Der Avantgarde voraus

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Text: Norman Kietzmann
Foto: Philippe Ruault


Er gilt als Wegbereiter der Moderne. Und dennoch wurde Adolf Loos Zeit seines Lebens verkannt. Mit seinen theoretischen Arbeiten international gefeiert, wurde sein gestalterisches Werk nur allzu oft beiseite geschoben: von den Traditionalisten, den Secessionisten und den Modernisten ebenso. Dabei, und das zeigt die von Ralf Bock veröffentlichte und nun in Deutsch erschienene Loos-Monografie, war der streitbare Selfmademan seiner Zeit umso mehr voraus. Er hat heute sogar die einstigen Avantgardisten der Moderne überlebt.



„Ich bin gegen das Photographieren von Interieurs. Es kommt dabei etwas ganz anderes heraus. Es gibt Architekten, die Einrichtungen machen, nicht damit der Mensch in ihnen gut wohne, sondern damit es beim Photographieren schön ausfalle“, schreibt Adolf Loos in einem Essay aus dem Jahr 1924 und wirkt mit diesem Kommentar zugleich auf bestechende Weise aktuell. Passiert es nicht allzu oft, dass sich die verführerischen Renderings neuer Gebäude oder Objekte, wenn man ihnen im Original begegnet, als heiße Luft erweisen?

Die Qualität von Raum

„Ich will gerade, dass die Menschen in meinen Zimmern den Stoff um sich fühlen, dass er auf sie wirke, dass sie von dem geschlossenen Raum wissen, dass sie den Stoff, das Holz fühlen, dass sie es mit ihrem Gesicht und Tastsinn, überhaupt sinnlich wahrnehmen, dass sie sich bequem setzen dürfen und den Stuhl auf einer großen Fläche ihres peripheren Körpertastsinns fühlen und sagen: Hier sitzt es sich vollkommen“, erklärt Loos sein gestalterisches Leitbild weiter. Für den Autor des Textes „Ornament und Verbrechen“ (1908), dessen polemische Abrechnung mit dem dekorativen Kunsthandwerk des 19. Jahrhunderts sowie der Ornamentik des Jugendstils zum Schlüsselwerk der Moderne wird, liegt hierin zugleich der Anlass für ein Missverständnis, das ihn zeitlebens verfolgen wird. Mit seinen Texten gefeiert, wird Loos nicht zuletzt auch von den Bauhäuslern wegen des scheinbaren Widerspruchs zwischen seinen theoretischen und praktischen Arbeiten kritisiert.

Bis heute bewohnt

Dass diese beiden Seiten – die in der Designgeschichte nur allzu oft separat voneinander betrachtet wurden – dennoch ein schlüssiges Ganzes bilden, zeigt derweil die von Rolf Bock verfasste und nun auch auf Deutsch erschienene Monografie über das Gesamtwerk und Leben von Adolf Loos. Trotz dessen Vorbehalte gegenüber der Photographie hat der in Wien lebende Architekt und Autor, der zugleich Gründer der Adolf-Loos-Gesellschaft ist, zusammen mit dem französischen Photographen Philippe Ruault die erhaltenen Gebäude und Inneneinrichtungen von Adolf Loos besucht und dokumentiert – mit einem keinesfalls selbstverständlichen Ergebnis: Denn alle Loos‘schen Häuser, die sich noch immer ausschließlich in Privatbesitz befinden, werden auch heute noch bewohnt und wirkten beim Phototermin, immerhin beinahe 100 Jahre nach ihrer Entstehung, sogar lebendiger als auf den schwarz-weißen Archivphotos aus den frühen 1930er Jahren. Ein Widerspruch? Oder zeigt sich an dieser Stelle vielleicht sogar der Kern von Adolf Loos‘ gestalterischem Werk, das den Traditionalisten stets zu modern und den Modernisten stets zu traditionell war?

Einfluss der Neuen Welt
 
Für den 1870 in Brünn geborenen Sohn eines Bildhauers und Steinmetzen begann der Weg zur Architektur als Autodidakt. Ohne ein Studium oder eine Ausbildung abzuschließen, ging er für drei Jahre in die USA zu seinem Onkel nach Philadelphia und besuchte die Weltausstellung in Chicago 1893. Beeindruckt von der pragmatischen wie industriellen Produktionsweise in Amerika kehrte er nach einem Aufenthalt in London schließlich nach Wien zurück, wo er 1897 mit der Gestaltung erster Interieurs begann und zeitgleich für die angesehene Wiener Tageszeitung „Neue Freie Presse“ erste Artikel verfasste.

