Der Netzwerker: Studiobesuch bei Harry Thaler

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Text: Claudia Simone Hoff

Harry Thaler ist ein gestalterischer Tausendsassa. Er entwirft Häuser, Fahrräder, Stühle, Gläser. Wir haben den Südtiroler Designer in seinem Silo-Studio in Lana bei Meran besucht. Bei einem Espresso mit Blick über die Berge sprach er über Architektur als Passion und Partys bei Tyler Brûlé.

Das Industriegebiet von Lana liegt an der Schnellstraße nach Meran. Schon von weitem sieht man den Turm. Mitten auf einem Parkplatz, umgeben von Sheddach-Gebäuden ragt er 25 Meter in die Höhe. Der Betonklotz war einmal ein Silo, in dem die Holzspäne der benachbarten Tischlerei lagerten. Nun arbeitet hier Harry Thaler, neben Matteo Thun und Martino Gamper der wohl bekannteste Designer Südtirols. Vor vier Jahren ist Thaler aus London in seine Heimat zurückgekehrt und hat sich ein wenig Themse-Flair an seinen Arbeitsplatz geholt. Das Silo hat er gemietet und als Studio ausgebaut, gegen alle Widerstände. Er erzählt, dass der Besitzer des Silos zuerst nur den Kopf über seine Idee geschüttelt habe, dessen Frau ihn dann aber überredete, dem Projekt zuzustimmen. Auch die Baubehörde musste erst mühsam überzeugt werden. Inzwischen haben sich auch andere Querdenker und Kreative hier angesiedelt: Es gibt ein extravagantes Blumenstudio, bei Pur Südtirol werden Produkte aus der Region verkauft – wobei das Interiordesign von Harry Thaler stammt – und gegenüber kann man sich im Backshop der Meraner Mühle mit Getreide und Mehlen eindecken.
Das Silo-Studio
Auf jeder der fünf Etagen des ehemaligen Silos ist nur ein einziger Raum untergebracht – dazu gehören eine Werkstatt, ein Showroom, das Büro und eine Wohnküche. Ein Luftschacht erstreckt sich über die volle Höhe des Gebäudes, was sich zu einem ziemlich beeindruckenden Raumerlebnis fügt. Die Betonwand funktioniert mit ihren schmalen Holzregalen als eine Art Ausstellungs-Space, der sich ständig wandelt. Gerade reihen sich dort die 2,5 Millimeter dünnen Metalle auf, aus denen Thalers Pressed Chair (von Nils Holger Moormann) gefertigt wird – seine Abschlussarbeit am Royal College of Art, die ihm sogleich seinen Durchbruch als Designer brachte. Eine Wendeltreppe aus schwarzem Stahl erschließt die einzelnen Geschosse.
Betritt man das Gebäude, ist man gleich mittendrin im Geschehen. Dem selbst entworfenen Werkstattschrank, der mit einer Holzklappe komplett verschlossen werden kann, steht ein großer Arbeitstisch gegenüber. Überall liegen Werkzeuge, Materialproben und Prototypen herum. Spätestens hier ahnt man: Harry Thaler liebt es zu werkeln und auszuprobieren. Kein Wunder, denn er hat vor seinem Designstudium in London eine Ausbildung zum Goldschmied gemacht. Das Handwerk prägt seine Arbeit als Designer auch heute noch und zeigt sich insbesondere an Thalers Herstellungs-, Material- und Detailverliebtheit. Auch zuhause in Algund, nur wenige Kilometer von seinem Studio entfernt, hat er sich eine kleine Werkstatt eingerichtet und probiert dort Prototypen aus.
Die Südtirol-Connection
Neben seinen Qualitäten als Designer ist Harry Thaler besonders gut darin, die richtigen Leute miteinander bekannt zu machen – seien es Hoteliers, Gastronomen, Handwerker oder Designer. Das funktioniert in Südtirol besonders gut, da die Region klein und gerade die Designszene überschaubar ist. Und egal, wohin man blickt: Überall tauchen Entwürfe von Harry Thaler auf. Eine seiner bekanntesten Arbeiten dürfte fast jeder Südtirol-Besucher schon einmal gesehen haben: die Geschäfte von Pur Südtirol, die es neben Bozen und Meran demnächst auch in Brixen, Bruneck und sogar in der Schweiz geben wird. Als Art Director ist Thaler nicht nur für die Gestaltung der Läden und gastronomischen Räume zuständig, sondern hat mit Pur Manufactur gleich ein eigenes Label entwickelt. Thaler, befreundete Designer und vor Ort ansässige Handwerker entwerfen und fertigen Dinge für die Küche und den gedeckten Tisch – aus Materialien wie Holz und Leinen und mit Handwerkstechniken, die typisch sind für die Region wie das Drechslerhandwerk oder die Stickerei.
Dass Südtirol in den letzten Jahren immer wieder als (Design-)Destination ausgerufen wird, hat auch ein wenig mit Harry Thaler zu tun. Für seinen Freund Tyler Brûlé, den Gründer der Lifestyle-Magazine Wallpaper und Monocle, hat er in Meran ein Haus eingerichtet. Inzwischen hat der umtriebige Kanadier in Meran auch einen Monocle-Shop eröffnet, neben Filialen in London, Zürich und Tokio wohlgemerkt. Harry erzählt, dass Brûlé zweimal im Jahr ein Fest veranstaltet, zu dem viele kreative und designaffine Menschen eingeladen werden, insbesondere die junge Generation, die sich nicht in Konkurrenz zueinander sähe, sondern das Miteinander schätze, wie Thaler sagt. „Tyler hat hier ziemlich viel bewirkt“, ergänzt er noch.
Das Multitalent
Harry Thaler arbeitet immer wieder auch als Architekt. „Die Architektur hat als Passion angefangen“, erzählt er. Selbst kein ausgebildeter Architekt, arbeitet er bei seinen Bauprojekten mit Bauingenieuren, Geometern und Statikern zusammen. Die Architektur schätzt er als gute Einnahmequelle, aus der manchmal auch Produkte hervorgehen. In Bozen hat Thaler vor einem halben Jahr sein viertes Architekturprojekt abgeschlossen: ein Einfamilienhaus aus Beton mit 200 Quadratmetern Wohnfläche auf einem sehr kompakten Grundstück. Und Harry Thaler wäre nicht Harry Thaler, würde er sich nicht auch dort noch um das letzte Detail kümmern. So hat er mit den Kindern des Bauherrenpaares einen Workshop veranstaltet, bei dem sie die Türgriffe des Familienhauses mitgestalten konnten. Sie wurden anschließend in Metall gegossen und ihre Handabdrücke verewigt.
Hört man dem Designer zu, merkt man, dass es gerade diese vermeintlich kleinen gestalterischen Dinge sind, die ihn besonders faszinieren an seinem Job. Vielleicht macht ihn gerade diese Eigenschaft so erfolgreich – gemeinsam mit seinem bodenständigen, bescheidenen und netten Wesen. Spricht man den Designer auf den in Südtirol noch immer latent vorhandenen Nationalismus an, fällt seine Antwort eindeutig aus: „Sono cento per cento italiano“, sagt er und gießt noch etwas Espresso nach.
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