr selbst abschließen – er verstarb 1580 in Vicenza. Warum nun 438 Jahre später in der norditalienischen Palladio-Stadt die Werkschau von David Chipperfield residiert, selbstverständlich in einem Palladio-Palast, bleibt ohne Erklärung, der Ort überzeugt. Und wer weiß, vielleicht wandert die Ausstellung ja weiter – das ein oder andere Architekturmuseum freut sich garantiert.

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