Als ihm Josef Hoffmann, mit dem er gemeinsam das Gymnasium im böhmischen Iglau besucht hatte, 1898 abschlug, an der Einrichtung des Gebäudes der Wiener Secession mitzuarbeiten, kam es zum Bruch mit dem Freund, der in eine lebenslange, erbitterte Feindschaft umschlug. Loos setzte fortan alles daran, um Hoffmann, der später zum Direktor der Wiener Akademie der Künste aufstieg, und die von ihm gegründete Wiener Werkstätte mit seinen Texten und Entwürfen zu attackieren. Ein im Nachhinein entscheidender Schritt, der vielleicht ohne die persönliche Verletzung weit weniger radikal und leidenschaftlich ausgefallen wäre.

Wegweiser der Moderne


In den kommenden Jahren machte Loos mit der Ausstattung zahlreicher Geschäfte, Wohnungen, Bars und Cafés auf sich aufmerksam, darunter die noch heute erhaltenen Interieurs des „Café Museum“ von 1899 oder der „Kärntner Bar“ (heute „American Bar“ oder „Loos Bar“) von 1908 in Wien. Dennoch sollte es knapp 13 Jahre dauern, bis Loos mit dem Mietshaus am Wiener Michaelerplatz 1910 sein erstes Gebäude realisieren konnte, das zugleich zu einem wohl kalkulierten Skandal ausartete. Unten von Säulen aus grünlichem Marmor getragen, wartet es darüber mit einer weißen, glatt geputzten Fassade auf – ein Affront zu jener Zeit, befindet sich der Bau schließlich quer gegenüber der Wiener Hofburg. Nach der  Androhung empfindlicher Strafen gelangte man schließlich zu einem Kompromiss, als Loos an einigen Fenstern Blumenkästen aus Bronze einfügte. Wurde er mit diesem Gebäude als Wegbereiter der Moderne – gar als „Säuberer der Architektur“ gewürdigt, geriet er zugleich immer stärker in deren Kritik.

Evolution statt Revolution

Denn anstatt wie die Bauhäusler einen klaren Bruch mit der Vergangenheit zu fordern, sieht Loos den Fortschritt stets als eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Vergangenheit. „Das Heute baut sich auf das Gestern auf, sowie sich das Gestern auf das Vorgestern aufgebaut hat. Nie war es anders – nie wird es anders sein.“ Stand Loos mit der Verbindung aus Tradition und Fortschritt weitestgehend allein – auch Mies van der Rohe lud ihn wider seiner anfänglichen Erwartung nicht zur Gestaltung der Weißenhofsiedlung 1927 ein – scheint sein Werk heute sogar die einstigen Avantgardisten überlebt zu haben.

Denn was modern sei und was nicht, wurde von Loos keinesfalls als Ausdruck der Zeit aufgefasst. Die Befreiung vom Ornament bedeutet für ihn keine Reduktion im wortwörtlichen Sinne. Worum es ihm ging, war eine Orientierung zu mehr Qualität in der Auswahl der Materialien sowie der handwerklichen Verarbeitung, zu mehr Sinnlichkeit und Textur der häuslichen Umgebung. Was er damit im Sinne hatte, zeigen zugleich die neuen Aufnahmen im Buch: In vielen Häusern und Inneneinrichtungen sind noch immer Wandverkleidungen aus Marmor oder Holz zu finden, die auch nach 100 Jahren im Originalzustand erhalten sind.

Leben mit Loos

Gebäude wie die Villa Müller in Prag (1928-1930) oder das Haus Moller in Wien (1926-1927) wirken alles andere als museal. Im Gegenteil: Man sieht ihnen an, dass in ihnen gelebt wird. Die Hölzer haben eine würdevolle Patina erhalten, während auch die formale Umsetzung an vielen Stellen erstaunlich zeitlos erscheint. Bei Projekten, an denen der Originalzustand durch Umbauten verändert wurde, ergänzen historische Schwarz-weiß-Aufnahmen das neue Bildmaterial und machen auf diese Weise dennoch einen lückenlosen Gesamtblick auf Loos' verhältnismäßig kleines und doch so wirkungsvolles Œuvre möglich.„Sein Werk ist nicht kontinuierlich“, schrieb der Kritiker und Bauhaus-Theoretiker Sigfried Giedon anlässlich Loos' 60 Geburtstag im Jahr 1930: „Aber er hat Augenblicke. In diesen Augenblicken hat er kühner, stichhaltiger und weiter gesehen als alle, die mit ihm begannen. Kein Architekt lebt heute, der nicht ein Stück Loos in sich trüge.“ Mit seinen atmosphärisch-eindrucksvollen Innenräumen – so stellt dieser Band unter Beweis – scheint Adolf Loos selbst heute den meisten Architekten weit voraus zu sein.


Ralf Bock: Adolf Loos – Leben und Werk
Photos von Philippe Ruault
ISBN: 978-3-421-03747-3
Verlag: DVA Architektur
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