Der Himmel unter der Erde

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Text: Katja Neumann


Lichtkunst hat sich inzwischen zwar als eigenständige Kunstform etabliert, ist aber noch immer eine vergleichsweise junge Disziplin. So ist es erstaunlich, dass das Zentrum für Internationale Lichtkunst in Unna noch immer das erste Museum ist, dass sich ausschließlich diesem Thema widmet. Seit 2001 zeigt das Zentrum, das sich zehn Meter unter der Erde in den ehemaligen Kühlgewölben der Lindenbrauerei befindet, in seiner Dauerausstellung unter anderem Werke von namhaften Vertretern des Genres wie Olafur Eliasson, Mischa Kuball, Mario Merz oder Keith Sonnier. Ergänzt wird die Sammlung seit dem 1. Februar nun durch die bundesweit erste Außeninstallation von James Turrell, einem der bekanntesten zeitgenössischen Lichtkünstler. Anlässlich der Einweihung von „Third Breath, 2005“ zeigt das Zentrum bis zum 31. Mai die umfangreiche Ausstellung „Geometrie des Lichts“, in der vor allem neue und selten gezeigte Werke des US-amerikanischen Künstlers zu sehen sind.

Der heute 65-jährige James Turrell hat sich seit den 1960er Jahren ganz dem Medium Licht verschrieben. In den Lichtobjekten Turrells, die in Museen weltweit zu sehen sind, erscheint Licht als raumbildende Substanz, in die man eintreten und an der man visuell teilhaben kann. Seine Installationen werden nicht im klassischen Sinn beleuchtet. So gibt es in ihnen auch keinen Schatten – einziger Raumgegenstand ist das Licht. Auch das Thema „Himmel“ taucht in Turrells Arbeiten immer wieder auf. So gilt er nicht zuletzt als der Erfinder der „Skyspaces“, die im Laufe der Jahre zu einer Art Markenzeichen geworden sind. Turrell spielt mit der Wahrnehmung, indem er ein spektakuläres Zusammenspiel von Natur, Licht und Farbe in Raum-Lichtkunstwerken inszeniert.

Camera Obscura und Skyspaces

Die neue, 15 Meter hohe Außenarbeit „Third Breath, 2005“ ist eine zweistöckig angelegte Architektur, in deren Inneren ungewöhnliche Wahrnehmungen von Licht möglich sind. Turrell selbst hat bereits mehrere solcher Architekturen geschaffen, die er als „Skyspaces“ betitelt. In Unna ist die Installation über einen unterirdischen Gang mit den bisherigen Ausstellungsräumen verbunden. So betritt der Besucher zunächst den unteren, dunklen Raum der Installation, die „Camera Obscura“. Hier sammelt eine runde Öffnung in der Decke des Gebäudes das Licht des Himmels, welches, dem System einer Lochkamera nachempfunden, als Lichtstrahl durch eine Speziallinse in den unteren, lichtlosen Raum geführt wird. Am Boden bildet sich ein bewegtes Himmelsbild ab, sodass die stetigen Veränderungen des Himmelslichts oder, besonders eindrucksvoll, der Übergang vom Tag zur Nacht sinnlich erfahrbar werden.
Zusätzliche Lichtzuschaltungen in der Himmelsrotunde während der Dämmerung lassen den Himmel selbst schließlich als Farbfläche erscheinen. Ermöglicht wird dieses Erlebnis durch die in die Decke eingelassene Speziallinse der Firma Swarovski Optik. Produziert in vier Arbeitstagen und von Hand geschliffen, wurde die Linse eigens für das Kunstwerk angefertigt.
Über Treppen gelangt der Besucher von der "Camera Obscura" in den oberen Bereich der Installation, den „Skyspace“. Während im unteren Teil des Gebäudes ein durch das natürliche Licht und die Brennschärfe der Linse künstlich erzeugtes Bild des Himmels zu sehen war, kann der Besucher nun einen Vergleich zum natürlichen Himmelsbild herstellen, das wie eine riesige Kuppel über ihm zu schweben scheint.
Einzigartig ist an dem Gebäude in Unna die Verbindung des Skyspaces-Konzept mit dem Camera Obscura-Prinzip, welches in dieser Form erstmals zu sehen ist.

Interaktive Animation des „Roden Crater“

Die neue Dauerinstallation von James Turrell wird von der Wanderausstellung „Geometrie des Lichts“ begleitet, die einen umfassenden Einblick in das Schaffen des Künstlers aus Kaliforniern bietet. So verweist die Ausstellung insbesondere auf das Lebenswerk Turrells, das eng mit dem Konzept der Skyspaces verbunden ist: den erloschenen Vulkan „Roden Crater“ in Arizona. Seit 1974 formt Turrell den kreisförmigen Trichter zu einem Observatorium, in dem Besucher den Himmel mit all seinen Phänomenen in neuartiger Weise erfahren können. Die Ausstellung in Unna präsentiert neben Fotografien des Ortes auch ein großflächiges Modell des Roden Crater, an dessen Fuße sich Überreste einer Hopi-Indianer-Siedlung befinden. Ein interaktiv animiertes Modell des „Roden Crater“ gibt dem Zuschauer Einblick in die Innenwelt des Kraters und macht so die Dimensionen und die einzelnen Wahrnehmungsräume des Kunstobjektes erfahrbar.

Extraterrestrisches Examen

Eigens für die Ausstellung „Geometrie des Lichts“ wurde auch der 1989 entstandene Wahrnehmungsraum „Alien Exam“ rekonstruiert. Auf einer beweglichen Liege ruhend, absolvieren die Besucher ein „extraterrestrisches Examen“, während sie in eine mit wechselnden Lichtphänomenen bespielte Lichtkuppel schauen. Diese Arbeit, aus der Reihe „Perception Cell“, wurde vorher lediglich nur ein Mal, im Rahmen der Turrell-Ausstellung 1992 in Düsseldorf gezeigt.
Auch eines der neuesten Werke des Künstlers ist in der Ausstellung zu sehen, als Leihgabe der Firma Zumtobel: Das großformatige Licht-Bild aus der Serie „Tall Glasses“ besteht aus Glas und fokussiert die Wirkung von Licht auf einer Fläche im Raum. Dafür erarbeitete James Turrell mit Ingenieuren von Zumtobel eine spezifische Programmierung von LED-Leuchten, die auf dem Bildträger sanfte Bewegungen von Licht und Farbe generieren.
Auch die Technik des seit fünf Jahren in Unna ausgestellten Lichtraums „Floater 99“ von James Turrell ist eine Dauerleihgabe von Zumtobel. „Floater 99“ ist ein Raum, der mit einer Art Lichtnebel erfüllt ist, ein Licht-Bild, das aus sich selbst heraus leuchtet, ohne Bilderrahmen oder Wandbefestigung.

Für Anreisende ist das Zentrum für Internationale Lichtkunst in Unna bereits weithin sichtbar durch seinen 52 Meter hohen Schornstein. Tief unter der Erde auf einer Gesamtfläche von rund 2400 Quadratmetern werden die labyrinthischen Gänge der ehemaligen Lindenbrauerei, die Kühlräume und Gärstätten nun künstlerisch inszeniert. Ein Novum bietet die neue Außenarbeit von James Turrell für das Lichtkunst-Zentrum übrigens noch in anderer Hinsicht: Aus baurechtlichen Gründen ist der Besuch der Dauerausstellung des Zentrums für Internationale Lichtkunst nur im Rahmen einer Führung möglich. „Third Breath, 2005“ ist jedoch erstmals ohne Führung zu besichtigen. Die Zuschauer werden hinein geführt und können sich im Inneren des Gebäudes in Ruhe selbst ein Bild machen und Licht auf ihre ganz eigene Weise neu erfahren.

James Turrell: Geometrie des Lichts
1. Februar bis 31. Mai 2009
Zentrum für Internationale Lichtkunst e.V.
Lindenplatz 1
59423 Unna

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